Architektur

12 ungewöhnliche Kirchen in Berlin: Schräg, bizarr, modern

Wie Kirchen – nicht nur in Berlin – auszusehen haben, ist eigentlich klar. Alt. Ob Barock, Gotik, Renaissance oder Neoklassizismus, Kirchen gelten in der Wahrnehmung als historische Bauwerke und so stellt man sie sich auch vor. Dabei machten moderne Entwicklungen auch vor Gotteshäusern nicht halt. Bereits in den 1920er- und 1930er-Jahren übernahmen Architekten, die sich dem Bauhaus und der neuen Sachlichkeit verpflichteten, auch Aufträge für sakrale Bauten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg traten auch immer wieder modernistische Kirchenbauten in Erscheinung. Reduzierte Formen, die auf Prunk und Ornamente verzichteten, neue Materialien wie Beton und stilistische Verweise auf die Avantgarde prägen seitdem die Kirchen in Berlin. Hier sind 12 Beispiele für eine aufregende und ungewöhnliche Kirchenarchitektur. Schräg, bizarr und modern!


Katholische Kirche St. Ansgar

Katholische Kirche St. Ansgar. Foto: Imago/Joko
Katholische Kirche St. Ansgar in Tiergarten. Foto: Imago/Joko

Die denkmalgeschützte katholische Kirche St. Ansgar gehört zum groß angelegten West-Berliner Architekturprojekt Hansaviertel. Sie entstand 1957 im Rahmen der Interbau und galt damals aufgrund des innovativen Grundrisses und der Verwendung neuer Materialien als gelungene Lösung für modernen Sakralbau. Der Entwurf stammt von dem Berliner Architekten Willy Kreuer, der unter anderem auch die Amerika Gedenkbibliothek (AGB) und das Rathaus Kreuzberg baute.

  • Katholische Kirche St. Ansgar Klopstockstraße, Tiergarten

Kapelle der Versöhnung

Kapelle der Versöhnung. Foto: Imago/Shotshop
Kapelle der Versöhnung. Foto: Imago/Shotshop

Die 2000 errichtete Kapelle der Versöhnung steht auf den Fundamenten der 1985 von der DDR-Regierung gesprengten Versöhnungskirche. Der Standort, mitten auf dem ehemaligen Todesstreifen, gehört heute zur Gedenkstätte Berliner Mauer. Im Auftrag der Evangelischen Kirche Berlin entwarfen die Architekten Peter Sassenroth und Rudolf Reitermann den mit Holzstäben umrandeten Sakralbau, in dessen Inneren sich der ovale Kirchenraum des Lehmbaukünstlers Martin Rauch befindet. Die Kapelle der Versöhnung gehört zu den spannendsten Berliner Architekturprojekten seit dem Fall der Mauer.

  • Kapelle der Versöhnung Bernauer Straße 4, Mitte

Pfarrkirche St. Canisius

Pfarrkirche, St. Canisius. Foto: Imago/Schöning
Pfarrkirche, St. Canisius. Foto: Imago/Schöning

Die von Jesuiten betriebene St. Canisius Kirche befindet sich seit etwa 100 Jahren an dem Standort in Charlottenburg, unweit des Lietzenseeparks. Der ursprüngliche Bau wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zerstört, in den späten 1950er-Jahren baute man eine neue Kirche, die 1995 vollständig ausbrannte. Daraufhin beauftragte das Erzbistum Berlin nach einem umstrittenen Wettbewerb das Architekturbüro Büttner, Neumann, Braun mit dem Projekt. Die aus Sichtbeton errichtete Konstruktion gilt als „monumentale Bauskulptur“. Mit klaren geometrischen Formen, radikaler Formensprache und den gut elf Meter hohen Türen aus Lärchenholz gehört St. Canisius zu den modernsten und ungewöhnlichsten Kirchen in Berlin.

  • Pfarrkirche St. Canisius Witzlebenstraße 30, Charlottenburg

Martin-Luther-Gedächtniskirche 

Martin-Luther-Gedächtniskirche mit christlichen und nationalsozialistischen Symbolen. Foto: Imago/Rolf Zöllner
Martin-Luther-Gedächtniskirche mit christlichen und nationalsozialistischen Symbolen. Foto: Imago/Rolf Zöllner

Die Nazi-Architektur in Berlin ist längst nicht in dem Ausmaß zu finden, das dem NSDAP-Regime vorschwebte. Die Reichshauptstadt Germania, wie sie Hitler und seinem Lieblingsarchitekten Albert Speer vorschwebte, blieb nur die irre Vision der Nazieliten. Doch einige Bauwerke aus dieser dunklen Zeit der deutschen Geschichte gehören auch heute noch zum Berliner Stadtbild. So auch die Martin-Luther-Gedächtniskirche in Mariendorf. Besonders bizarr ist hier der Innenraum, in dem christliche und nationalsozialistische Symbolik ganz selbstverständlich nebeneinander stehen. Wie etwa die Schnitzwerke an der Kanzel: Jesus Christus mit einem Soldaten der Wehrmacht.

  • Martin-Luther-Gedächtniskirche Riegerzeile 1, Mariendorf

Gustav-Adolf-Kirche

Kirchen in Berlin: Gustav-Adolf-Kirche. Foto: Imago/Schöning
Gustav-Adolf-Kirche. Foto: Imago/Schöning

Ein Meilenstein der modernen Architektur in Berlin. Otto Bartning baute bereits als Student seine erste Kirche, es folgten Dutzende mehr. In Berlin ließ Barting ab 1932 die Gustav-Adolf-Kirche im Stil der Neuen Sachlichkeit errichten. Die Konstruktion besteht aus Stahlbeton, die Zwischenräume wurden mit Klinkerstein aufgefüllt. In der Zeit der Weimarer Republik konzentrierte man sich auf neue Wohnsiedlungen und Industriearchitektur, Kirchen standen eher im Hintergrund. Daher ist Bartings Projekt besonders, denn es vereint wesentliche Aspekte der Moderne mit den Anforderungen sakraler Bauten.

  • Gustav-Adolf-Kirche Herschelstraße, Charlottenburg

Gedenkkirche Maria Regina Martyrum

Gedenkkirche Maria Regina Martyrum. Foto: Imago/Joko
Gedenkkirche Maria Regina Martyrum. Foto: Imago/Joko

Die katholische Kirche wurde in den frühen 1960er-Jahren unweit der Gedenkstätte Plötzensee als „Gedächtniskirche der deutschen Katholiken zu Ehren der Blutzeugen für Glaubens- und Gewissensfreiheit in den Jahren 1933–1945“ errichtet. Die massive Fassade aus schlichten Betonplatten ruht auf drei quergestellten Betonwänden. Dem Architekten Hans Schädel nach, sollte damit der Anschein eines „schwebenden Körpers“ erweckt werden. Die goldene Skulptur an der Front bezieht sich auf die biblische Vision aus der „Offenbarung des Johannes“.

  • Gedenkkirche Maria Regina Martyrum Heckerdamm, Charlottenburg

Kirche zum Guten Hirten

Kirchen in Berlin: Kirche zum Guten Hirten. Foto: Wikimedia Commons/Angela Monika Arnold/CC BY-SA 2.0
Kirche zum Guten Hirten. Foto: Wikimedia Commons/Angela Monika Arnold/CC BY-SA 2.0

Die katholische Kirche hatte in der DDR keinen besonders guten Stand. So mussten sich die Gemeindemitglieder in Friedrichsfelde in den 1950er-Jahren noch mit einer Baracke als Gotteshaus zufrieden geben. Obwohl die Gläubigen weniger wurden, hatte man 1966 einen Altar geweiht und nach zähen Verhandlungen wurde Ende der 1970er-Jahre ein Neubau genehmigt, der 1983 begonnen und 1985 abgeschlossen wurde. Die Form der Kirche zum Guten Hirten unterscheidet sich klar von traditionellen Sakralbauten. Steile geometrische Flächen und der unregelmäßige Grundriss repräsentieren in gewissem Sinne das problematische Verhältnis der DDR zur organisierten Religion.

  • Kirche zum Guten Hirten Kurze Straße 4, Friedrichsfelde

Kirche zur Heimat

Kirche zur Heimat. Foto: Imago/Schöning
Kirche zur Heimat. Foto: Imago/Schöning

Peter und Wilhelm Lehrcke entwarfen die ungewöhnliche Kirche zur Heimat im Stil der Nachkriegsmoderne. 1957, im Jahr der Einweihung, stand der puristische Kubus ganz im Zeichen der Interbau. Die moderne Sakralarchitektur eröffnete neue Raumvorstellungen, so wurden etwa Wandflächen geöffnet und dank der Außenfassade aus Klarglasfenstern für natürliches Licht und eine Verbindung zur Umgebung gesorgt.

  • Kirche zur Heimat Teltower Damm 118, Zehlendorf

Paul-Gerhardt-Kirche

Paul-Gerhardt-Kirche. Foto: Imago/Joko
Paul-Gerhardt-Kirche. Foto: Imago/Joko

Ursprünglich galt die 1910, in direkter Nachbarschaft zur Schöneberger Dorfkirche, errichtete Paul-Gerhardt-Kirche als eine der wenigen Jugendstil-Kirchen Berlins. Im Zweiten Weltkrieg erlitt das Gebäude schwere Schäden und musste Ende der 1950er-Jahre wiederaufgebaut werden. Den Neubau betreute das Architekturbüro Fehling und Gogel. Die Architekten orientierten sich an einer Zeltform, da sich Dach und Außenmauern jedoch unregelmäßig verbanden, wird diese gebrochen. Daraus ergab sich eine Dreiecksgeometrie, die die aus Glas, Holz und Beton gefertigten Fassaden dominiert.

  • Paul-Gerhardt-Kirche Hauptstraße 48, Schöneberg

Kirche St. Martin

Kirchen in Berlin: Kirche St. Martin. Foto: Imago/Schöning
Kirche St. Martin. Foto: Imago/Schöning

Die in der Großwohnsiedlung Märkisches Viertel errichtete Kirche St. Martin entstand, ebenso wie die Siedlung selbst, nach Plänen des renommierten Architekten Werner Düttmann, der wie kaum ein anderer das Bauen in West-Berlin prägte. Die kubische, aus Beton errichtete Kirche ist fensterlos, einzig die in die Fassade eingeschnittenen Kreuze bilden ein dekoratives Element. Der Entwurf orientiert sich direkt an der funktionalen Bauweise der Plattenbauten und steht für einen nüchtern-weltlichen Ansatz in der Geschichte der Kirchenarchitektur.

  • Kirche St. Martin Wilhelmsruher Damm 144, Märkisches Viertel

Kirche am Hohenzollerndamm

Kirche am Hohenzollerndamm. Foto: Imago/Günter Schneider
Kirche am Hohenzollerndamm. Foto: Imago/Günter Schneider

Gotisch, aber dann doch wieder schlicht, mutet das Portal der Kirche am Hohenzollerndamm an. Die Säulen am Vorbau und die Portalgestaltung lenken den Blick nach oben, das Haus strebt in die Höhe, obwohl es ein eigentlich massiver Bau ist. Dieses Kleinod expressionistischer Architektur in Berlin, konzipiert von Ossip Klarwein aus dem Architekturbüro Fritz Högers, wehrt sich erfolgreich gegen die eigene wuchtige Form. Von außen wirkt das 1934 fertiggestellte Gebäude so, als würde man die Schwelle zu einem Fritz-Lang-Film überschreiten. Und innen scheint das Kirchenschiff unerhört leicht zu sein, weil es die Spitzbögen des Portals als Deckenform beibehält.

  • Kirche am Hohenzollerndamm Hohenzollerndamm 130, Schmargendorf

Kirche St. Agnes

Kirchen in Berlin: Kirche St. Agnes. Foto: Imago/Schöning
Kirche St. Agnes. Foto: Imago/Schöning

Im Stil des Brutalismus erbaut, ist die Kirche St. Agnes eine architektonische Ausnahmeerscheinung. Werner Düttmann baute das quaderförmige Ensemble in den Jahren 1964 bis 1967. Die Kirche diente bis 2004 als katholisches Gotteshaus, anschließend mietete sich eine evangelische Freikirche ein. Seit 2015 wird sie als Ausstellungsraum der Galerie König genutzt. Aufgrund der einzigartigen Architektur und der von König initiierten Umbauten, die unter anderem Arno Brandlhuber verantwortete, gilt die ehemalige Kirche als einer der spannendsten Ausstellungsorte der Stadt.

  • König Galerie (Kirche St. Agnes) Alexandrinenstraße 118-121, Kreuzberg

Mehr Architektur

Eine Liste mit 12 sehenswerten, eher klassisch anmutenden Kirchen in Berlin, findet Ihr hier. Immer neue und interessante Geschichten über die Architektur in Berlin findet ihr hier. Er hat zwar keine Kraftwerke in Berlin gebaut, aber die U-Bahn geprägt: Rainer G. Rümmler war einer der prägenden Architekten. Vor ihm bestimmte ein anderer den Untergrund: Alfred Grenander, dessen schönste Gebäude und Bahnhöfe ihr hier seht. Es gibt noch mehr schöne Stationen in Berlin. Diese 12 Berliner-U-Bahnhöfe sind einen Besuch wert – auch ohne Ticket. Noch mehr zu Berlins Architektur gibt’s in unser Guide von Bauhaus bis Bausünde, von Preußen bis Postmoderne.

Berlin am besten erleben
Dein wöchentlicher Newsletter für Kultur, Genuss und Stadtleben
Newsletter preview on iPad