Stadtleben

Alte Säccke



Es ist nicht beleidigend gemeint, einfach mal zu konstatieren, dass die
Volksbühne das Theater der alten Säcke ist. Der Chef: Ein alter Sack. Die
Schauspieler, Dramaturgen, Bühnenbildner, Regisseure, die das Haus einst
berühmt gemacht haben: heute zumeist alte Säcke. Und auch die alten Säcke im
Zuschauerraum, sagen wir mal Kollege Rüdiger oder ich, gehen vielleicht nicht
mehr am liebsten in die Volksbühne (manchmal eher am unliebsten). Aber wenn wir
uns an schönen Erinnerungen wärmen wollen („Weißt Du noch: Wuttke! Rois!
Hübchen!“), landen wir da, wo alte Säcke halt so landen: Am Rosa Luxemburg
Platz. Insofern ist es nur konsequent, dass der Zuschauerraum der Volksbühne in
dieser Spielzeit komplett vom Gestühl befreit wurde, und das Publikum sich seit
Monaten mehr oder weniger bequem auf, genau: Säcken lagern muss. Es handelt
sich angeblich um Seesäcke, es gibt dafür garantiert auch irgendein Bedeutung
simulierendes Konzept, das der Chefdramaturg jedem, der nicht schnell genug
weghört, auch gerne ausführlich erklärt. Aber Konzept hin,
Dramaturgengeschwurbel her: Am Ende geht es um alte Säcke.

Und alte Säcke fangen nach einiger Zeit an zu muffeln, erst Recht, wenn
sie Tag und Nacht im Theater rumgammeln. Neulich saß eine Kollegin bei einer
Volksbühnen-Premiere auf so einem streng riechenden Sack. Und weil die
Aufführung beim besten Willen nur einen eher kleinen Teil ihres Reflexionsvermögens
in den Bann zu ziehen vermochte, hattet sie viel Zeit, über die Duftwolken
nachzudenken. Roch der Sack nach nassem Hund oder eher nach Penner? War der
Gestank Teil des Regiekonzepts oder einfach der Beweis für die Fähigkeit der
Volksbühne, Menschen aus den unterschiedlichsten sozialen Milieus ins Haus zu
locken? Fragen über Fragen.
Übrigens gibt es einen Trick, es sich auf den Seesäcken im Zuschauerraum
gemütlich zu machen: Man muss den Karabinerhaken, an dem sie befestigt sind,
aufmachen. Ausgerastete, muffelnde, alte Säcke – das ist die Volksbühne. Es
gibt schlimmeres.
Peter Laudenbach

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