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Berlin verstehen

Push the Button? Was der Druck auf den Ampelknopf wirklich bringt

Wie auf Autopilot stellen wir uns, wenn wir in Berlin einmal zu Fuß unterwegs sind, vor den Fußgängerüberweg, schauen gedankenverloren nach rechts und links, drücken auf den gelben Ampelknopf – und warten dann ungeduldig. Doch was bringen die Berliner Idiotentasten – wie sie in der Branche liebevoll genannt werden – eigentlich wirklich? Redakteur Patrick Maynard fand es heraus.

Ampelknopf Drücken, warten, gehen: Die gelben Ampelknöpfe in Berlin ziehen uns Fußgänger:innen magisch an. Dabei drücken wir in den meisten Fällen komplett umsonst, wie ein Test dieser Redaktion herausfand.
Drücken, warten, gehen: Die gelben Ampelknöpfe in Berlin ziehen uns Fußgänger:innen magisch an. Dabei drücken wir in den meisten Fällen komplett umsonst, wie ein Test dieser Redaktion herausfand. Foto: Imago/blickwinkel

Ampelknopf an Fußgängerüberwegen: Was bringt er wirklich

Die meisten Bewohner:innen Berlins würden sich wohl nicht selber als Idiot:innen bezeichnen. Und dennoch drücken tausende Menschen jeden Tag an den Fußgängerüberwegen dieser Stadt mit voller Überzeugung auf Vorrichtung, die unter Industriedesigner:innen auch „Idiotentaste“ genannt wird. Die verhöhnende Bezeichnung hat ihre Berechtigung: Denn diese Knöpfe bewirken tatsächlich so gut wie – nichts. Zumindest nicht für jene, die meistens am aggressivsten auf sie einhämmern, weil es möglichst schnell gehen soll.

Als Ende Januar ein wegweisendes Gesetz zur Verbesserung der Situation der Berliner Fußgänger:innen auf den Weg gebracht wurde, kam bei manchem vielleicht die Hoffnung auf, die Stadt habe mittlerweile etwas mehr Respekt vor uns leichtgläubigen Fußgänger:innen entwickelt. Aber ein von unserer Redaktion durchgeführter Test an Dutzenden von Kreuzungen in ganz Berlin beweist etwas Gegenteiliges: Die Hauptstadt hat noch einen weiten Weg vor sich – bis sie sich endlich wirklich als fußgängerfreundlich bezeichnen darf.

Nach dem Überqueren von 30 Berliner Fußgängerüberwegen stellten wir ernüchtert fest: 28 der Knöpfe, die wir gedrückt hatten, hatten keinerlei Auswirkungen auf die Länge der Zeit, die wir auf das grüne Ampelmännchen warten mussten – was wohl die Mehrheit annehmen würde. Bei den beiden Ausnahmen handelte es sich um große Straßenbahnkreuzungen, bei denen davon auszugehen ist, dass die zeitliche Verzögerung eher auf das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Straßenbahnen, und weniger auf das Drücken der Taste zurückzuführen ist.

Alles also nur Placebo? Der Ampelknopf ist (auch) fürs gute Gefühl da

Man steht also am Bordstein und hofft, dass die Ampel grün wird, und irgendwie beschleicht einen das Gefühl, dass das Handauflegen unter dem „Bitte berühren“-Schild genau so unproduktiv ist wie das Pusten gegen ein riesiges Windrad am Berliner Stadtrand… Nun ist dieses Gefühl wahrscheinlich auch gar nicht einmal so falsch. Außer eben am Stadtrand, wo es eine Handvoll Fußgängerampeln gibt, die in Ruhezeiten wirklich auf den Druck reagieren.

Die Idiotentaste, die, diplomatischer ausgedrückt, auch als „Placebo-Knopf“ bezeichnet wird, gehört zu einer eigenen Gattung von Gerätschaften, die nur dazu da sind, den Benutzer:innen vorzugaukeln, er besitze die Kontrolle über eine Situation. Die Lüge, auf denen die Idiotentasten beruhen, ist also eine wohlwollende, könnten die Entwickler:innen behaupten. Nur könnten wir Berliner Benutzer:innen uns angesichts dieser List auch ernsthaft und zurecht betrogen fühlen.

Übrigens: In Berliner Aufzügen wird diese Art der Täuschung auch propagiert – und zwar in Form einer Taste, die zum Schließen der Tür gedacht ist, leider aber selten etwas bewirkt. Dies hat leider zur Folge, dass der Kollege oder die Kollegin, dem/der ihr höflich aus dem Weg gehen wollt, es mit ziemlicher Sicherheit noch rechtzeitig schafft sich durch die Schiebetür des Lifts zu zwängen, bevor diese sich schließt. So gesehen sind sogar die allermeisten Bürothermostate Idiotentasten, da die Temperaturregelung in Wahrheit entweder von einem Algorithmus auf einem Computer im Keller oder von einem Lakaien im obersten Stockwerk gesteuert wird.

Für einige ist der Knopf trotzdem nicht idiotisch: Das Grün kommt nicht schneller, aber dafür länger

Ampelknopf Laut der Berliner Verwaltung verlängern die ominösen Ampelknöpfe die Grünphase für Passant:innen.
Laut der Berliner Verwaltung verlängern die ominösen Ampelknöpfe die Grünphase für Passant:innen. Foto: Imago/blickwinkel

Die Berliner Verwaltung ihrerseits sieht keinen Anlass für eine Entschuldigung wegen der Täuschung durch die städtischen Idiotentasten. Ein Sprecher der Berliner Senatsabteilung für Verkehr, Umwelt und Klimaschutz räumt auf Anfrage ein, die Knöpfe täten zwar nicht das, was viele Fußgänger:innen über sie dächten. Allerdings verlängerten sie bei den meisten Fußgängerampeln die Zeit der Grünphase für Passant:innen – was zum Beispiel Menschen mit körperlichen Einschränkungen hilft. Was wiederum gar nicht so idiotisch ist. An anderen Ampeln gebe die Taste zudem ein akustisches oder taktiles Signal für blinde Menschen ab. Eigentlich ist damit eher der Begriff Idiotentaste das Problem als die Taste selbst; erfüllt sie doch auch, wenn die Mehrheit keinen Vorteil hat durch das Drücken, eine wirklich wichtige Funktion.

Da die Knöpfe „wie vorgesehen“ funktionierten, so weiter in der Erklärung, beabsichtige die Regierung keine Anpassungen, etwa um das Erscheinen des grünen Ampelmännchens zu beschleunigen. Stattdessen heißt es: Die Stadt treibe verschiedene, andere Verbesserungen für Fußgänger:innen voran, wie zum Beispiel die Erhöhung der Anzahl von Schutzinseln und die Verbesserung der Fußwegbeleuchtung.

In jedem Fall könnten die Berliner Fußgänger:innen am Ende den Kürzeren ziehen. Denn während Autos weiterhin die europäischen Städte verstopfen und während des Fahrens Treibhausgase ausstoßen, warnte eine Studie des British Geological Survey (BGS) kürzlich davor, dass heiße und trockene Sommer auf dem Kontinent zu einer „Schwundaktivität“ auf Straßen und Gehwegen führen könnten. Wenn man also als Fußgänger:in lange genug an der Ampel wartet – nicht Minuten, nicht Stunden, sondern Jahrzehnte – könnte sich die Straße in ein für Autos unbefahrbares Chaos aus Rissen und Spalten verwandeln. Dann bräuchte es letztendlich gar keine Knöpfe mehr, und die einzige Option wäre es zu laufen.

  • Der Text ist zuerst bei unserem Schwestermagazin Exberliner erschienen. Aus dem Englischen übersetzt von Rosanna Steppat.

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