Architektur

Architekturprojekte für Berlin, die nie gebaut wurden: Ganz große Visionen

Berlin befindet sich im stetigen Wandel. Neue Gebäude werden gebaut, Kieze verändern sich und leerstehende oder aus der Mode gekommene Häuser fallen der Abrissbirne zum Opfer. Hinter diesen Prozessen stehen Stadtplaner, Politiker, Investoren und Architekten. Doch nicht alles, was geplant und konzipiert wurde, entsteht auch. Viele Ideen und Visionen für die Stadt landen in der Schublade, Gründe dafür gibt es viele. Die verworfenen Projekte sind mal zu teuer, andere können unpraktisch oder zu wagemutig sein. Wer erinnert sich noch an die innerstädtischen Riesenräder, Badestellen an der Spree oder an den 1000 Meter hohen Berg, den man auf dem Gelände des geschlossenen Flughafens Tempelhof aufschütten wollte? Vermutlich die wenigsten, all diese Pläne wurden nie verwirklicht.

Zum Wandel gehören auch geplatzte Bau-Träume. Nicht verwirklichte Ideen verschwinden, doch sie erzählen im Rückblick viel über die Stadt. Was nicht umgesetzt wurde, ist dennoch Teil der Geschichte. Die Berlinische Galerie trägt seit Jahren Pläne, Zeichnungen, Fotos und andere Dokumente zur nicht gebauten Architektur zusammen. Etwa 4500 Objekte umfassen heute die Bestände dieser Sammlung. Daraus stellen wir zehn unrealisiert gebliebene Projekte vor. So hätte Berlin aussehen können!


Wartehalle, 1948

Sergius Ruegenberg, Städtebaulicher Wettbewerb "Rund um den Zoo" – Modellansicht Wartehalle, 1948, PE-Papier, Schwarzweißkopie, auf Karton montiert Schenkung aus Privatbesitz, 1995. © Berlinische Galerie
Architekturprojekte für Berlin: Sergius Ruegenberg, Städtebaulicher Wettbewerb „Rund um den Zoo“ – Wartehalle, Collage, 1948. © Berlinische Galerie

Der in Sankt Petersburg geborene und in Berlin wirkende Architekt Sergius Ruegenberg (1903-1996) hat die Moderne mitgeprägt, auch wenn sein Name heute weniger geläufig ist, als der seines Kollegen Mies van der Rohe, in dessen Büro er knapp zehn Jahre gearbeitet hat, oder der Berlin-Erneuerer Hans Scharoun und Bruno Paul. Zu Ruegenbergs bedeutendsten Projekten zählt die Feierhalle auf dem Waldfriedhof in Zehlendorf, die er ebenso 1957 fertigstelle wie das Wohnhaus in der Händelallee 59, das zum Ensemble des Hansaviertels gehört. Unverwirklicht blieb hingegen sein Projekt für eine Wartehalle, die 1948 im Rahmen eines städtebaulichen Wettbewerbs entstand.


Entwurf für das Kulturforum, 1983

Architekturprojekte für Berlin: Hans Hollein, Entwurf für das Kulturforum, Modellansicht von Süden, 1983, Holz, Gips, Kunststoffe, Pappe, Metall, 51 x 140 x 140 cm (mit Haube). Übernahme aus Beständen der Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen Berlin, 1991. © Nachlass Hans Hollein
Hans Hollein, Entwurf für das Kulturforum, Modellansicht von Süden, 1983, Holz, Gips, Kunststoffe, Pappe, Metall, 51 x 140 x 140 cm (mit Haube). Übernahme aus Beständen der Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen Berlin, 1991. © Nachlass Hans Hollein

Das Kulturforum am Rande des Potsdamer Platzes gehört zu den architektonisch bedeutendsten Orten der Stadt. In der Ära West-Berliner schlug dort das kulturelle Herz. Auch heute ist das Areal, zu dem die Philharmonie, die Neue Nationalgalerie sowie Bibliotheken, Museen und weitere Institutionen gehören, wohl nur mit der Museumsinsel in Mitte vergleichbar. Die markantesten Projekte, allem voran Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie, entstanden in den 1960er-Jahren. In den 1980ern suchte der Senat nach einer neuen Gesamtkonzeption für das Kulturforum. Die internationale Jury wählte den Beitrag des Wiener Architekten Hans Hollein aus, der unter anderem weitere Bauten und eine Verdichtung vorsah. Holleins Entwurf wurde nicht realisiert, geblieben ist sein Modell.


„Rollende Gehsteige“ am Kurfürstendamm, 1969

Georg Kohlmaier, Barna von Sartory: „Rollende Gehsteige“ am Kurfürstendamm, 1969, Silbergelatinepapier / Repro der Collage, 104,5 x 127,5 cm. Schenkung Elisabeth von Sartory und Georg Kohlmaier, 2015. © Georg Kohlmaier / Elisabeth von Sartory
Georg Kohlmaier, Barna von Sartory: „Rollende Gehsteige“ am Kurfürstendamm, 1969, Silbergelatinepapier. Schenkung Elisabeth von Sartory und Georg Kohlmaier, 2015. © Georg Kohlmaier / Elisabeth von Sartory

Die 1960er-Jahre waren von einem starken Glauben an Technologie und Fortschritt geprägt. Die Sowjets schickten die Sputniks ins All und die USA gewannen den Wettlauf zum Mond. Realität und Science Fiction verschmolzen. Die westliche Welt träumte von futuristischen Städten und modernen Verkehrssystemen. In Berlin setzte man auf Autobahnen, den Autos gehörte nach damaligen Konzepten die Stadt. Dies erwies sich als Irrweg, darunter auch das 1969 von Georg Kohlmaier und Barna von Sartory entworfene Autobahnkreuz am Oranienplatz in Kreuzberg, das ebenso unverwirklicht blieb wie die Pläne für die „Rollenden Gehsteige“ am Kurfürstendamm aus dem selben Jahr.


Europa-Center, 1969

Engelbert Kremser, Europa-Center, Fotomontage, 1969, Silbergelatinepapier, 41,3 x 49 cm. Erworben aus Haushaltsmitteln der Berlinischen Galerie, Berlin, 2014. © Engelbert Kremser
Engelbert Kremser, Europa-Center, Fotomontage, 1969, Silbergelatinepapier, 41,3 x 49 cm. Erworben aus Haushaltsmitteln der Berlinischen Galerie, Berlin, 2014. © Engelbert Kremser

Wo einst das das Romanische Café als Treffpunkt von Schriftstellern, Malern und Theaterleuten zu finden war, steht seit 1965 ein Gebäudekomplex mit markantem Hochhaus – das Europa-Center. Auf 80.000 Quadratmetern befindet sich darin eine Shopping Mall mit etwa 70 Geschäften und zahlreichen Restaurants, ein Kabarett, sowie ein Hotel und ein Bürogebäude, das schon aus der Ferne gut zu sehen ist. 1969 hat der Berliner Architekt Engelbert Kremser einen futuristischen Gegenentwurf erdacht, der mit wagemutigen Formen die sachliche City-West herausgefordert hätte. Es blieb ein Traum, Kremser realisierte aber mit seiner organischen Architektur ein Gewächshaus im Botanischen Garten sowie einen Pavillon auf dem Gelände des Britzer Gartens.


Otto Bartnings Sternkirche, 1922 (Modell, 1950)

Architekturprojekte für Berlin: Otto Bartning, Sternkirche, Entwurf 1922, Modell um 1950, Gips, Holz, 42,5 x 80 x 79 cm. Schenkung der Union der Evangelischen Kirche Berlin, 2000. © TU Darmstadt, Fachgebiet Geschichte und Theorie der Architektur
Otto Bartning, Sternkirche, Entwurf 1922, Modell um 1950, Gips, Holz, 42,5 x 80 x 79 cm. Schenkung der Union der Evangelischen Kirche Berlin, 2000. © TU Darmstadt, Fachgebiet Geschichte und Theorie der Architektur

Otto Barting baute bereits in den 1920er-Jahren an der Großsiedlung Siemensstadt mit, die heute zum UNESCO-Welterbe „Siedlungen der Berliner Moderne“ zählt. Um 1922 konzipierte er die Sternkirche, die als nie realisiertes Meisterwerk des Expressionismus gilt. Visionär ist dabei vor allem Barings kuppelförmiges Dach, das sich aus spitz zulaufenden Elementen zusammensetzt. Im Inneren sollten sich Säulen gleichermaßen zu spitzen Bögen vereinen und damit an mittelalterliche Gotik erinnern. Das Modell entstand 1950, Barting selbst verstarb 1959, die Sternkirche blieb eine Vision. Mit der Gustav-Adolf-Kirche in der Herschelstraße in Charlottenburg steht jedoch bis heute eine Kirche, die 1932 nach Bartings Plänen errichtet wurde und als Klassiker der Neuen Sachlichkeit gilt.


Konzerthaus, 1919

Hermann Finsterlin, Konzerthaus, datiert 1919, (wahrscheinlich um 1960 entstanden), Aquarell auf Pappe, 25x32,5 cm. Erworben aus Haushaltsmitteln der Berlinischen Galerie, um 1978. © VG Bild-Kunst
Hermann Finsterlin, Konzerthaus, datiert 1919, Grafik um 1960, Aquarell auf Pappe, 25 x 32,5 cm. Erworben aus Haushaltsmitteln der Berlinischen Galerie, um 1978. © VG Bild-Kunst

Nach dem Ersten Weltkrieg erlebte Berlin einen Aufschwung. Auch die Architekturprojekte aus jener Zeit zeugen von neuen Denkweisen, die der Zukunft und der Moderne zugewandt waren. Statt preußischer Strenge, setzte der expressionistische Maler und Dichter Hermann Finsterlin, der sich auch als Architekturtheoretiker einen Namen machte, auf bizarre Formen, die man aus heutiger Perspektive eher in einem Fantasy-Film oder als spektakuläre Ausstattung eines Open-Air-Techno-Festivals erwarten würde. Finsterlins Konzerthaus aus dem Jahr 1919 blieb nur ein Aquarell. Leider.


Leninplatz, 1967

Architekturprojekte für Berlin: 8.) Kollektiv Manfred Jäkel, Lothar Kwasnitza, Dieter Urbach, Wettbewerbsentwurf Wohnbebauung Leninplatz, Bildcollage: Dieter Urbach, 1967,  Repro vom 13 x 18 cm Negativ Erworben aus Haushaltsmitteln der Berlinischen Galerie, Berlin, 2013 © Dieter Urbach
Kollektiv Manfred Jäkel, Lothar Kwasnitza, Dieter Urbach, Wettbewerbsentwurf Wohnbebauung Leninplatz, Bildcollage: Dieter Urbach, 1967, Repro vom 13 x 18 cm Negativ Erworben aus Haushaltsmitteln der Berlinischen Galerie, Berlin, 2013. © Dieter Urbach

Die meisten Objekte aus der Sammlung „Architektur – nie gebaut“, die die Berlinische Galerie beherbergt, konzentrieren sich auf die baulichen Konzeptionen für West-Berlin. Doch auch im Ostteil der Stadt wurde geplant und wieder verworfen. Davon zeugt etwa der Wettbewerbsentwurf für die Wohnbebauung am Leninplatz des Kollektivs Manfred Jäkel, Lothar Kwasnitza und Dieter Urbach. Wie die DDR-Architekten den Aufbau Ost vorantrieben, zeigen wir hier.


Marx-Engels-Forum, 1958-59

Gerhard Kosel mit Hanns Hopp und Hans Mertens, Marx-Engels-Forum mit „Zentralem Gebäude“, Städtebauliche Studie außer Konkurrenz zum „Ideenwettbewerb zur sozialisitschen Umgestaltung des Zentrums der Hauptstadt der DDR – Berlin“, Weiterentwicklung des Entwurfs von Anfang 1958, 1959, Fotografie: Gisela Dutschman, Repro vom 13 x 18 cm Negativ Erworben aus Mitteln der Bundeskulturstiftung, 2015 © Rechtsnachfolger Kosel, Gerhard; Hopp, Hanns; Mertens, Hans / Berlinische Galerie
Gerhard Kosel mit Hanns Hopp und Hans Mertens, Marx-Engels-Forum mit „Zentralem Gebäude“. Fotografie: Gisela Dutschman, Repro vom 13 x 18 cm Negativ. © Rechtsnachfolger Kosel, Gerhard; Hopp, Hanns; Mertens, Hans / Berlinische Galerie

Noch stand der Fernsehturm nicht am Alexanderplatz und auch der Palast der Republik sollte erst gebaut werden. Die Stadtplaner in der Hauptstadt der DDR, begannen in den 1950er-Jahren an einem sozialistischen Erscheinungsbild zu arbeiten, das Ost-Berlin für die kommende Jahrzehnte prägen sollte. Dazu zählte auch die Neugestaltung des Marx-Engels-Forum. Diese städtebauliche Studie wurde von Gerhard Kosel mit Hanns Hopp und Hans Mertens Ende der 1950er-Jahre zum „Ideenwettbewerb zur sozialistischen Umgestaltung des Zentrums der Hauptstadt der DDR – Berlin“ eingereicht. In dieser Form aber nie verwirklicht.


Bandstadt Grunewald, 1973

10.) Ralf Schüler, Ursulina Schüler-Witte, Bandstadt Grunewald, Schnitt, 1973,  Repro vom Negativ 2015 (Kunststoff gefertigte Terrassenhausreihen sollten über die AVUS gebaut werden) © Schüler-Witte, Ursulina / Berlinische Galerie
Ralf Schüler, Ursulina Schüler-Witte, Bandstadt Grunewald, Schnitt, 1973. Repro vom Negativ 2015. © Schüler-Witte, Ursulina / Berlinische Galerie

Die Umsetzung dieses Plans wäre vielleicht die gravierendste Errungenschaft des West-Berliner Wohnungsbaus geworden. Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte konzipierten in den frühen 1970er-Jahren die Bandstadt Grunewald. Einen Gebäudekomplex, der über der AVUS gebaut werden sollte. Die Menschen sollten in Terrassenhäusern über der Autobahn leben. Klingt verrückt? Nicht ganz, in Berlin ist mit der „Schlange“ in Wilmersdorf eine Autobahnüberbauung realisiert worden.


Umbau des Reichstagsgebäudes, 1992

Architekturprojekte für Berlin: Foster Associates, Realisierungswettbewerb Umbau des Reichstagsgebäudes zum Deutschen Bundestag, 1992 Ein 1. Preis, Inkjet Print, 44,2 x 80 cm Erworben aus Haushaltsmitteln der Berlinischen Galerie, 2013 © Foster + Partners
Foster Associates, Realisierungswettbewerb Umbau des Reichstagsgebäudes zum Deutschen Bundestag, 1992. Ein 1. Preis, Inkjet Print, 44,2 x 80 cm Erworben aus Haushaltsmitteln der Berlinischen Galerie, 2013. © Foster + Partners

Nach der Wende begann erneut eine wichtige Ära neuer Architekturprojekte für Berlin. Die zuvor geteilte Stadt sollte zusammenwachsen, die Bundespolitik zog von Bonn an die Spree, der Potsdamer Platz wartete auf einen Masterplan. Zu einem der wichtigsten Bauvorhaben der frühen 1990er-Jahre gehörte der Umbau des geschichtsträchtigen Reichstagsgebäudes, in dem der Bundestag seinen neuen Sitz bekommen sollte. Der britische Stararchitekt Norman Foster wurde schließlich mit dem Umbau beauftragt und plante unter anderem die begehbare Kuppel, die längst als Touristenattraktion und Berliner Wahrzeichen weltbekannt ist. Dieser Entwurf von 1992, ebenfalls aus Fosters Büro, zeigt eine nicht umgesetzte Idee: Statt der Kuppel sollte eine Dachkonstruktion über dem Reichstag errichtet werden.


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