Architektur

Nazi-Architektur in Berlin: Was vom gebauten Erbe des Dritten Reichs geblieben ist

Nazi-Architektur gehört in Berlin auch heute noch zum Stadtbild. Ab 1933 drang die Ideologie der NSDAP in nahezu sämtliche Lebensbereiche hinein, Stadtplanung und Bauwesen waren dabei zentrale Pfeiler der aggressiven Machtpolitik. Die Moderne und Bauhaus-Einflüsse wurden vordergründig abgelehnt und verboten.

Stattdessen orientierten sich Hitlers Bauherren um den wohl berühmtesten Nazi-Architekten Albert Speer an klassischen Stilelementen, völkischer Emblematik und den privaten Vorlieben des Führers. Dennoch kamen auch die Nationalsozialisten nicht an der Moderne vorbei, sie adaptierten die Konzepte und stellten ihnen ihre eigene totalitäre Version entgegen.

Hier sind 12 Bauwerke in Berlin, die im Dritten Reich errichtet wurden und die bis in die Gegenwart vom gebauten Erbe der Nazis zeugen.

Flughafen Tempelhof

Zentralflughafen Tempelhof am Platz der Luftbrücke in Berlin. Architekt Ernst Sagebiel. Foto: Imago/IPON
Zentralflughafen Tempelhof am Platz der Luftbrücke in Berlin. Architekt Ernst Sagebiel. Foto: Imago/IPON

Die Planung und erste Nutzung des Tempelhofer Felds als Flugfeld reichen bis in das frühe 20. Jahrhundert zurück, in den 1920er-Jahren haben die Berliner Stadtverordneten schließlich den Bau eines zentralen Flughafens beschlossen. Die Erweiterung des Baus und die spektakuläre Architektur gehen jedoch auf die Zeit des Nationalsozialismus zurück.

Der im Dritten Reich gefragte Architekt Ernst Sagebiel bekam 1934 den Auftrag vom Reichsluftfahrtministerium für den Neubau des Zentralflughafens und legte einen Plan für ein monumentales Bauwerk vor. Das damals flächengrößte Gebäude der Welt hat eine Länge von gut 1.200 Metern und gehört damit zu den längsten Bauwerken in Europa.

Der Flughafen Tempelhof sollte eine wichtige Rolle in Albert Speers Plänen der „Welthauptstadt Germania“ spielen.

  • Platz der Luftbrücke 5, Tempelhof

Olympiastadion/ Reichssportfeld

Glockenturm am Maifeld, Olympiapark. Foto: Imago/Schöning
Glockenturm am Maifeld, Olympiapark. Foto: Imago/Schöning

Eine der Höhepunkte der nationalsozialistischen Politik war die Austragung der Olympischen Sommerspiele von 1936. Hitler inszenierte Berlin als Zentrum einer aufstrebenden Nation und versuchte die gewaltige Sportveranstaltung als positive Propaganda für Nazi-Deutschland zu nutzen.

In diesem Zusammenhang wurde das Olympiastadion nach Plänen des Architekten Werner March, was noch auf die zeit der Weimarere Republik zurückgeht, die sich auch um die Olympischen Spiele beworben hat.

Das Stadion wurde neu gebaut, auch das Reichssportfeld und das Maifeld mit dem stromlinienförmigen Glockenturm gehörten zum Gesamtkonzept einer Architektur, die Macht und Größe ausstrahlen wollte. Hitler verstand es, diese Architektur und die gesamte Veranstaltung komplett zu vereinnahmen. In Leni Riefenstahls Dokumentarfilm „Olympia“ (1938) wird der nationalsozialistische Größenwahn von 1936 festgehalten.

  • Olympischer Platz 3, Charlottenburg

Haupthalle und Messegelände am Funkturm

Eingangshalle zum Messegelände am Hammarskjöldplatz. Foto: Imago/Günter Schneider
Eingangshalle zum Messegelände am Hammarskjöldplatz. Foto: Imago/Günter Schneider

Richard Ermisch war ein Berliner Architekt und Baurat, der die turbulenten Zeiten mit viel Opportunismus überstand. Er plante und baute ab den frühen 1920er-Jahren Wohnhäuser und öffentliche Gebäude in Berlin und machte nach 1933 einfach weiter. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen, die als Juden oder „Kulturbolschewisten“ in Ungnade gefallen sind und oftmals ins Exil gehen mussten.

So stammt von ihm zum Beispiel das Rathaus Tiergarten, das er in den Jahren 1935 und 1936 baute. Sein gewaltigstes Projekt aus der NS-Zeit ist aber die 240 lange Messehalle unter dem Funkturm aus den Jahren 1935-1937. In dem strengen Bau spürt man noch die Nachwirkungen der Moderne, etwa die klare Formsprache oder die Verwendung innovativer Baumaterialien und neuartiger Konstruktionsweisen wie der Methode des Stahlbetonskelettbaus. Zugleich setzt Ermisch auf eine klassisch-monumentale Anmutung mit einer Pfeilerstruktur und der zentralen Ehrenhalle.

  • Hammarskjöldplatz/Masurenallee 12, Charlottenburg

Japanische Botschaft in Berlin

Nazi-Architektur in Berlin: Botschaft von Japan in Berlin. Foto: Imago/F. Berger
Botschaft von Japan in Berlin. Foto: Imago/F. Berger

Interessanterweise wurde der Bau der japanischen Botschaft in Berlin zwischen 1938 und 1942 von Hitlers Architekt Albert Speer beaufsichtigt. Der Entwurf stammt jedoch von Ludwig Moshamer, der 1938 auch die französische Botschaft bauen sollte, wozu es aber nicht mehr kam.

Das Gebäude wurde im Krieg stark beschädigt und stand in West-Berliner-Zeiten lange leer. Ende der 1980er-Jahre wurde es als Japanisches Kulturzentrum wiederaufgebaut und nach Wiedervereinigung und dem Hauptstadtbeschluss dient es Japan wieder als offizielle Vertretung.

  • Hiroshimastraße 6, Tiergarten

Bundesministerium der Finanzen (Detlev-Rohwedder-Haus)

Bundesministerium der Finanzen, Wilhelmstraße, Mitte. Foto: Imago/Schöning

Nur wenige Gebäude aus der NS-Zeit sind historisch derart verwoben mit der jüngsten Geschichte Deutschlands wie das Bundesministerium der Finanzen. Das monumentale Bürohaus in der Wilhelmstraße in Mitte wurde 1935/36 auf Geheiß Hermann Görings von dem der NSDAP nahestehenden Architekten Ernst Sagebiel entworfen und entsprach genau der visuellen Überwältigungsarchitektur, die die Nazis bevorzugten.

Anfangs beherbergte der Bau das Reichluftfahrministerium, nach dem Krieg zog die Sowjetische Militäradministration in den Nazi-Bau, später der Volkswirtschaftsrat der DDR. Man nannte das Gebäude fortan „Haus der Ministerien“ und ließ die Wandreliefs, die marschierende Wehrmachtsoldaten zeigten, durch sozialistische Motive austauschen.

Nach der Wende bezog die Treuhand den Komplex, nach deren von der RAF ermordetem Leiter Detlev Rohwedder (1932-1991) das Haus benannt wurde. Mittlerweile ist es der Sitz des Bundesministeriums der Finanzen.

  • Wilhelmstraße 97, Mitte

AVUS-Tribüne und Motel

Motel an der AVUS in Charlottenburg. Foto: Imago/Schöning
Motel an der AVUS in Charlottenburg. Foto: Imago/Schöning

„Hitler hat ja die Autobahn gebaut“, lautet die stumpf-naive Aussage von Leuten, die meinen, dass es am Dritten Reich ja „irgendetwas Gutes“ schon gegeben haben muss. Das mit der Autobahn stimmt nicht ganz, ist aber eine andere Geschichte. Die AVUS in Berlin stammt jedenfalls aus dem Jahr 1921 und hat in ihren Ursprüngen mit den Nazis nichts zu tun. Doch auch Hitler setzte auf Geschwindigkeit, Technik, Industrie und offensichtlich auch Autorennen.

Denn die AVUS war eine Rennstrecke und wurde auch vor 1933 für Rennen benutzt. Die Nazis machten da weiter, ließen um 1937 eine Zuschauertribüne aufbauen, erweiterten und modifizierten die Kurven und ließen ein Gebäude mit einem Zielrichterturm an die Strecke bauen.

Dieser kuriose Rundbau begegnet bis heute jedem Berliner Autofahrer, der von der AVUS runterfährt. Mittlerweile wird das Gebäude mit dem lustigen Turm als Motel genutzt.

  • Halenseestraße 51, Charlottenburg

Fehrbelliner Platz

Nazi-Architektur in Berlin: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, Württembergische Strasse, Wilmersdorf. Foto: Imago/Schöning
Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, Württembergische Strasse, Wilmersdorf. Foto: Imago/Schöning

Der Fehrbelliner Platz ist ein guter Ort, um sich mal vor Augen zu führen, wie Berlin, Verzeihung, die Welthauptstadt Germania, ausgesehen hätte, wäre die Geschichte anders verlaufen. Rund um den Platz in Wilmersdorf stehen pathetisch kolossale Funktionsbauten, die einst als Bürokomplexe von Versicherungen und staatlicher Verbände, wie der Deutschen Arbeitsfront, dienten.

Bis 1934 war der Platz zwischen der Villengegend im Grunewald und der Innenstadt noch teilweise unbebaut, die Stadträte riefen einen Wettbewerb aus, denn der Architekt Otto Flirl für sich entschied und bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges diesen totalitären Moloch, geschmückt mit Heldenreliefs, Natursteinplatten und Kolossalfiguren, entwarf.

  • Württembergische Straße 6 , Wilmersdorf

Italienische Botschaft in Berlin

Nazi-Architektur in Berlin: Italienische Botschaft in Berlin. Foto: Imago/Günter Schneider
Italienische Botschaft in Berlin. Foto: Imago/Günter Schneider

Die Geschichte der italienischen und der japanischen Botschaften in Berlin ähneln sich. Kein Wunder, gehörten beide Länder während des Dritten Reichs zu den sogenannten „Achsenmächten“. Errichtet wurde der gewaltige Bau in den Jahren 1939-1941 von dem Architekten Friedrich Hetzelt, der auch Hermann Görings berühmten Landsitz Carinhall baute.

Hetzelt orientierte sich am Neoklassizismus und ließ die Fassade mit italienischem Kalkstein verkleiden. So wie die japanische Botschaft wurde auch die italienische Botschaft im Krieg stark beschädigt, stand später lange leer und wurde erst nach der Wiedervereinigung saniert.

  • Hiroshimastraße 1, Tiergarten

Siedlung am Grazer Damm

Wohnanlage Grazer Damm (Hausdurchgang). Foto: Roomsixhu/Wikimedia Commons/CC 3.0
Wohnanlage Grazer Damm (Hausdurchgang). Foto: Roomsixhu/Wikimedia Commons/CC 3.0

Die Nazis waren auch große Wohnungsbauer. Sie erfanden eine Art nationalsozialistischen Siedlungsbau, der sich zwangsläufig anschloss an der Siedlungsarchitektur der Moderne, die gerade in Berlin der 1920er-Jahre Maßstäbe setzte, erweiterten diese aber im völkischen Sinne und ließen Architekten neue Anlagen im Heimatschutzstil bauen.

Ein gutes Beispiel für den Wohnungsbau in der NS-Zeit ist die Siedlung am Grazer Damm, die in den Jahren 1938 bis 1940 von einem Architektenteam um Ludwig Spreitzer und Carl Cramer entstanden ist. Die Rund 200 Wohnungen wurden als „Volkswohnungen“ bezeichnet und sollten die Weichen für das Wohnen in Nazi-Deutschland stellen.

Tatsächlich waren die Nazis im Wohnungsbau aber weniger aktiv, sie konzentrierten sich auf effektvolle Architektur und setzten auf Symbolik und Monumentalbauten. Der kostspielige Wohnungsbau lohnte sich für sie nicht und ab 1939 verschlang der Krieg ohnehin sämtliche Ressourcen.

  • Grazer Damm, Schöneberg

Julius-Leber-Kaserne

Nazi-Architektur in Berlin: Julius-Leber-Kaserne der Bundeswehr. Foto: Imago/Stefan Zeitz
Julius-Leber-Kaserne der Bundeswehr. Foto: Imago/Stefan Zeitz

Ab 1936 ließen die den Preußen in Sachen Militarismus wenig nachstehenden Nazis im hohen Norden Berlins einen großangelegten Kasernen-Komplex, bestehend aus etwa 130 Gebäuden, bauen. Das hellverputzte Ensemble mit bombensicheren Sattel- und Walmdächern, diente dem Luftwaffen-Infanterie-Regiment „General Göring“ als Standort.

Nach dem Krieg zogen die französischen Alliierten ein und heute wird das Areal als „Julius-Leber-Kaserne“ von der Bundeswehr genutzt.

  • Kurt-Schumacher-Damm 41, Reinickendorf

Ernst-Reuter-Haus

Nazi-Architektur in Berlin: Ernst-Reuter-Haus, Deutscher Gemeindetag, an der Straße des 17. Juni, Charlottenburg. Foto: Imago/Imagebroker
Ernst-Reuter-Haus, Deutscher Gemeindetag, an der Straße des 17. Juni, Charlottenburg. Foto: Imago/Imagebroker

Albert Speer ist sicherlich der berühmteste Architekt des Dritten Reichs gewesen. Er pflegte engen Kontakt mit Hitler, entwarf mit ihm die größenwahnsinnigen Pläne der „Welthauptstadt Germania“, war ab 1942 Reichsminister für Bewaffnung und Munition und wurde in Nürnberg als Kriegsverbrecher zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Heute befinden sich in Berlin wenige verwirklichte bzw. noch erhaltene Bauwerke Speers. So wurde beispielsweise die Neue Reichskanzlei zerstört. Als Stadtplaner ist er jedoch in der nahezu gesamten NS-Architektur präsent.

So lässt sich etwa sein Interesse für Neoklassizismus auch noch in Walter Schlempps Haus des Deutschen Gemeindetages erkennen. Den monumentalen Bau entwarf Schlempp im Rahmen des „Germania“-Projekts. Das Bürogebäude wurde in „Ernst-Reuter-Haus“ umbenannt und ist heute der Berliner Sitz des Deutschen Städtetages.

  • Straße des 17. Juni 110-114, Charlottenburg

Schwerbelastungskörper

Nazi-Architektur in Berlin: Schwerbelastungskörper, General-Pape-Strasse, Tempelhof. Foto: Imago/Schöning
Schwerbelastungskörper, General-Pape-Strasse, Tempelhof. Foto: Imago/Schöning

Die Nazis ließen den massiven Betonzylinder um 1941 bauen. Das Vorhaben Schwerbelastungskörper war absurd. Mit dem monströsen Ding sollte die Statik für den Bau eines gigantischen Triumphbogens simuliert werden. Natürlich stand das Projekt im Zusammenhang mit Hitlers Plänen für die „Welthauptstadt Germania“, wie Berlin nach dem „Endsieg“ heißen sollte.

Dazu kam es nicht, doch das 12.650 Tonnen schwere Teil lastet bis heute denkmalgeschützt im Niemandsland zwischen Schöneberg und Tempelhof und sorgt bei jedem, der es mal entdeckt, für Staunen und Stirnrunzeln. Gebauter Irrsinn. Hier gilt die alte Punk-Losung: „Schade, dass Beton nicht brennt“.

  • General-Pape-Straße 34A, Tempelhof

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