Architektur

Hans Scharoun verband in Berlin Eleganz und Funktionalität

Hans Scharoun gehört zu den prägendsten Architekten der Stadt. Ihm verdankt Berlin die Philharmonie und die Staatsbibliothek. Schon vor diesen wegweisenden Bauten prägte er Berlin, nach dem Zweiten Weltkrieg hatte er radikale Um- und Aufbaupläne für die zerstörte Stadt. Ein Überblick über das Leben und das Berliner Werk des Architekten.

Hans Scharoun ist der Architekt der Berliner Philharmonie, die auch scherzhaft „Zirkus Karajani“ oder „Konzertschachtel“ genannt wird. Fotos: Imago/Gora

Hans Scharouns bedeutendste Berliner Bauten stehen am Potsdamer Platz

Zu den Höhepunkten eines Besuchs in Berlin gehört für viele Menschen der Potsdamer Platz: Hier stehen die drei Hochhäuser, das Sony-Center und die Arkaden für die wiedervereinigte Stadt. Und die Uhr auf dem Platz erinnert an eine Zeit, in der das moderne Berlin zwischen Not und Glanz schillerte – eine Foto-Reise über den Potsdamer Platz im Lauf der Geschichte seht ihr hier.

Man muss vom Potsdamer Platz aber nur ein paar Schritte weiter nach Westen gehen, und man kommt in ein ganz anderes Berlin. Es ist die Stadt, wie sie der große Architekt und Planer Hans Scharoun im Sinn hatte. Mit der Berliner Philharmonie und mit der Staatsbibliothek stehen hier auch zwei seiner bedeutendsten Bauwerke. Wer jemals im großen Saal der Philharmonie eine Symphonie von Bruckner oder Mahler gehört hat, weiß, was Klang sein kann, und dass sich Berlin als Kulturmetropole neben New York oder Paris nicht verstecken muss. Und wer jemals in der Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße studiert oder geforscht hat, weiß, was Architektur mit dem Streben nach Wissen zu tun haben kann.

Hans Scharoun war für das Naziregime ein “entarteter Künstler

Scharoun steht für eine Strömung in der Architektur, die man als organischen Funktionalismus bezeichnet. Es war ihm also wichtiger, dass ein Gebäude den Anforderungen entsprach, für die es gedacht war, als dass es in ein strenges Ideenkorsett passte. Dabei war ihm immer an Eleganz und an eigenen Ideen gelegen.

Hans Scharoun gehört zu den wichtigsten Architekten der Hauptstadt. Foto: Imago/ZUMA/Keystone

Als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen, galt auch Scharoun, damals 40 Jahre alt und mehr oder weniger noch am Anfang seiner Karriere, als „entarteter Künstler“. Er blieb in Deutschland, konnte aber nur fallweise arbeiten. Für sein bekanntestes Werk aus dieser Zeit muss man nach Sachsen fahren, und es lohnt sich: Das „Haus Schminke“ in Löbau ist ein Traum von einem eigenwilligen, luftigen, gut durchdachten Eigenheim, eine Villa, die sich in den Himmel zu schrauben scheint.

Jedes Gebäude hat seine eigene Form, postulierte Hans Scharoun

Nach Kriegsende berief ihn die sowjetische Militäradministration im Frühjahr 1945 als Stadtbaurat in den Magistrat von Groß-Berlin und vertraute ihm die Leitung des Bau- und Wohnungsamtes an. Scharouns „Kollektivplan“, der eine grundlegende Neustrukturierung der Stadt und große autogerechte Trassen im Stadtbild vorsah, wurde zum Glück nicht realisiert. Das heutige Kreuzberg mit seinem regen alternativen Leben in der Oranienstraße gäbe es sonst nämlich nicht. Die Stadtplanung übernahmen in Berlin andere, 1946 wurde Scharoun zum Professor berufen – an die Technische Hochschule Berlin. Er beschäftigte sich jetzt mit dem Bau von Schulen und Bildungseinrichtungen, in denen er seine Philosophie des organischen Bauens erneuerte. Jedes Gebäude hat seine eigene Form, postulierte er. Seine Architektur entwickelte er strikt von innen nach außen, schuf Denkräume und „nestartige“ Treffpunkte für die Schüler, und richtete die äußere Form der Gebäude nach dem Innenleben.

Die Staatsbibliothek beherbergt die bedeutendste akademische Leihbücherei der Stadt. Foto: Imago/Gora

In Anlehnung an die Architekturtheorie seines Vorgängers Hugo Häring sprach Scharoun von organhafter Architektur, die sich an den Gestaltungsprinzipien der Natur orientiere. Scharoun ging es jedoch nicht darum, Erscheinungsformen des Organischen in der Natur wie zum Beispiel Bienenwaben nachzuahmen. „Die Gestalt der Schule will organhaft das Wesen des Schullebens spiegeln. Deshalb kann unser Ordnungsgefüge nicht additiven Prinzips sein. Die Reihung auch noch so gut technisch-funktionell gelöster Einzelräume genügt nicht. Es sind vielmehr die Schulteile Glieder eines Ganzen und sie wirken zusammen wie Organe im Organismus und Organismen in der Ganzheit zusammenwirken.“, so Hans Scharoun 1951.

In dieser Vielschichtigkeit seiner Architektur sah Scharoun Parallelen zur kubistischen Malerei von Pablo Picasso (1881-1973) und Georges Braque (1862-1963). Sein einziges internationales Gebäude steht in der brasilianischen Hauptstadt Brasilia, die als Ganzes ein Architekturdenkmal ist: Er gestaltete dort die deutsche Botschaft. Die Fertigstellung der Staatsbibliothek erlebte er nicht mehr: Hans Scharoun starb 1972. Die Epoche West-Berlins während der Teilung wurde nur von wenigen so geprägt wie von ihm.


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