Architektur

12 Gewerbehöfe in Berlin: Start-up-Hubs des 19. Jahrhunderts

Gewerbehöfe sind über ganz Berlin verstreut, zumeist werden die imposanten Immobilien von der Gewerbesiedlungs-Gesellschaft (GSG Berlin) verwaltet. Man findet sie ebenso im Kreuzberger Kiez wie in Charlottenburg, Wedding oder Marzahn. Von der Straße aus sieht man meist nur eine Backsteinfassade und große Toreinfahrten, betritt man das Gelände, landet man nicht selten inmitten schönster Industriearchitektur. Ob in den Bechstein-Höfen unweit des Görlitzer Parks, dem GSG-Hof in der Helmholtzstraße oder den Schellack-Höfen am Spreeufer: Es sind abgeschottete Areale mit eigenem Charme, wo gut 150 Jahre nach der ersten Industrialisierungs-Welle immer noch zahlreiche Berliner Unternehmen eine Heimat haben. Hier sind die 12 schönsten Gewerbehöfe in Berlin. Wir wünschen viel Vergnügen bei den architekturhistorischen Ausflügen zu den Start-up-Hubs des 19. Jahrhunderts.


Amperium am Humboldthain

Gewerbehöfe in Berlin: Amperium am Humboldthain. Foto: GSG Berlin
Amperium am Humboldthain. Foto: GSG Berlin

Ende des 19. Jahrhunderts begann die Firma AEG zwischen Gustav-Meyer-Allee und Voltastraße mit dem Bau des Komplexes. Es ist der größte Gewerbehof der GSG in Wedding und der zweitgrößte überhaupt. Das Areal ist beeindruckend und klassisch zugleich, die roten Klinkergebäude, martialische Krananlagen und ein spektakulärer Uhrenturm sorgen für industrielle Atmosphäre. Anfangs wurden hier Motoren, Maschinen und elektrischen Haushaltsartikel produziert. Heute treffen in dem gelungen sanierten Ensemble Wissenschaft, Forschung und High-Tech aufeinander.

  • Amperium am Humboldthain Gustav-Meyer-Allee 25, Mitte

Aqua-Höfe

Aqua-Höfe. Foto: Photo Design Ch. Lietzmann
Aqua-Höfe. Foto: Photo Design Ch. Lietzmann

Die Geschichte der GSG Berlin begann 1965. Wenige Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer war die wirtschaftliche Situation in West-Berlin schwierig. Viele Unternehmen verließen aus Sorge um die politische Situation und den Insel-Status die Stadt. Das Land Berlin im Verbund mit der Berliner Handwerkskammer beschlossen daraufhin die Förderung mittelständischer Unternehmen durch günstigen Gewerberaum. Die historischen Höfe, vor dem Krieg das ökonomische Rückgrat Berlins, boten dafür die perfekte Lösung.

So auch die Aqua-Höfe in Kreuzberg. Das denkmalgeschützte Ensemble entstand in den Jahren 1893 und 1898 und wurde durch einen funktionalen Produktionskomplex aus den 1970er-Jahren erweitert. Heute bieten die Höfe eine Heimat für die bunte und kreativ-urbane Wirtschaft Berlins, darunter Architekten, Designer, Softwareentwickler, Medien- und Kommunikationsunternehmen, Tischler, Künstler, Musiker, eine Tanzschule, ein Fitnessstudio sowie mehrere Tonstudios. 

  • Aqua-Höfe Lobeckstraße 30-35, Kreuzberg

Bechstein-Höfe

Bechstein-Höfe. Foto: Photo Design Ch. Lietzmann
Bechstein-Höfe. Foto: Photo Design Ch. Lietzmann

Die Bechstein-Höfe im Herzen von Kreuzberg 36 sind ein Ort von musikhistorischer Relevanz. Zwischen 1886 und 1907 erbaut wurden in den schlichten Backsteinbauten die weltberühmten Konzertflügel hergestellt. Mit dem Bau der Instrumente und Instrumententeile war 1988 Schluss. Heute erinnert nur noch der Namenszug am Hauptgebäude und Mosaike mit Klaviertasten auf den Gehwegen an die große Vergangenheit. Zu den heutigen Mietern gehören unter anderem Unternehmen der Kommunikations- und IT-Branche, Architekten, Film- und Fernsehproduktionen, ein Sprechfunktechniker und ein Tauchsportausrüster.

  • Bechstein-Höfe Reichenberger Straße 124, Kreuzberg

Gebauer Höfe – The Briq

GSG Projekt The Briq. Foto: Marc-Steffen Unger
GSG Projekt The Briq. Foto: Marc-Steffen Unger

Die Geschichte der Gebauer Höfe reicht zurück ins 19. Jahrhundert, der im typischen Stil der Gewerbearchitektur errichtete Komplex war einst Teil der Bleicherei und Maschinenfabrik Fr. Gebauer und dienten als Produktions- und Verwaltungsgebäude. Das in jener Zeit erfolgreiche Unternehmen ließ den Firmensitz mehrfach erweitern. Bis heute sorgen die durch zwei Toreinfahrten von der Außenwelt erreichbaren Innenhöfe für eine stimmungsvoll-verwinkelte Atmosphäre, zudem wurden die historischen Gebäude durch neue Bürohäuser ergänzt. Statt Maschinenbau bieten die Gebauer Höfe Einzelhändlern und der Dienstleistungsbranche einen attraktiven Sitz. 

  • Gebauer Höfe Franklinstraße 9-15a, Charlottenburg

Glaser-Höfe

Glaser-Höfe. Foto: Photo Design Ch. Lietzmann
Gewerbehöfe in Kreuzberg: Glaser-Höfe. Foto: Photo Design Ch. Lietzmann

Mit den Glaser-Höfen in der Blücherstraße 22 begann die Arbeit der GSG, es war der erste Gebäudekomplex, den die Immobiliengesellschaft übernommen hat. Ein guter Anfang, gehören die nach Plänen von August Gietenbruch 1910 errichteten und heute denkmalgeschützten Höfe doch zu den beeindruckendsten Beispielen des Berliner Jugendstils, den wir euch hier mit weiteren Gebäuden vorstellen. Das Vorderhaus schmücken grüne Mosaiken und aufwendig geschmückte Erker, die Innenhöfe sind weiß verklinkert und mit reichhaltigen Ornamenten versehen. Heute findet sich in den Höfen ein moderner Mix mit Unternehmen aus der Druckbranche, Medien, Architektur und IT.

  • Glaser-Höfe Blücherstraße 22, Kreuzberg

GSG-Hof Helmholtzstraße

Gewerbehöfe in Berlin: GSG-Hof Helmholtzstraße. Foto: GSG Berlin
GSG-Hof Helmholtzstraße. Foto: GSG Berlin

Ursprünglich wurde dieser Berliner Gewerbehof Ende des 19. Jahrhunderts von Siemens & Halske als Glühlampenwerk gebaut. 1919 fusionierte die Glühlampenfirma Auer-Gesellschaft, die sich 1906 die Marke OSRAM patentieren ließ, mit Teilen der AEG und Siemens & Halske – und wurde schließlich zur Firma OSRAM mit dortigem Sitz. Im Jahr 2000 begannen umfangreiche Sanierungsarbeiten und heute bietet der komplex Büroflächen für Forschung-, Gewerbe und Dienstleistungsfirmen.

  • GSG-Hof Helmholtzstraße 2-9, Charlottenburg

Peters-Höfe

Peters-Höfe. Foto: Photo Design Ch. Lietzmann
Peters-Höfe. Foto: Photo Design Ch. Lietzmann

Der Architekt und Bauunternehmer Wilhelm Peters ließ noch vor dem Ersten Weltkrieg das Gebäudeensemble an der Kreuzberger Gneisenaustraße bauen. Heute ist Peters vor allem Architekturhistorikern bekannt, dabei prägte er mit seinen Projekten die für Berlin typische Mischung aus Arbeiten in den Höfen und Wohnen in den Vorderhäusern. Als er mit den Entwürfen begann, war die Gneisenaustraße als Prachtboulevard vorgesehen, eine feine Adresse für die weiß verklinkerten, symmetrisch angelegten Hinterhöfe, in denen heute unter anderem Tischlereien, Filmproduktionen und ein Lohnsteuerhilfeverein residieren.

  • Peters-Höfe Gneisenaustraße 66/67, Kreuzberg

Prinzessinnen-Höfe

Prinzessinnen-Höfe. Foto: Photo Design Ch. Lietzmann
Prinzessinnen-Höfe. Foto: Photo Design Ch. Lietzmann

Bei den Prinzessinnen-Höfen kann man von der typischen “Kreuzberger Mischung” sprechen. Ab 1905 entstand das Areal, auf dem gewohnt und gearbeitet wurde. Schon früh siedelten sich in dem Komplex Druckereien, Modefabriken, Kinotechniker, eine Albumfabrik und chemische Betriebe an. Aufgrund von Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg kam in den 1970er-Jahren ein Neubau hinzu. Heute ist der Gewerbehof weit über Berlin hinaus als Kreativstandort bekannt. Im Coworking-Space “Betahaus” siedelten sich zahlreiche Agenturen und Kreativunternehmen an.

  • Prinzessinnen-Höfe Prinzessinnenstraße 19/20, Kreuzberg

Schellack-Höfe

Schellack-Höfe. Foto: Photo Design Ch. Lietzmann
Einst Europas größte Musikfabrik: die Schellack-Höfe. Foto: Photo Design Ch. Lietzmann

In West-Berliner-Zeiten lag dieser Gewerbehof am Rande der Stadt, nach der Wende rückte er ins Stadtzentrum und verfügt über eine vor allem für die Kreativindustrie sehr attraktive Lage am Spreeufer. Die Branche setzte schon vor gut einem Jahrhundert auf den Standort. So zog 1919 die Carl Lindström AG mit einem Aufnahme-Konzertsaal und Tonstudios ein. Ein Presswerk, eine Druckerei sowie Büro- und Lagerflächen ergänzten die Infrastruktur. Die Höfe wurden zur größten Musikfabrik Europas, gut 150.000 Schellackplatten, die dem Hof den Namen gaben, und über tausende Abspielgeräte wurden hier produziert. Sucht man nach den Wurzeln der Berliner Musikindustrie, man findet sie hier. Ganz so musikalisch geht es hier heute nicht mehr zu, aber ganz sicher kreativ. Zu den Mietern gehören Multimedia-Spezialisten, Designer, Werber, Architekten, Stadtplaner und Drucker.

  • Schellack-Höfe Schlesische Straße 26/27, Kreuzberg

Zander & Palm-Höfe

Gewerbehöfe in Berlin: Zander&Palm-Höfe. Foto: Photo Design Ch. Lietzmann
Zander & Palm-Höfe. Foto: Photo Design Ch. Lietzmann

Mit den Zander & Palm-Höfen beginnt im Prinzip die Geschichte der Gewerbehöfe in Berlin. Natürlich in Kreuzberg. 1862 entstand zunächst das prächtige Vorderhaus und bis 1875 die dahinter liegenden, schön verklinkerten Gewerbehöfe. Der Komplex ist ein frühes Beispiel für die Stadtverdichtung im 19. Jahrhundert, als die Industrialisierung die Entwicklung der Stadt anschob und immer mehr Menschen auf der Suche nach Arbeit in die Spreemetropole zogen. Aufwendig saniert beherbergen die Höfe heute unter anderem Kunstdrucker, Architekten, Hörspielproduzenten, Eventmanager, Ingenieurbüros und Messebauer.

  • Zander & Palm-Höfe Waldemarstraße 33a + 37a, Kreuzberg

Zuse-Höfe

Gewerbehöfe in Berlin: Zuse-Höfe. Foto: Photo Design Ch. Lietzmann
Zuse-Höfe. Foto: Photo Design Ch. Lietzmann

Die Computergeschichte beginnt nicht im Silicon Valley, sondern in Kreuzberg. Konrad Zuse entwarf im Keller des Gewerbehofs in der Oranienstraße 6 den ersten für die Massenproduktion gedachten, frei programmierbaren Computer – den Z4. Der legendäre Erfinder blieb dem heute denkmalgeschützten Gewerbehof, der zwischen 1875 und 1929 in mehren Phasen entstand, sein Leben lang verbunden.

  • Zuse-Höfe Oranienstraße 6, Kreuzberg

Econopark Wolfener Straße

Gewerbehöfe in Berlin: GSG econopark. Foto: Marc-Steffen Unger
GSG econopark. Foto: Marc-Steffen Unger

Die schönste Industriearchitektur in Berlin stammt aus dem 19. Jahrhundert, im heutigen Berliner Stadtteil Marzahn war das Leben damals aber noch beschaulich. Nach der Wende wurde die Tradition dort jedoch aufgegriffen, an der Wolfener Straße entstand mit dem Econopark der größte Gewerbehof Berlins. Zwischen 1995 und 1997 errichtete die GSG hier 26 Gebäude auf einer Fläche von fast 100.000 Quadratmetern, die flexibel von Gewerbe genutzt werden können.

  • Econopark Wolfener Straße 32-34 und 36, Marzahn

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Gut verborgen: Wir zeigen schöne Fotos von Berliner Hinterhöfen. Die Energielieferanten sind auch architektonisch spannend: Wir blicken auf die Kraftwerke in Berlin. Noch mehr Backstein: Architektur des Expressionismus in Berlin. Den großen Überblick über Berlins Architektur gibt’s in unserem Guide von Bauhaus bis Bausünde, von Preußen bis Postmoderne. Immer neue und interessante Geschichten über die Architektur in Berlin findet ihr hier.

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