Hinrich Baller: So hat der Architekt Berlin geprägt
Keine Frage: Hinrich Ballers Stil polarisiert. Und ob man seine Architektur nun für völlig übertrieben hält oder den Stil mit gewundenen Strukturen, Wellen, Rundungen, Pastelltönen und großen Fenstern bewundert: Kalt lassen Baller-Bauten wohl keinen. Hinrich Baller (4.7.1936–23.7.2025) hat oft mit seiner ersten Frau Inken Baller, später mit seiner zweiten Ehefrau Doris Baller, zusammengearbeitet. Wir zeigen euch Baller-Bauwerke in Berlin.
Fraenkelufer an der Admiralbrücke

Wer an der Admiralbrücke vorbeikommt, kann sie nicht übersehen: Die Häuser am Fraenkelufer gehören zu den späteren Werken des Teams Hinrich und Inken Baller und entstanden im Rahmen der Internationalen Bauaustellung 1987. Baller-Kenner:innen ordnen sie der Dekade der „Tanzenden Häuser“ zu. Das liegt vor allem an den Säulen, die die Häuser unten tragen und den Eindruck entstehen lassen, als seien sie in diesem Bereich in Bewegung. In gewisser Weise erinnert die Architektur der Ballers in dieser Zeit an die verspielten Kirchen, Häuser und Gärten des spanischen Architekten Antoni Gaudí. Aber auch die ungewöhnlich geformten Balkone, Markenzeichen der Baller-Architektur, finden sich an den Häusern am Fraenkelufer wieder.
Baller-Wohnhaus am Winterfeldtplatz

Spitze Balkone, die in die Luft ragen wie die Haarbüschel von Katzen, wenn sie einen Buckel machen, und riesige Fensterfronten, Säulen und geschwungene Linien: Das Baller-Wohnhaus am Winterfeldtplatz fällt auf zwischen den ganzen Altbauten. Hinrich Baller hat es 1999 zusammen mit seiner zweiten Ehefrau Doris fertig gestellt. 2020 erlangte das Haus dank Netflix weltweite Berühmtheit: In der Serie „Unorthodox“ wohnt die Mutter von Hauptdarstellerin Esty im Baller-Wohnhaus am Winterfeldtplatz.
Baller-Architektur an der Württembergischen Straße

Das Attribut „lichtdurchflutet“ benutzen Immobilienmakler:innen ja gerne, um Wohnungen anzupreisen – sogar dann, wenn nur wenig Licht durch kleine, geduckte Fenster dringt. Auf die Wohnungen von Inken, Doris und Hinrich Baller trifft die Beschreibung aber wahrhaftig zu – und auf das Wohnhaus in der Württemberger Straße wohl besonders. Dort besteht quasi die komplette vordere Fassade aus Fenstern. Doris und Hinrich Baller haben das Gebäude zwischen 1998 und 2000 im Auftrag des Bundes für Bundesbedienstete, die von Bonn nach Berlin zogen, bauen lassen. Damit gehört das Haus zur dritten Baller-Phase: Die zeichnet sich durch viele Ornamente und filigrane Verzierungen aus – wie zum Beispiel an den Balkonen des Hauses in der Württembergischen Straße am Preußenpark.
Baller-Stil an der Lietzenburger Straße

Das Baller-Haus in der Lietzenburger Straße sieht aus, als hätte ein Riese ganz viele UFOs (wer weiß, vielleicht sind ja mal welche in Charlottenburg gelandet) genommen, und aufeinander gestapelt. Runde Balkone schmiegen sich an runde Fensterfronten, unten tragen die typischen Säulen das Gebäude. Doch trotz seines extravaganten Erscheinungsbild passt sich das Baller-Haus gut in die Straße ein, auch wenn es den anderen Häusern der Straße ein wenig die Show stiehlt: Die angrenzenden Gebäude sind ebenfalls keine Altbauten, aber deutlich hässlicher. Das Haus gehört zum weniger bekannten Frühwerk von Hinrich Baller und dessen erster Frau Inken aus den 1970er-Jahren.
Umbau der Rosenhöfe in Mitte

Die Rosenhöfe an der Rosenthaler Straße wurden nicht komplett von Hinrich Baller gebaut, schließlich ist das Karree älter als er selbst. Der Architekt hat die Passage nur umgebaut. Trotzdem erkennt man genau, dass er und Doris Baller am Werk waren. Pastelltöne dominieren das Bild: rosa, mintgrün, türkisblau. Und auch die Geländer tragen unverkennbar die Baller-Handschrift mit den Kugeln und den geschwungenen und schiefen Metallstreben.
Kottbusser Damm 2/3

Das Gebäude am Kottbusser Damm mit den Nummern Zwei und Drei ist ein Hybrid: auf der einen Seite Bruno Taut, auf der anderen Inken und Hinrich Baller. Die Bomben des Zweiten Weltkriegs zerstörten das Gebäude bis auf die Fassade, die wie der Rest des Gebäudes aus der Feder von Taut stammt. Inken und Hinrich Baller ließen die Fassade restaurieren und dahinter einen Neubau mit versetzten Geschosshöhen errichten. Vom Parkdecks des gegenüberliegenden Supermarkts kann man den Zusammenstoß der verschiedenen Stile und Architekt:innen betrachten.
Hortgebäude der Spreewaldgrundschule

Das Hortgebäude der Spreewaldgrundschule ist der wohl skandalumwittertste Bau des Architekten Hinrich Baller, es geht um einen fehlenden Fluchtweg und die marode Holzkonstruktion unter den Fenstern. Baller unterstellte daraufhin, das Holz sei nicht richtig gepflegt worden, Bezirk und Architekt zogen vor Gericht. Als das Gebäude leer stand, verschafften sich regelmäßig Obdachlose Zugang. Die typischen Elemente der Baller-Architektur wie organische Formen und große Fenster sieht man aber auch hier.
Sporthalle der Spreewaldgrundschule

Die Turnhalle der Spreewald-Grundschule in Schöneberg ist ähnlich skandalumwittert wie das angrenzende Hortgebäude. Erstens, weil sie am Ende bald doppelt so teuer war wie angekündigt. Zweitens, weil auch hier ein Gerichtsverfahren mehr Schlagzeilen machte als die Architektur: Auslöser war das undichte Dach der Turnhalle – und Ballers Vorwurf, es sei das falsche Glas verwendet worden.
Sporthalle für Oppenheim-Schule am Schloss Charlottenburg

Anders als mit der Sporthalle der Spreewald-Schule gab es mit der Doppelsporthalle der Oppenheim-Schule in Charlottenburg keine Probleme. Mit dem Bauamt vom Bezirk Charlottenburg-Schöneberg liegt Baller aber auch nicht im Clinch. „Da herrscht Ordnung“, sagte er dem „Tagesspiegel“ 2019 in Bezug auf das Bauamt des Bezirks und verpasste dem Bauamt des Nachbarbezirks Tempelhof-Schöneberg nebenbei einen Seitenhieb. So oder so ist an beiden Turnhallen die Handschrift klar erkennbar: große Fenster, geschwungene Linien, verzierte Balkongeländer und Zäune.
Brücke auf dem Wassertorplatz

Inken und Hinrich Baller haben zusammen nicht nur Häuser konzipiert, sondern auch den Wassertorplatz verschönert. Wie das historische Wassertor, nach dem der Platz benannt ist, existiert auch die alte Brücke und der alte Wasserlauf nicht mehr. Zwischen 1981 und 1986 setzten die damaligen Eheleute eine filigrane Gartenbrücke dorthin, wo die alte Brücke stand. Außerdem ließen sie einen Teich anlegen und platzierten Skulpturen in dem Bereich.
Einkaufszentrum Castello

Berlin verfügt über viele Einkaufszentren und Shopping Malls, die mal mehr oder weniger schön sind – das Alexa zählen wir zum Beispiel zu den ultimativen Bausünden in Berlin. Und mal mehr und mal weniger erfolgreich, „Dead Mall“ lautet das Stichwort. Auch Hinrich Baller hat sich an Shopping-Mall-Architektur gewagt: Das von ihm entworfene Castello an der Landsberger Allee ist deutlich spannender gestaltet als die meisten anderen Einkaufstempel der Stadt. Auf diesem Bild besonders gut zu erkennen: die mintgrünen Stahlträger. Mintgrün gehört, wie einige andere Pastelltöne, zu den wesentlichen Merkmalen des Baller-Stils, den man vornehmlich im Westen der Stadt findet. Lichtenberg ist da eine der wenigen Ausnahmen.
Mehr Architektur in Berlin
Eine Ausstellung im DAZ würdigte 2022 endlich die Architektur von Inken und Hinrich Baller. Sie waren nicht die einzigen Exzentriker:innen: Wir zeigen euch die Architektur des Expressionismus in Berlin. So verschnörkelt und verspielt hat man auch im Jugendstil gebaut. 12 Berliner Beispiele dafür seht ihr hier. Heute ist der Ruf schlecht, aber einst versprachen sie günstigen Wohnraum für alle: 12 Großwohnsiedlungen in Berlin, von Gropiusstadt bis zum Märkischen Viertel. Nicht alles ist von Dauer: Diese 12 berühmten Gebäude in Berlin sind aus dem Stadtbild verschwunden. Immer neue Texte findet ihr in unserer Architektur-Rubrik.