Stadtleben

Angst

Stimmt schon: Wenn man mal nur die Anzahl der Plätze in den Nervenheilanstalten nimmt, dann gibt es eine Menge Angst in Berlin.  
Und wenn man dann noch die Panik all der Eltern dazuaddiert, die fürchten, ihrem Nachwuchs mit der Wahl der falschen Kindertagesstätte oder Schule die Karriere zu versauen, dann hat man schon ein ziemlich hohes Schiss-Niveau.
In Berlin machen sich auch sonst eine Menge Menschen in die Hose: Es gibt schon durch die pure Existenz des Bundestages viele Politiker, die Angst haben, nicht mehr gewählt zu werden – weil sie in diesem Falle vor dem Nichts stehen. Es gibt in der Hauptstadt eine Menge Journalisten, die fürchten, ihren Job zu verlieren – man kann es ja in ihren Artikeln andauernd lesen, wie schlecht es um die Branche bestellt ist und wie sehr gespart werden muss.

Es gibt daneben noch die wirklich armen Schweine: Ausländer, die Angst haben müssen, in Bezirken wie Lichtenberg überfallen zu werden. Busfahrer, die Angst vor Jugendlichen haben, die zu viel Bushido hören. Andere schleichen furchtdurchströmt durch Neukölln, weil im „Spiegel“ immer mal wieder steht, dass es hier läuft wie weiland in der South Central L.A. und nicht alle diese Übertreibungen durchschauen.

Porsche- und SUV-Fahrer haben Angst, dass ihre Autos angesteckt werden, Jogger, dass sie in Hundescheiße treten, die Kokser, dass sie wieder nur Rattengift erwischen, Ladenbesitzer am 1. Mai vor kaputten Fensterscheiben. Die Touristen haben Angst, vom Flughafen Schönefeld nicht wegzukommen, und die Autofahrer am Großen Stern, dass ihnen die herumlungernden Windschutzscheibenputzer zu viel Geld abknöpfen wollen.  

Im Prenzlauer Berg haben sie Angst, dass wieder irgendjemand schreibt, dass sie Spießer sind, die nur beim Bio kaufen, und Helene Hegemann hat vielleicht Angst, dass die „FAZ“ anruft und sie fragt, ob sie sich für die Werbekampagne „Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“ auf einen Kopierer setzt. In vielen Restaurants haben sie Angst, dass irgendwann doch jemand merkt, dass sie gar nicht kochen können oder das Bezirksamt eine weitere Ekel­liste ins Internet stellt. Hertha hat Angst vor dem Abstieg, Wowereit davor, dass es irgendwann zu offensichtlich wird, dass er den Job nur noch auf halber Arschbacke macht, und die CDU hat Angst, trotzdem keine Alternative zu haben.
Aber sonst muss sich hier niemand vor irgendetwas fürchten!

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