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Berlin verstehen

Anstehen in Berlin: 12 legendäre Warteschlangen, die wir nie vergessen werden

Berlin stellt sich aber auch an. Steht wieder Schlange. Muss warten. Braucht Geduld. Und Geduld war noch nie Berlins Stärke. Und jetzt hat uns die Corona-Zeit wieder das Warten gelehrt.

Schon in der Hochphase des Pandemie-Lockdowns war das so. Man stand am Supermarkt an, am Baumarkt. Und jetzt, wo die Geschäfte wieder geöffnet haben, aber immer noch nur mit Mindestabstand und Höchstzahl an Kunden im Laden, geht das Anstehen erst richtig los. Überall Schlangen: am Restaurant, an der Weinbar, vor dem Kino, beim Fahrradladen, vor dem Klamottengeschäft. Ganz zu schweigen von Strandbädern an heißen Tagen.

Schlange stehen in Berlin, das war aber schon immer eine Art Lebensgefühl. Das Anstehen klaute zu allen Zeiten unsere Zeit. Ob in jüngeren Jahren vor dem Berghain, bei Wohnungsbesichtigungen, auf dem Bürgeramt. Oder früher, als der alte Tresor schloss, als das MOMA kam. Oder die D-Mark.

Hier sind 12 legendäre Warteschlangen, die wir nie vergessen werden.


Die Knut-Show: Der Eisbär und die Schlangen

Der kleine Eisbäre Knut und Besuchermassen im Zoo Berlin, 2007
Berlins liebstes Knuddeltier: Eisbär Knut, 2007. Foto: imago images/Sven Lambert

Unser aller Knuddelbär: Knut war im Dezember 2006 der erste Eisbär seit 30 Jahren, der im Berliner Zoo das schummrige Licht der City West erblickte. Eine kurze, wilde, heftige Liebe. Und ein trauriges, tragisches Ende.

Die Berliner*innen standen stundenlang Schlange für den handaufgezogenen Flauschtraum, außer Leonardo DiCaprio und Sigmar Gabriel, die durften außer der Reihe zum Fotoshooting mit ihm, aber nicht gleichzeitig. Der eine für ein Zeitschriften-Cover, der andere für eine Patenschaft. Und eine vornehmlich weibliche Fangruppe namens „Knut forever in Berlin“ schaute täglich nach dem kleinen Racker.

Die Live-Shows mit seinem Tierpfleger Thomas Dörflein zogen insgesamt eine Million Menschen an. Im Juli 2007 wurden sie eingestellt. Knut sah mittlerweile dann doch einem bratzigen Raubtier ähnlicher als einer Kuscheldecke de luxe. Und dann das traurige Ende: Dörflein starb 2008 am kaputten Herzen, Knut 2011 am kaputten Hirn. Beide viel zu jung.


Die finale Party: Als der „alte“ Tresor zum letzten Tanz bat

Zum letzten Mal in den alten Tresor in der Leipziger Straße: Im April 2005 schließt der legendäre Club.  Foto: imago/Christian Schroth
Zum letzten Mal in den alten Tresor in der Leipziger Straße: Im April 2005 schließt der legendäre Club. Foto: imago images /Christian Schroth

Ein letztes Mal stundenlang anstehen. Ein letztes Mal die Nächte im Strobolicht drangeben. Ein letztes Mal durch die legendäre Tür hinein in den Tresorraum des früheren Wertheim-Kaufhauses unweit des Leipziger Platzes. Dann macht es Wumm! An einem Apriltag 2005 schließt Dimitri Hegemann den legendäre Club nach 14 Jahren an seinem Ursprungsort. Die Raver kommen noch einmal, als gäbe es kein nächstes Mal, sie stehen stundenlang an. Und wer sich nach an diese letzte Party erinnern kann, war sicher nicht dabei.

Seit 2007 residiert der Tresor in einem Nebengebäude des Heizkraftwerks Mitte in der Köpenicker Straße. Wo einst der „alte“ Tresor lag, steht jetzt ein Bürohaus. Wie das Berlin eben so ist.


Die It-Schlange: Das MOMA in der Neuen Nationalgalerie

Schlange vor der Neuen Nationalgalerie 2004: "Das MOMA in Berlin"
Schlange stehen in Berlin: Als das MOMA in die Nationalgalerie kam. Foto: imago images/Schöning

Die Mutter aller Schlangen im Nachwende-Berlin. Eine schier endlose Menschenkette, die sich im Jahr 2004 stellenweise mehrfach um Ludwig Mies van der Rohes Flachbauwunder herumwand. Würstchenverkäufer standen Spalier. Gaukler verkürzten die Wartezeit. Und irgendein 1,50-Meter-Mindestabstand interessierte keine Sau.

Als das New Yorker Museum of Modern Art wegen Sanierung monatelang geschlossen werden musste, zeigte es für acht Monate mehr als 200 seiner berühmtesten Meisterwerke des 20. Jahrhunderts in der Neuen Nationalgalerie: von Cézanne, van Gogh, Picasso, Matisse, Dali, Kandinsky, Beckmann, Hopper, Pollock. 1,2 Millionen Besucher reihten sich vom 20. Februar bis 19. September ein. Und Schlange-stehen für „Das MOMA in Berlin“ wurde zum It-Happening des Jahres. Schön war die Wartezeit!


Schlange stehen für den schönen Schein: Die D-Mark macht rüber

Deutsch-deutsche Währungsunion: Sparkasse Rosenthaler Straße am 1. Juli 1990
Der schöne Schein: Sparkasse Rosenthaler Straße am 1. Juli 1990. Foto: imago/Rolf Zöllner

In der Nacht davor versaufen viele DDR-Bürger*innen noch schnell die letzten Alu-Chips. Dann pilgern sie im Morgengrauen heiter verkatert zu den Banken und Sparkassen. Endlich ist das neue Westgeld da. Am 1. Juli 1990 kommt die D-Mark in den Osten der Stadt und des Landes. Wie es der dicke Kanzler aus Oggersheim versprochen hat. Das Hartgeld macht rüber.

Es ist der (von vielen ersehnte, von manchen gefürchtete) Tag der deutsch-deutschen Währungsunion. Und weil man auch in Ost-Berlin das Anstehen im kollektiven postsozialistischen Blut hat, vergehen die Stunden bis zum Empfang der harten Währung einigermaßen schnell. Man kannte das Warten ja von der unverhofften Südfrüchte-Lieferung in der Kaufhalle. Auch wenn es hinterher dann doch nur kubanische Industrie-Orangen waren.

Der Umtauschkurs (je nach Alter zwischen 2.000 und 6.000 Mark 1:1, darüber 1 (D-Mark): 2 (Ost-Mark)) ist eher politisch als ökonomisch gerechtfertigt. Das dicke Ende lässt nicht lange auf sich warten. Kohls blühende Landschaften dagegen schon.

Und an der ehemalige Grenze durch Berlin sieht jetzt alles irgendwie anders aus.


Bibbern vor dem Echsenmann: Die Berghain-Schlange

Warteschlange vor dem Berghain
Die berühmteste Schlange des Berliner Nachtlebens vor Corona. Foto: imago/imagebroker

Die vielleicht am meisten beschriebene/besungene/bewunderte/bebibberte Schlange der Berliner Neuzeit. Mit den auf Zeitungspapier exzessiv herausgekübelten Medientipps, wie man angeblich an Sven Marquardt vorbeikommt, lassen sich vermutlich fingerdick die Kathedralen-Wände des Techno-Tempels tapezieren. Ja ja, wir schreiben auch hin und wieder ganz gern über den Weg ins Berghain.

Sogar App-Entwickler haben sich daran versucht, dem Mysterium Herr zu werden. Doch sie sind gescheitert wie eine stinkbesoffene Jungsgruppe um Mitternacht an der Clubtür.

Vor einigen Jahren hat der leider bereits verstorbene Journalist Marc Fischer im „Dummy“-Magazin den ewig gültigen finalen Doppel-Satz jeglicher Reportagen über die Berghain-Schlange und ihren ikonografischen Türsteher geschrieben: „Der Echsenmann schaut sie schweigend an. Dann nickt er, wie nur der Echsenmann es kann.“


Lustiges Lungern auf dem roten Teppich: Am Berlinale-Ticketschalter

Berlinale-Ticketschlange in den Postdamer Platz Arcaden
Berlinale-Ticket-Schlange in den Potsdamer Platz Arcaden. Foto: images /Bernd Friedel

Ist dieses Foto wirklich nicht einmal ein Dreivierteljahr alt? Jetzt fühlt es sich an wie aus einer fern zurückliegenden, verlorenen Zeit. Im Februar schaffte es die Berlinale mit neuer Festivalleitung gerade noch ins Ziel, bevor das neuartige Corona-Virus erst die großen, dann die kleinen und schließlich alle Veranstaltungen in die Quarantäne schickte.

So bleibt vorerst nur die Erinnung an die Schlangen vor dem Ticketcounter am Potsdamer Platz, wo die Wartezeit schon mal locker die Spieldauer des queer-feministischen Thesenfilms aus Tansania überstieg. Aber natürlich war sie es wert. Immer.


Dem deutschen Wartevolke: Anstehen am Reichstag

Zugangskontrolle am Reichstag 2011
Zugangskontrolle am Reichstag 2011. Foto: imago/Bernd Friedel

Wohin mit Mama und Papa, wenn sie zu Besuch sind, die besten Manufakturen schon kennen, für das Berghain zu alt sind und Baumärkte selber in Hülle und vor allem Fülle in der hessischen Kleinstadt haben? Klar, den Reichstag besichtigen, den Volksvertretern auf die Finger schauen. Oder zumindest auf die Tische, auf die sie ihre Finger legen, wenn sie sie nicht zur Abstimmung heben.

Seit Sir Norman Forster dem Reichstag seine rundschön geschwungene Glaskuppel aufs Dach setzte, ist das mächtige Gebäude ein noch größerer Touristenmagnet geworden. Weil aber die Kontrollen aufgrund von Antiterror-Vorsichtsmaßnahmen verschärft wurden, wurde die Schlange noch ein bisschen länger. Zwischen 2002 und 2018 zählte der Besucherdienst fast 40 Millionen Besucher. Zeitweise galt der Reichstag als meistbesuchtestes Parlamentsgebäude der Welt.


Schlange, so weit der Veggie-Döner reicht: Mustafa’s Gemüse Kebab

Schlange bei Mustafa's Gemüse Kebab am Mehringdamm, April 2018
Schlange bei Mustafa am Mehringdamm, April 2018: Der Döner-Treff musste nach einem Brand im Oktober 2019 ersetzt werden. Foto: imag/ Joko

Früher hatte Mustafa’s Kult-Imbiss seinen Stand direkt neben dem U-Bahn-Eingang am Mehringdamm. Für seinen Gemüse Kebab standen die Kund*innen Schlange, als gäbe es kein Morgen. Zumindest kein Morgen mit wichtigen Terminen. Mustafa’s Gemüse Kebab ist bei Berliner*innen wie Touristen*innen beliebt, nicht zuletzt dank diverser Reiseportale, die den Imbiss empfehlen und preisen. Dann gab es im Oktober 2019 ein Feuer, das Berlins berühmtesten Döner-Imbiss komplett zerstörte. Der daraufhin aufgestellte Ersatzstand liegt gegenüber, neben dem Finanzamt.

Und übrigens: Ja, schmeckt geil. Aber an 141 anderen Buden in Berlin auch. Die behalten wir natürlich nicht für uns: Unsere Lieblingsorte für Kebab, Köfte und Döner findet ihr hier.


Manndeckung für alle: Anstehen für das Hertha-Union-Derby

Saison 2012/2013, 2. Bundesliga, 1. FC Union Berlin, Vorverkauf von Union für das Heimspiel gegen Hertha BSC
Union-Vorverkauf für das Derby gegen Hertha im August 2012. Foto: imago/Matthias Koch .

Das waren noch Zeiten. Fußball in einem richtigen Stadion. Mit richtigen Menschen um einen herum, den Fans, diesen zumeist liebswerten Irren. Das erste Ortsderby seit der Corona-Krise zwischen Hertha BSC und Union fand in einem gähnend leeren Olympiastadion statt. Hertha BSC gewann 3:0. Es war irgendwie egal.

Das Foto oben stammt aus der Saison 2012/2013. Damals standen Union-Fans an der Alten Försterei einen halben Kilometer lang für Tickets an: für das damalige Stadtderby gegen Hertha. Strikte, nun ja, Manndeckung vom Biergarten an der Stadionrückseite bis in die Hämmerlingstraße.

Und das war damals sogar nur die Zweite Bundesliga.


Flughafen Tegel: Kurze Wege, lange Schlangen

Flughafen Tegel, lange Schlange am Check-in, Osterrückreise 2019
Ist auch erst ein Jahr her: Osterferien-Rückreise-Stau am Flughafen Berlin Tegel am 26. April 2019. Foto: imago /A. Friedrichs

Tegel: Der Flughafen der kurzen Wege und langen Warteschlangen. Was haben wir geflucht in diesen Warteschlangen, und gebangt, dass wir es noch rechtzeitig durch den Check-in schafften, dass wir nicht zwischendurch auf die Toiletten mussten, die sich zeitweise mit den Berliner Schulklos einen Wettstreit um die bedenklichsten Aborte der Stadt lieferten.

Im Herbst macht der gute alte Airport im Norden der Stadt, der 1948 während der Luftbrücke in sensationellen 90 Tagen aus dem Boden gestampft wurde und nie einen Bahn-Anschluss brauchte, aller Voraussicht nach endgültig zu. Am 31. Oktober soll ja der BER eröffnen (für die Jüngeren unter euch: Früher war das mal ein ziemlich berühmter Berlin-Witz). Und wer dort in der Schlange steht, hat mehr Zeit für Flugscham.


Schlange mit Musik: Beim Lollapalooza-Festival

Lollapalooza Berlin, 8.9.2019, Olympiastadion. Lange Schlangen an der Cashless Aufladestadtion
Irgendein Ansteh-Grund fand sich immer beim Lollapalooza-Festival. Hier die Cashless-Aufladestadtion im September 2019 am Olympiastadion. Foto: imago/Stefan Zeitz

Jetzt, wo wir uns alle nach richtigen Live-Konzerten sehnen, die nicht stattfinden können, nach im gemeinsamen Beat bangenden Heads, nach dem Schweiß der Masse und dem heißen Atem des Nächsten und Übernächsten, jetzt also vergisst man ja gern, was gerade bei Großereignissen eine unvermeidliche Begleitscheinung war: Anstehen. Anstehen am Ticket Counter, Anstehen am Dixi-Klo, Anstehen am Merch-Stand, Anstehen für die Festival-Bratwurst.

Das Lollapalooza-Festival bot dabei prototypische Erfahrungen im Zehnerpack an. 2015 war auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof an den Dixi-Klos schon mal stundenlanges Warten auf die Erleichterung angesagt. 2017 kollabierten Besucher am S-Bahnhof Hoppegarten in der Warteschlange, weil der Bahnverkehr die Massen zumindest am ersten Festivaltag nicht bewältigen konnte.

Und auch im vergangenen Jahr bewiesen die Schlangen vor dem Cashless-Schaltern, dass mit dem bargeldlosen Bezahlen auf dem Olympiagelände lange Schlangen keineswegs, wie angekündigt, passé waren.


Die historisch wichtigste Warteschlange Berlins: Bornholmer Straße, 9. November 1989

Maueröffnung auf der Bornholmer Stra0e, 9. November 1989
Irgendwann hat alles Warten ein Ende: Die Mauer öffnet sich auf der Bösebrücke, Bornholmer Straße. Foto: imago/Camera4

Jeder weiß, wo er war an diesem 9. November 1989. Diesem irren Berliner Abend. Manche lagen schon im Bett. Andere standen auf der Bornholmer Straße. Und warteten auf das Wunder.

Was vorher geschah: Günter Schabowski stolperte sich am 9. November 1989 am frühen Abend durch die in der so genannten Wende typische Pressekonferenz. Sein Stichpunktzettel sah noch rätselhafter aus als der von Jens Lehmann beim WM-Achtelfinal-Elfmeterschießen 2006 gegen Argentinen. Beim Reisegesetz stellte ein Journalist eine Nachfrage. Schabowski trug sich mit einem Holpersatz in die Geschichtebücher ein: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“

Und dann ging die Post ab. Das Ost-Paket für West-Berlin.

Um 20 Uhr verkündet die „Tagesschau“ (nur so halb-korrekt): „DDR öffnet Grenze.“ Um Viertel vor elf sagt Hajo Friedrichs in den „Tagesthemen“: „Im Umgang mit Superlativen ist Vorsicht geboten, sie nutzen sich leicht ab. Aber heute Abend darf man einen riskieren. Dieser 9. November ist ein historischer Tag.“

Ohne das Westfernsehen hätte es den Mauerfall an diesem Abend nicht gegeben. Nicht die diese Bilder. Nicht diese Warteschlange.

Und die Ost-Berliner*innen nehmen Schabowski und Friedrichs beim Wort, auf der Bornholmer Straße schwillt der Menschenstrom an. Um 23.30 Uhr lässt der Befehlshabende am Grenzübergang Bornholmer Straße den Schlagbaum öffnen.

Der Rest ist Geschichte.


Noch besser Berlin verstehen

Diese Orte und Ereignisse kennt ihr, wenn ihr in den 80er Jahren in West-Berlin gelebt habt. Ihr könnt euch immer noch nicht vorstellen, wie es war, in einer geteilten Stadt aufzuwachsen. Hier kriegt ihr einen Eindruck. Dann seid ihr vermutlich auch, wie so viele in der Stadt, zugezogen. Für euch gibt es dann ein paar Dinge, die ihr vielleicht lassen solltet. Dann klappt’s auch mit den Ur-Berlinern. Denn keiner möchte in dieser Liste der nervigsten Gruppen in der Stadt auftauchen. Ihr auch nicht, oder?

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