Architektur

Hans Poelzig in Berlin: Monumente der etwas anderen Moderne

Hans Poelzig hatte als Architekt einen ganz eigenen Zugang zur Moderne. Expressionismus, Neue ­Sachlichkeit und immer ­wieder Theater prägen sein Schaffen. Er baute mit dem Haus des Rundfunks eins der spannendsten Gebäude der Stadt, am Rosa-Luxemburg-Platz begegnet man ebenfalls Poelzigs Stil. Ein Überblick über sein Leben und sein Schaffen in der Hauptstadt.

Hans Poelzig schuf das Haus des Rundfunks, das mit seinen gebrannten Klinkern, gewalltigen Ausmaßen und dem seinerzeit hohen technischen Standard beeindruckt. Foto: Imago/Pop-Eye/Christian Behring

Hans Poelzig war modern, aber vom Bauhaus weit entfernt

Kleine runde Brille und eine Haartolle, die nicht viel von der hohen Stirn bedeckt – sieht so ein Salonlöwe aus, ein Exzentriker der Hauptstadt in den 1920er-Jahren? Hans Poelzig jedenfalls war einmal so etwas wie ein Star. In der späten Weimarer Republik gefiel sich der „Meister“ – seine bevorzugte Anrede – darin, zugespitzt und lakonisch zu formulieren. Hielt er einen Entwurf für gelungen, war Poelzigs häufigster Kommentar: „Da ist Musike drin“. 

Denn so sehr er auch für eine ganz bestimmte Variante der Moderne stand, so waren ihm doch die Formstrenge und der Minimalismus der Bauhaus-Bewegung fremd. Statt kühler, industrieller Ästhetik setzte Poelzig auf Lebendigkeit, geradezu Verspieltheit. Sein Schaffen bewegte sich zwischen gestaltungswilligem Expressionismus, der in Berlin an anderer Stelle Spuren hinterlassen hat, zudem der maßgeblich von ihm geprägten Neuen Sachlichkeit, einem Hang zum Monumentalen – und immer wieder Theater. 

Der Architekt hatte einen Hang zum Monumentalen

Geboren wurde Poelzig 1869. Er wuchs in Stolpe auf, das heute ein Ortsteil von Wannsee ist. Ausbilden ließ er sich an der Technischen Hochschule Charlottenburg, ab 1899 arbeitete er als Baumeister für die preußische Regierung. Mit der Berufung als Lehrer an der Königlichen Kunst- und Gewerbeschule in Breslau nahm seine Karriere an Fahrt auf. Sein wuchtiges, aber zugleich fein abgerundetes und lichtdurchflutetes Geschäftshaus an der Ulica Ofiar Oświęcimskich (ehemals Junkernstraße) wurde schnell stilbildend. Und ein Pavillon, den Poelzig zur Jahrhundertausstellung 1911–13 errichtete, ist heute Weltkulturerbe. 

1916 wurde er Stadtbaurat in Dresden, 1919 dann Vorsitzender des Deutschen Werkbundes. Diese Vereinigung von Künstlern, Architekten und Unternehmern wollte eine neue Warenästhetik schaffen und wies den Weg in die Moderne. Form, die der Funktion folgt, dieses Prinzip entwickelte sich zur Neuen Sachlichkeit. 

„Tropfsteinhöhle“: Poelzig baute den ersten Friedrichstadt-Palast

1918 begann Poelzig mit seiner ersten Arbeit in Berlin. Eine zum Zirkus umgebaute Markthalle zwischen Schiffbauerdamm und der heutigen Reinhardtstraße sollte sich von Grund auf wandeln und ein Theater werden. Dieses Große Schauspielhaus, dessen erster Direktor Max Reinhardt war, hieß nach der Fertigstellung 1919 im Volksmund „Tropfsteinhöhle“. Denn Poelzig hatte die gusseiserne Hallenkonstruktion um eine Stuckdecke und gewaltige, wie Tropfen herabhängende Zapfen ergänzt.

Zuschauerränge der „Tropfsteinhöhle“, so nannten viele den alten Friedrichstadt-Palast zu dieser Zeit. Foto: gemeinfrei

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Halle rekonstruiert und erhielt einen neuen Namen, der heute geläufiger ist: Friedrichstadt-Palast. 1980 erfolgte der Umzug in einen Neubau, Poelzigs Vorgängerbau zählen wir zu den beeindruckendsten Berliner Theatern, die es nicht mehr gibt.

Dieser Theaterbau trägt noch deutlich die expressionistische Handschrift seines Schöpfers, der ohnehin der Kunst zugetan war. Für den Stummfilm „Der Golem, wie er in die Welt kam“ von Paul Wegener und Carl Boese fand Poelzig den entscheidenden Kniff: Seine Kulissen, wie aus Lehm gewachsene, gewundene Häuser, machen die gruselige Atmosphäre des Films aus. 

Dass ein so bühnenaffiner Architekt auch Kinos baute, kann nicht überraschen. In direkter Konkurrenz zum Ufa-Palast am Zoo baute Poelzig dort ab 1924 sein Capitol. Das außen schlichte Gebäude spielte im Innern mit expressionistischen Elementen: Unregelmäßig arrangierte Marmorplatten zeichneten das Foyer aus, und im monumentalen Saal mit seinen vielen Ecken fühlte man sich regelrecht verloren. Das Gebäude ist nicht erhalten, an derselben Stelle befindet sich heute das Bikinihaus.

Ein Musterbeispiel der Neuen Sachlichkeit: das Ensemble rund ums Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz. Foto: Imago/Steinach

Nach Originalplänen restauriert hingegen ist das Kino Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz. Das ockergelbe Gebäude gehört zu einem Ensemble, das Poelzig 1928/29 errichtete – ein Musterbeispiel für den Stil der Neuen Sachlichkeit. 

Das Haus des Rundfunks von Hans Poelzig war wegweisend

Poelzigs Hauptwerk ist das Haus des Rundfunks – ein gewaltiger Bau. Diese Festung in Klinkerbauweise zählt zum „Backsteinexpressionismus“. Das Gebäude ist nicht nur architektonisch von Bedeutung, sondern war seinerzeit auch ein Meilenstein für die zunehmende Bedeutung des Rundfunks. Ein Gebäude von vergleichbarer Größe gab es als Sendeanstalt noch nicht. Das Vorbild, das Poelzig gebraucht hätte, entwarf er einfach selbst. Seine Idee, die Studiokomplexe weit nach innen zu legen, reduzierte die Störgeräusche erheblich. Nur die Außenwände sind tragend, sodass im Innern Wände und Raumanzahl beliebig angepasst werden können. Und in der Tat ist „Musike“ in dem Haus: Nach wie vor finden in den Sendesälen Konzerte statt. Auch das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin probt dort. 

Das Haus des Rundfunks ist auch im Innern spektakulär. Hans Poelzigs Ehefrau Marlene Moeschke-Poelzig war für große Teile der Inneneinrichtung verantwortlich. Foto: Imago/Hoch Zwei Stock/Angerer

1931 wurde das Gebäude eröffnet. Die spektakuläre Inneneinrichtung stammt zu großen Teilen von Hans Poelzigs Ehefrau Marlene Moeschke-Poelzig. Sie gestaltete auch das Atelier- und Wohngebäude der Familie in Westend, wo die beiden gemeinsam arbeiteten. Unter den Nazis kam Hans Poelzigs Karriere rasch an ihr Ende. Seine Teilnahme an Architekturwettbewerben in der Sowjetunion brachte ihn als Kommunisten in Verruf. 1936 plante Poelzig die Emigration, 1937 starb er noch in Deutschland. Seine Frau gab durch die Repressionen ihr Atelier auf. Das Haus in Westend stand nie unter Denkmalschutz. Zu viele Umbauten seien vorgenommen worden, so die Begründung des Senats. Im März 2020 wurde es zum Abriss freigegeben, Im November 2021 rückten schließlich die Bagger an.


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