Stadtleben

Anwälte

In letzter Zeit sieht das Bild des Berliner Anwalts ja so aus: Mit schütterem Haar und Boskoop-farbenem Tweed-Sakko sitzt er rauchend am Cafй-Tisch und schaut existenzialistisch ins Ungefähre. Man sieht ihm quasi an, wie es hinter seiner Stirn arbeitet – wie er die grausigen Mordfälle, zu denen seine Mandanten gezwungen waren, in karger Syntax zu Sachbüchern macht. Die Rede ist von ­Ferdinand von Schirach, dessen in kurzer Folge ausgestoßene Bestseller sehr großzügig mit dem Platz umgehen und zu einem gewissen Neid im Kollegenkreis geführt haben.  Jedenfalls trifft man ständig Anwälte, die ungefragt behaupten, Schirachs Examensnote sei nicht die Beste gewesen – wie auch sein Wirken als Anwalt. Ja, möchte man diesen Kritikern zurufen, deswegen schreibt er ja auch Bücher!

Und das wäre auch das Neuste, dass eine ge­wisse Halbseidenheit dem Dasein als Anwalt ab­träglich wäre – zumal in Berlin. Denn der Anwaltsberuf kommt der Gewitztheit des Berliners entgegen. ­Seiner Art, die Autoritäten nicht anzuerkennen, ­Gesetzeslücken auszunutzen, immer gleich kumpelhaft Augenhöhe herzustellen, sich für die armen Schweine ins Zeug zu legen, ohne den eigenen ­Vorteil zu vernachlässigen. Die Stadt, früher und heute schwer subventioniert, steht ja selbst ständig unter Anklage – wegen Vorteilsnahme und Steuerhinterziehung in großem Maßstab. Die Staats­anwälte in diesem Verfahren sitzen vor allem in Süddeutschland, wo die Advokaten aussehen wie Schily. ­Im Dreiteiler mit Uhrenkette.

Solche Ehrenleute können das Leben auf großem Fuß in der Hauptstadt schwer ertragen. Und auch nicht diesen Schlendrian, der sich selbst in der Ausstattung der Berliner Anwaltskanzleien widerspiegelt: Am ehesten noch sehen sie aus wie Detekteien in guten Krimis. Sie residieren in Nebenstraßen des Kudamms, in Altbauten, die Eingänge wie Schlösser haben, aber in den Kanzleien selbst liegt abgetretener Sisal. Sie sind vollgestopft mit verstaubten Hängeordnern, hässlichen Resopal-­Bürotischen, und dahinter sitzen schon mal Typen wie Chefredakteure von Boulevardblättern: mit schmierigen gegelten Haaren, dazu Hosenträger und polierte Budapester Schuhe. Wenn sie einen Job übernehmen, sagen sie nicht: „Das kriegen wir schon hin“, sondern: „Die ficken wir“.
Pi mal Daumen hauen dich Berliner Anwälte in 80 Prozent der Fälle raus, und bei den anderen 20 geben sie dir das Gefühl, dass dich die Verurteilung eigentlich adelt. Berliner Anwälte sind herrlich ­optimistisch und selbst noch selbstgewiss, wenn alles in die Hose ging. Dann wurde man eben selbst gefickt – ist doch auch ganz lustig.

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