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Berlin im Schockzustand

Anschlag vom Breitscheidplatz: Empathie schlägt Hass

Es kann jeden treffen! Diese Einsicht herrscht nach dem Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt auch in Berlin vor. Doch statt sich gegenseitig aufzuhetzen, interessiert man sich in der Hauptstadt vor allem um das Wohlergehen der anderen

Foto: Andreas Trojak / wirSiegen.de / flickr.com / CC BY 2.0

Fast ein Dutzend SMS, mehrere Anrufe, oft von ausländischen Bekannten, jede Menge What‘s-App-Anfragen, außerdem Facebook-PNs von Leuten, mit denen man eigentlich nur pro forma befreundet zu sein glaubte: Seit gestern Abend, seit dem schrecklichen Anschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche, erleben wir Berliner, dass man sich Sorgen um uns macht. Und nicht wenige Hauptstädter sehen sich veranlasst, auf sogenannten Safety-Check-Seiten in sozialen Netzwerken zu bekunden, dass es ihnen gut geht, sie nicht zu den Opfern des Anschlags gehören.

Sind solche Bezeugungen lächerlich oder gar wichtigtuerisch? Angesichts eines Risikos, dass trotz allem im Minimalbereich liegt? Wollen sich da Leute wenigstens einmal in das Zentrum des Weltgeschehens drängen?

Keinesfalls. Denn jeder hätte sich just im falschen Moment an der Gedächtniskirche aufhalten können: Wer den Weihnachtsmarkt nicht ansteuerte, war vielleicht unterwegs zu anderen Einkaufsmöglichkeiten wie dem Europa-Center, dem Bikini-Haus oder den Kaufhäusern am Tauentzien. Oder auf dem Weg zu einer Anschlussverbindung mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Oder streifte einfach nur nach der Arbeit ein wenig durch die Stadt.

Es kann jeden treffen. Dies ist seit gestern Abend einmal mehr traurige Gewissheit. Genau deshalb werden diese „weichen Ziele“ von menschenverachtenden Fanatikern auch angesteuert: um größtmöglichen Terror zu verbreiten. Um unsere Gesellschaft zu diskreditieren, in der das Zusammenleben und der Zusammenhalt sehr viel besser funktionieren, als es angesichts der alltäglichen Auseinandersetzungen manchmal scheinen mag.

Solange wir uns umeinander sorgen, sich alt- und neueingesessene Berliner genau wie Menschen von Außerhalb Gedanken um das Wohlergehen der anderen machen, wird das nicht gelingen. Empathie ist eine Form von Liebe – und das Gegenteil von Hass. Wer in diesen Stunden Mitgefühl empfindet, peitscht die Stimmung nicht auf, sondern ist – wie offensichtlich eine klare Mehrheit – an Fakten und echter Aufklärung rund um das Geschehen interessiert. Statt für irrlaufende Hetze brauchen wir unsere ganze Kraft ohnehin für diejenigen, die auf ihre besorgten Anfragen kein befreiendes „alles okay“ bekommen haben. Welch’ ein Schock! Die von dem Anschlag Betroffenen, die Freunde und Verwandten der Getöteten brauchen genauso wie die vielen Verletzten, nun jede Unterstützung. Dass sie diese bekommen werden, dürfte in einer Stadt, in der sich die Menschen nach dem gegenseitigen Wohlergehen fragen, ziemlich sicher sein.

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