Stadtleben

Altehrwürdiges Meucheltum

Theater verdirbt den Charakter. Wer sein Berufsleben auf der Bühne verbringt, hat beste Chancen, heiteren Größenwahn, Schrulligkeiten aller Art und frei schwebendes Diventum zu kultivieren und das auch noch für den Ausdruck einer interessanten Persönlichkeit zu halten. Ein Prachtexemplar dieser Theater­verstrahlung ist die in London lebende 75-jährige Regisseurin Gretchen Morgenthau, ein Luxus-Geschöpf, das sich außer für Artaud und Moliиre vor allem für edle Mode und natürlich für die eigene Egozentrik interessiert. Die Zumutungen eines luxusfreien Daseins sind nicht so ihre Sorte Tee: „Armut, so dachte sie, müsse man sich leisten können, ein zu teures Vergnügen, als dass sie je die Muße dafür gehabt hätte.“

Ihr Berufsweg ist genretypisch vertrackt. Nach jugendlichen Träumen, entweder zum Zirkus zu gehen oder Auftragsmörderin zu werden, wirkt die Entscheidung, es stattdessen mit dem Theater zu versuchen, nur konsequent, wenn auch nicht unkompliziert: „Am Max Reinhardt Seminar wollte man Gretchen nicht, obwohl sie sich beim Vorsprechen extra die Stirn aufgeschnitten und mit ihrem Blut das Wort Knutschen auf den Boden gemalt hatte.“ Über das, was sie im Theater erwartet, macht sie sich keine Illusionen: „In der Welt der Regisseure und Intendanten aber, in einer von Großmannssucht und Pfauentum verschwitzten Dünkelwirtschaft, schaffte sich nur Respekt, wer das Messer in den Rücken des Lehnsherren zu bohren verstand, exakt zwischen den Schulterblättern, tief, sehr tief. Dafür brauchte es Nerven aus Stahl und eine ausgeprägte Affinität zum altehrwürdigen Meucheltum.“ Kein Wunder, dass eine Frau es in diesem Milieu nicht leicht hat.

„Dem Weib war es zwar unbenommen, die Mutter Courage zu mimen, außerhalb der Bühne aber sollte es vorzugsweise pene­triert werden oder sonst wie zu Diensten ein. Gretchen Morgenthau war diesbezüglich eine äußerst unangenehme Partie, weshalb ihr wohl auch keine Steine, sondern ganze Steinbrüche in den Weg gelegt wurden.“ Die Bekanntschaft der erstaunlichen Gretchen Morgenthau verdanken wir dem lakonisch komischen, charmant gnadenlosen Roman „Gretchen“ eines Autors, der zwar vom Theater keine Ahnung, aber dafür jede Menge gut gelaunten Spott hat. Der Autor nennt sich einzlkind, sein erster Roman „Harold“ war ein Bestseller, auch wenn Gretchen findet: „Es gibt nichts Schlimmeres als Schriftsteller mit einem Pseudonym.“

einzlkind: Gretchen, Edition Tiamat,
240 Seiten, 18 Euro

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