Architektur

Neugotik in Berlin: 12 Bauwerke aus der Zeit der Mittelalter-Nostalgie

Die Neugotik war ein beliebter Architekturstil im späten 18. und im 19. Jahrhundert. Detailversessene Bauwerke voller Giebel, kleiner Türmchen, spitzer Kuppeln und hochgestreckter Fenster brachten in einer von Geschichte besessenen Zeit die Sehnsucht nach anderen Zeiten zum Ausdruck: nicht nach der Antike und ihren Idealen, sondern nach dem Mittelalter und den imposanten Städten einer verklärten Vergangenheit. Die Konstruktionsprinzipien der mittelalterlichen Gotik spielten dabei oft nur eine untergeordnete Rolle, es ging vor allem um zierliche Versatzstücke und die entsprechende Wirkung. Man kennt diese neugotischen Bauwerke gut, der Londoner Palace of Westminster, das Parlament in Budapest oder der Kölner Dom sind in diesem Stil gehalten. Auch in Berlin gibt es einige bemerkenswerte Bauwerke der Neugotik. Zwölf davon stellen wir vor.


Friedrichswerdersche Kirche

Die Friedrichswerdersche Kirche in der Dämmerung. Schinkels Bauwerk ist ein herausragendes Beispiel für Architektur der Neugotik in Berlin. Foto: Imago/Rolf Zöllner
Die Friedrichswerdersche Kirche in der Dämmerung. Schinkels Bauwerk ist ein herausragendes Beispiel für Architektur der Neugotik in Berlin. Foto: Imago/Rolf Zöllner

Die mittelalterliche Gotik, die sich zuerst im Frankreich des 12. Jahrhunderts herausbildete, revolutionierte mit Rundbögen und Rippengewölbe den Bau vornehmlich sakraler Bauten. Mit dem vor allem in England so bezeichneten „Gothic Revival“ bediente man sich aus dem Baukasten eines mehrere Jahrhunderte dominierenden Architekturstils und schuf Gebäude, die aussehen, als würden sie schon immer zum mittelalterlichen Kern europäischer Städte gehören.

Und dort, an zentraler Stelle, dienten die Bauwerke vornehmlich einem Zweck: Repräsentation. Um Eindruck zu schinden, vertraute Preußen auf das Schaffen von Schinkel, der das erste neugotische Bauwerk in Berlin schuf: die Friedrichswerdersche Kirche, ein architektonisches Kleinod in Mitte. Der zwischen 1824 und 1830 errichtete Sakralbau lässt sich der Neugotik zuordnen, nimmt aber auch klassische Formsprache auf. In seinem dritten, letztlich umgesetzten Entwurf setzt Schinkel voll auf die Kraft von Ornamenten, Gesimsen und Säulen, während der Bau selbst zwar imposant ist, aber in aller Ausrichtung auf mittelalterliche Formen sparsam, geometrisch und einfach ist. Schinkels Schaffen in Berlin stellen wir euch hier detaillierter vor.

  • Friedrichswerdersche Kirche Werderscher Markt, Mitte

Amtsgericht Wedding

Zum Amtsgericht Wedding fährt man wegen Mahnverfahren – und bleibt, weil die neugotische Bauweise hier so beeindruckend ist.  Foto: Imago/Schöning
Zum Amtsgericht Wedding fährt man wegen Mahnverfahren – und bleibt, weil die neugotische Bauweise hier so beeindruckend ist. Foto: Imago/Schöning

Nicht nur Kirchen wurden im Stil der Neugotik errichtet, in Berlin tragen auch zahlreiche Profanbauten Merkmale dieser Bauweise. Das Amtsgericht Wedding etwa, dessen Bau mit mehr als 900.000 Mark rund dreimal so teuer war wie die zahlreichen Bezirksrathäuser, die gleichfalls im Stil der Neugotik errichtet worden sind.

Das Amtsgericht erschlägt einen förmlich mit seinem Anblick, 120 Meter breit ist der Hauptflügel an der Straßenfront, flankiert von filigranen und ausgesprochen dynamischen Treppentürmen an der Seite und einem imposanten Portal, das von Giebeln, Erkern und Zinnen geschmückt wird. Im Innern verbirgt sich ein eindrucksvolles Treppenhaus, bei dem man sich vorkommt, als wäre man in einer Kathedrale – auch wenn man eher für Mahnverfahren hier auftauchen muss, nicht für Gottesdienste. Vorbild des neugotischen Gebäudes soll die Albrechtsburg in Meißen sein, ein spätgotisches Bauwerk in Sachsen, das vor mehr als 1000 Jahren errichtet worden war.

  • Amtsgericht Wedding Schönstedtstraße 5, Wedding

Oberbaumbrücke

Zahlreiche Menschen überqueren die markante Oberbaumbrücke Tag für Tag, und auf dem neugotischen Bauwerk rattern auch U-Bahnen entlang. Foto: Imago/Westend61
Zahlreiche Menschen überqueren die markante Oberbaumbrücke Tag für Tag, und auf dem neugotischen Bauwerk rattern auch U-Bahnen entlang. Foto: Imago/Westend61

Die Oberbaumbrücke ist eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten in Berlin. Früher stand hier bloß eine Holzbrücke, die Kreuzberg und Friedrichshain über die Spree verband, zwischen 1894 und 1896 wurde die neue Oberbaumbrücke im Stil der Neugotik errichtet. Im Mittelalter war an derselben Stelle ein Teil der Stadtbefestigung, den Schiffe durchqueren konnten. Erinnerungen an die mittelalterlichen Stadtmauern sollte auch die neue Brücke wachrufen, die aus zwei Ebenen besteht: Gleisen für die erste Berliner Hochbahn, heute U1 und U3, sowie ein Weg für Fußgänger:innen, der wirklich wie ein Stück Vergangenheit wirkt. Er erinnert an mittelaterliche Kreuzgänge.

Die beiden Türmchen, die die Oberbaumbrücke zieren, sind kein architektonisches Fantasieprodukt, sondern haben ihre realen Vorbilder in den Stadtmauern von Prenzlau in Brandenburg. Geschmückt sind die Türmchen mit zahlreichen Wappen aus der Region.


Grunewaldturm

Der Grunewaldturm wurde zum Andenken an Kaiser Wilhelm I. errichtet. Foto: Imago/Metodi Popow

Eine von neugotischen Bauwerken in Berlin oft zitierte Architekturströmung ist die märkische Backsteingotik: Giebel, filigrane Säulen, Türmchen und Spitzbögen findet man in Brandenburg vornehmlich als Backsteinbauten. Darauf greift auch Franz Schwechten zurück, dessen neugotischer Aussichtsturm 1887–89 zu Ehren des 1888 verstorbenen Kaisers Wilhelm I. errichtet wurde.

Das Bauwerk, mit kleinen Giebeln, Türmchen und Spitzbogenfenstern gestaltet und mit einem Portal versehen, das an Kirchenarchitektur erinnert, hieß früher entsprechend Kaiser-Wilhelm-Turm, bevor 1948 der neue Name Grunewaldturm dem endgültigen Abschied von Preußen, Kaisertum und deutschnationalem Herrscherkult Rechnung trug. Das markante Bauwerk ist einer der schönsten Türme, die man in Berlin besuchen kann – die Aussicht ist herrlich! Schwechten hat darüber hinaus zwei der berühmtesten Ruinen in Berlin als Architekt gestaltet: den Anhalter Bahnhof und die ursprüngliche Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche.

  • Grunewaldturm Havelchaussee 61, Grunewald

Rathaus Köpenick

Neugotische Architektur in Berlin: das Rathaus Köpenick. Foto: Imago/Pop-Eye
Neugotische Architektur in Berlin: das Rathaus Köpenick. Foto: Imago/Pop-Eye

Als die damals selbständige Stadt Köpenick (eigentlich Cöpenick, wir wollen historisch korrekt bleiben), suchte man nach Inspiration in vergangenen Zeiten. Die Gotik kam auch hier gelegen, der Rückgriff aufs Mittelalter sollte Würde, Anmut und Beständigkeit ausstrahlen. Der Entwurf von Hans Schütte und Hugo Kinzer ist fein gearbeitet und spektakulär, besonders zu beachten sind neben dem Giebel und dem großen Turm samt Rathausuhr auch kleine Details, etwa Fenster, die Szenen des Köpenicker Gewerbelebens zeigen, oder Mosaike berühmter Berliner Glashersteller.

Das neugotische Gebäude, das die geplanten Baukosten bei Weitem überstieg, wurde bereits ein Jahr nach seiner Fertigstellung berühmt – die Architektur hatte daran jedoch keinen Anteil: Der arbeitslose Schuster Friedrich Wilhelm Voigt schaffte es, mit einer Hauptmannsuniform die Soldaten vor Ort zum Narren zu halten und sich mit der Stadtkasse aus dem Staub zu machen. Seit 1996 erinnert eine Statue vorm Rathaus an den Hauptmann von Köpenick – mehr über den Stadtteil findet ihr hier.

  • Rathaus Köpenick Alt-Köpenick 21, Köpenick

Kirche am Südstern

Das Mauerwerk der Kirche am Südstern ist von der Zeit gezeichnet. Foto: Imago/Shotshop

Einsam steht sie da, die Kirche am Südstern – ein imposantes Gebäude der Neugotik in Berlin, wie aus der Zeit gefallen inmitten des Straßenverkehrs auf einer der wichtigsten Verkehrsachsen in Kreuzberg. Die 1897 fertiggestellte Kirche dominiert die Gegend bis heute, ihr Turm ragt 90 Meter in die Höhe.

Als sie in Anwesenheit von Kaiser Wilhelm II. eingeweiht wurde, diente sie den in Berlin stationierten evangelischen Soldaten als Garnisonkirche, für die Katholiken wurde zur selben Zeit ganz in der Nähe an der Hasenheide die Johannes-Basilika errichtet – deren historistische Architektur sich aber weitaus weniger an der Gotik orientiert. Am Südstern hingegen herrschen die typischen Stilelemente vor: Schlank und filigran wirkt das Bauwerk, dessen Fassade fein gegliedert ist. Als Ruhepol inmitten von Abgasen hat die neugotische Kirche längst eine gewisse Patina angesetzt, der Schmutz auf den Mauern lässt sie noch älter wirken, als sie ist. Von Dorfkapelle bis Dom stellen wir euch übrigens hier weitere schöne Kirchen in Berlin vor.

  • Kirche am Südstern Südstern 12, Kreuzberg

Juwel-Palais

Im "Juwel-Palais" befand sich früher ein Gold-Großhandel. Neben dem neugotischen Bauwerk findet man hier sonst eher Nachkriegs-Neubauten. Foto: Imago/Travel-Stock-Image
Im „Juwel-Palais“ befand sich früher ein Gold-Großhandel. Neben dem neugotischen Bauwerk findet man hier sonst eher Nachkriegs-Neubauten. Foto: Imago/Travel-Stock-Image

Neugotisch sind nicht nur viele Kirchen und Rathäuser. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert hatte das Bürgertum längst denselben Geltungsdrang wie einst die politische und geistliche Elite. Das neugotische Haus an der Gertraudenstraße zeugt von diesem Repräsentationsbedürfnis: Ab 1894 entstand dort ein Gebäude für den Berliner Kaufmann Wilhelm Müller, der dort einen Großhandel für Gold unterbrachte. Von dieser Nutzung leitet sich auch der heutige Name „Juwel-Palais“ ab, noch immer befinden sich Tresore im Innenraum.

Über die Jahre war hier auch ein Hochzeitssausstatter untergebracht, in der DDR sogar ein Sportverein, auch wenn selbst im Sozialismus hier noch Gold gehandelt wurde. Das mittlerweile sanierte neugotische Bauwerk – ein seltenes Stück historischer Bausubstanz am Spittelmarkt – ist an einen Investor verkauft und verstrahlt wieder den alten Glanz.

  • Juwel-Palais Kleine Gertraudenstraße 10, Mitte

Nationaldenkmal auf dem Kreuzberg

Gotische Bauweisen galten als besonders national. Das Denkmal auf dem Kreuzberg, eine Erinnerung an die gKriege gegen Napoleon, ist ein Bauwerk der Neugotik. Foto: Imago/Schöning
Gotische Bauweisen galten als besonders national. Das Denkmal auf dem Kreuzberg, eine Erinnerung an die gKriege gegen Napoleon, ist ein Bauwerk der Neugotik. Foto: Imago/Schöning

Gotische Formen galten nicht nur als ausgesprochen mittelalterliche Verweise auf eine idealisierte Vergangenheit, sondern auch als besonders deutsch – dass die Ursprünge in Frankreich liegen, wollte man nicht gern hören. Ein Zeugnis der Neugotik in Berlin – was entsprechend nicht ganz ohne Ironie ist – ist das Nationaldenkmal für die Befreiungskriege, gelegen auf dem mehr als 60 Meter hohen Kreuzberg.

Die Idee dazu stammt von den Berliner Bürger:innen, Friedrich Wilhelm III. griff sie auf. 1818, drei Jahre nach Ende der Napoleonischen Kriege, ließ der König den Grundstein legen. Und so entstand das von Karl Friedrich Schinkel entworfene Denkmal mit Skulpturen von Christian Daniel Rauch, Friedrich Tieck und Ludwig Wichmann.

Es erinnert an bedeutende Schlachten, an Siege und an Niederlagen im Krieg gegen das napoleonische Frankreich. Lange Zeit war es die höchste Erhebung Kreuzbergs. 1891 ließ Kaiser Friedrich III. eine Grünanlage um das Denkmal errichten, den Viktoriapark. Auch die zugehörige Gebirgslandschaft ist künstlich angelegt.

  • Nationaldenkmal für die Befreiungskriege im Viktoriapark, Kreuzberg, angrenzende Straßen: Kreuzbergstraße, Methfesselstraße, Katzbachstraße

Turm der Marienkirche

Die Marienkirche zählt zu den ältesten Bauwerken in Berlin-Mitte. Ihr Turmhelm ist eine Ergänzung im neugotischen Stil. Foto: Imago/agefotostock
Die Marienkirche zählt zu den ältesten Bauwerken in Berlin-Mitte. Ihr Turmhelm ist eine Ergänzung im neugotischen Stil. Foto: Imago/agefotostock

Die Marienkirche in Mitte gehört zu den ältesten Gebäuden in Berlin. Das Stadtgebiet rundherum ist vollständig neugestaltet, den mittelalterlichen Stadtkern kann man hier nur noch erahnen. Die Marienkirche steht fast etwas verloren zwischen zahlreichen Neubauten.

Die Marienkirche geht aufs 13. Jahrhundert zurück und wurde seither mehrfach umgebaut, erweitert und abgewandelt. Die Kirche, zu Teilen aus Backstein, aber auch aus Muschelkalk, errichtet, wurde im 19. Jahrhundert umgestaltet, das Westportal wurde im neugotischen Stil neu gebaut. Besonders auffällig ist aber der Turmhelm, der Ende des 18. Jahrhunderts ergänzt wurde: Im Stil der Neugotik machte sich hier Carl Gotthard Langhans zu schaffen, der zuvor mit dem Brandenburger Tor Berlins wohl wichtigstes Wahrzeichen geschaffen hatte.

  • Marienkirche Karl-Liebknecht-Straße 8, Mitte

Rathaus Schmargendorf

Das wichtigste Baumaterial der Neugotik in Berlin: Backstein. Foto: Imago/Joko
Das wichtigste Baumaterial der Neugotik in Berlin: Backstein. Foto: Imago/Joko

Malerisch sollte es aussehen, das war das Ziel des Architekten Otto Kerwien, der der damals eigenständigen Gemeinde Schmargendorf ein Rathaus entwarf. Das 1902 fertiggestellte neugotische Gebäude ist überaus verspielt, die Fassade ist mit zahlreichen Details versetzt und enorm anspielungsreich: Die märkische Backsteingotik wird hier zitiert, architektonische Vorbilder für den Bau lassen sich in mittelalterlichen Anlagen in Stendal und Angermünde finden, besonders auffällig sind die schmückenden Glasmosaike.

Im Innern erwecken die Sandsteingewölbe einen durchaus erhabenen Eindruck, auch wenn das neugotische Gebäude vielfach umgebaut wurde, und das womöglich nicht zum Besseren: Die historistischen Elemente im Innern brechen vielfach unvermittelt ab, dann bestimmt schnöde Zweckmäßigkeit von normierter Verwaltungsarchitektur das Bild, bevor wieder die ursprüngliche Schönheit durchschimmert.

Das Rathaus Schmargendorf wurde nur wenige Jahre wirklich zum eigentlichen Zweck genutzt, bald schon zog ein Standesamt ein, denn der Bau ist wirklich so malerisch, wie Kerwien wollte. Hier ließen sich unter anderem Ernst Lubitsch, Albert Einstein, Friedrich Hollaender und Harald Juhnke trauen.

  • Rathaus Schmargendorf Berkaer Platz 1, Schmargendorf

Rathaus Lichtenberg

Im neugotischen Rathaus Lichtenberg werden noch heute die politischen Entscheidungen im Bezirk getroffen. Foto: Imago/Pop-Eye
Im neugotischen Rathaus Lichtenberg werden noch heute die politischen Entscheidungen im Bezirk getroffen. Foto: Imago/Pop-Eye

Im späten 19. Jahrhundert wuchs Lichtenberg rasant, und wie so viele Vororte von Berlin, die erst 1920 eingemeindet wurden, brauchte das aus allen Nähten platzende Dorf ein neues Verwaltungsgebäude. Das Rathaus Lichtenberg entstand, dem Zeitgeist entsprechend im historisierenden Stil, der Bezug nimmt auf die Backsteingotik: Ein spitzer Turm ragt in den Himmel, Giebel, Türmchen und kunstvoll gestaltete Glasmosaike mit Wappen schmücken den eindrucksvollen Bau.

Der ursprüngliche Architekt ist unbekannt, im Zweiten Weltkrieg ging das Archiv des Bauwerks verloren. Die schweren Zerstörungen an diesem Denkmal der Neugotik wurden allerdings nach und nach repariert, das vollständig sanierte Bauwerk dient auch heute noch als Sitz der Verwaltung des Bezirks Lichtenberg. Mehr zu den Rathäusern in Berlin könnt ihr hier erfahren.

  • Rathaus Lichtenberg Möllendorffstraße 6, Lichtenberg

Alte Mälzerei Pankow

Die Mälzerei Pankow im Jahr 2003, vor der Sanierung. Foto: Imago/Stöpper

Was die neugotische Bauweise wohl am ehesten zum Ausdruck bringen sollte, war Stolz – nicht nur von wachsenden Kirchengemeinden und der Verwaltung in Dörfern, die zu boomenden Städten anwuchsen. Sondern auch der Stolz der Industrie, die dieses Wachstum verursachte.

Zu den neugotischen Gebäuden in Berlin zählen entsprechend auch Fabrikanlagen und Produktionsstätten. Ein besonders beeindruckendes Ensemble findet man in Pankow, wo die Schultheiss-Brauerei bis 1945 industriell Malz herstellte. Fast 30 Jahre dauerten die Bauarbeiten am Gebäudekomplex, der dennoch mit durchgehender (und praktischerweise sehr widerstandsfähiger) Klinkerbauweise einheitlich wirkt. Die Gestaltung erinnert an eine mittelalterliche Burg, wehrhaft und von Türmen bewacht. Bei näherem Blick entdeckt man zahlreiche schmückende Elemente, die für die Neugotik typisch sind.

Das gesamte Areal ist längst kein Ort mehr, an dem Bier entsteht, sondern nach einer umfangreichen Sanierung umgewandelt worden in Wohnhäuser.

  • Mälzerei Pankow Mühlenstraße 9–11, Pankow

Mausoleum Strousberg

Neugotik ist in Berlin nicht nur Stil monumentaler Gebäude, sondern auch kleiner Bauwerke, etwa auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof. Foto: Manfred Brückels/CC BY-SA 3.0, Wikimedia
Neugotik ist in Berlin nicht nur Stil monumentaler Gebäude, sondern auch kleiner Bauwerke, etwa auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof. Foto: Manfred Brückels/CC BY-SA 3.0, Wikimedia

Wo heute die Botschaft des Vereinigten Königreichs steht, befand sich einst das Palais Strousberg – ein klassischer Bau für den Unternehmer Bethel Henry Strousberg, der in der Gründerzeit als europäischer Eisenbahnkönig galt und bis zu 100.000 Menschen einen Menschen, der heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist, aber im 19. Jahrhundert als „europäischer Eisenbahnkönig“ galt und den Markt des aufstrebenden Verkehrswesens beherrschte.

Beigesetzt ist Strousberg in einem Mausoleum, das er schon zu Lebzeiten von August Orth errichten ließ, dem Berlin auch schöne Sakralbauten wie die Zionskirche oder die Kreuzberger Emmauskirche verdankt. Das Mausoleum weist im Kleinen zahlreiche Elemente aus der Gotik auf, so etwa die als Krabben bezeichneten Zierelemente über dem Portal. Das Mausoleum befindet sich auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Schöneberg, den man getrost als einen der schönsten Friedhöfe in Berlin bezeichnen kann.


Mehr Architektur in Berlin

Neugotik in Berlin zeichnet sich durch die exzessive Verwendung von Backstein aus – was aber auch für die Architektur des Expressionismus gilt. Zur selben Zeit wie neugotische Bauwerke entstanden auch Bauten im Jugendstil – 12 bemerkenswerte stellen wir hier vor. Doch irgendwann war Schluss mit Schnörkeln: Wir führen euch durch das Werk der wichtigsten Architekten der Moderne in Berlin. Immer neue Texte lest ihr in unserer Architektur-Rubrik.

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