Architektur

West-Berliner Architektur: 12 berühmte Gebäude aus der Mauerstadt

Rund zwei Millionen Einwohner auf einer Fläche von knapp 500 Kilometern, amtlicher Name: Berlin (West). Diese halbe Stadt war eine Insel mitten in der DDR. In dieser „Frontstadt“ entstand bis zur Wende eine ganze Reihe besonderer Bauwerke – unter anderem, weil die repräsentativsten Institutionen und Gebäude während der Teilung im Osten der Stadt lagen. Wir sind die Höhepunkte der Architektur in West-Berlin: 12 Ikonen aus den Jahren 1945 bis 1990, von der Kongresshalle über den Bierpinsel bis zum Flughafen Tegel.


Kongresshalle

Die Kongresshalle heißt heute Haus der Kulturen der Welt. Ihre architektonischen Formen kommen bei Nacht besonders zur Geltung. Foto: Imago Images/Joko
Die Kongresshalle heißt heute Haus der Kulturen der Welt. Ihre architektonischen Formen kommen bei Nacht besonders zur Geltung. Foto: Imago Images/Joko

Der Wettstreit der politischen Systeme, der Kampf zwischen Ost und West, wurde vielfach auf der symbolischen Ebene ausgetragen. Heißt: Jedes Gebäude stand nicht für sich, sondern im großen Zusammenhang. Während im Osten mit dem Prestige-Projekt „Stalinallee“ angegeben wurde, einigte man sich im Westen auf modernere Formen.

Ein Beispiel: die Kongresshalle. Gestaltet vom US-Architekten Hugh Stubbins, wurde das 1956/57 errichtete, elegant geschwungene Gebäude mit seinem frei hängenden Dach der Stadt Berlin übergeben. 1980 stürzte die Kongresshalle ein, was für einen stadtweiten Skandal sorgte. 1987 hat sich mit dem Wiederaufbau auch die Ausrichtung der Institution geändert. Nicht mehr deutsch-amerikanisches Kulturprogramm steht im Vordergrund, sondern internationale Kulturvermittlung. Der folgerichtige Name seither: Haus der Kulturen der Welt.

  • Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten, www.hkw.de

Philharmonie

Die Philharmonie ist ein Meisterwerk der Architektur in West-Berlin. Foto: Imago Images/POP-EYE
Die Philharmonie ist ein Meisterwerk der Architektur in West-Berlin. Foto: Imago Images/POP-EYE

Während die DDR am Gendarmenmarkt das Schauspiel- zum Konzerthaus umbaute, ging der Westen andere Wege: Nahe des Potsdamer Platzes wurde nach Plänen des wohl bedeutendsten Architekten West-Berlins, Hans Scharoun, ein Gebäude errichtet, das Weltruf genießt.

Die Berliner Philharmonie ist die Heimstätte der Berliner Philharmoniker. Der Konzertsaal liegt an der Herbert-von-Karajan-Straße, benannt nach dem damaligen Chefdirigenten des Orchesters. Und ganz in der Nähe befinden sich auf dem Kulturforum weitere Orte der Hochkultur, darunter die Staatsbibliothek und die Neue Nationalgalerie. Alles Wissenswerte zur Philharmonie Berlin findet ihr hier.


Europa Center

Am Breitscheidplatz nahm die Architektur in West-Berlin neue Ausmaße an: Das Hochhaus am Europa Center überragt den Rest des Kiezes. Foto: Imago Images/Reiner Zensen
Am Breitscheidplatz nahm die Architektur in West-Berlin neue Ausmaße an: Das Hochhaus am Europa Center überragt den Rest des Kiezes. Foto: Imago Images/Reiner Zensen

West-Berlin ist nicht nur lebensfähig, sondern vor allem anziehend, leuchtend, eine perfekte Großstadt – so ungefähr lautete die Losung in den 1960er-Jahren. Der Breitscheidplatz war mit der neuen Gedächtniskirche ohnehin ein zentraler Ort der geteilten Stadt. Nun sollte das Geschäftsleben anziehen: Nach amerikanischem Vorbild wurde ein modernes Einkaufszentrum konzipiert.

Wie revolutionär sich das angefühlt haben dürfte, kann man kaum mehr nachvollziehen in einer Zeit, wo ständig neue Shopping-Malls gebaut werden und nicht selten als schlimme Bausünden den Hass der Berliner auf sich ziehen. Das Europa-Center beherbergte neben Ladenflächen und Gastronomie auch Kinos, Hotels, Wohnungen und Büros. Markenzeichen, in diesem Fall buchstäblich, ist der 80 Meter hohe Turm, auf dem sich noch immer ein gigantischer Mercedes-Stern dreht.

  • Europa-Center, Tauentzienstraße 9-12, Charlottenburg

Freie Volksbühne

Das Theater der Freien Volksbühne ist heute das Haus der Berliner Festspiele. Foto: Imago Images/Reiner Zensen
Das Theater der Freien Volksbühne ist heute das Haus der Berliner Festspiele. Foto: Imago Images/Reiner Zensen

Die Volksbühne lag im Osten der Stadt, aber der Westen wollte nicht darauf verzichten. Die sogenannte Freie Volksbühne hatte bis 1963 im Theater am Kurfürstendamm gespielt, bis sie ihr eigenes Haus in Wilmersdorf bezog. Die ersten Jahre am neuen Haus waren geprägt vom legendären Intendanten Erwin Piscator. Und unter Kurt Hübner spielte die Bühnen-Avantgarde der Stadt ohne festes Ensemble.

Heute ist das schlichte, großflächig verglaste Gebäude wieder ein Raum für Theater, wenngleich ohne Volksbühnen-Gedenken. Seit 2001 heißt es Haus der Berliner Festspiele – und ist berühmt für Festivals sowie das jährliche Theatertreffen, einen der wichtigsten Bühnenwettbewerbe im deutschsprachigen Raum.


Deutsche Oper

Ein Stück West-Berliner Architekturgeschichte: die Deutsche Oper Berlin. Foto: Imago Images/Schöning
Ein Stück West-Berliner Architekturgeschichte: die Deutsche Oper Berlin. Foto: Imago/Schöning

Eine Frage, die sich der West-Berliner Senat immer wieder stellen musste: Wie kann man die denkwürdigen Orte ersetzen, die sich im Ostteil der Stadt befinden – oder sie sogar überbieten? Das Opernhaus in Mitte lag auf DDR-Gebiet, ein neues musste her, zumal die Deutsche Oper an der Bismarckstraße 1943 in Schutt und Asche gelegt wurde.

Nach Plänen der Architekten Heinrich Seeling und Fritz Bornemann entstand Anfang der 1960er-Jahre ein Neubau, der schon bald zum Repräsentationsbau West-Berlins wurde. Nachkriegs-Superlativ und Schaufenster des Westens: Mit 1859 Sitzplätzen ist die Deutsche Oper das größte Opernhaus der Stadt sowie eines der größten Opernhäuser Deutschlands.


Akademie der Künste

Ein Denkraum aus Beton: die Akademie der Künste, gebaut von 1954 bis 1960 für West-Berlin. Foto: Imago Images/Reiner Zensen
Ein Denkraum aus Beton: die Akademie der Künste, gebaut von 1954 bis 1960 für West-Berlin. Foto: Imago Images/Reiner Zensen

Schon wieder war dem Westen ein Prestigeobjekt abhanden gekommen: Das Palais Arnim, Standort der altehrwürdigen Preußische Akademie der Künste, lag am Pariser Platz, also mitten in der DDR. Die baute ihre eigene Nachfolgeinstitution zur Kunstförderung auf, der Westen reagierte prompt. Erster Präsident der Akademie der Künste (West) war Hans Scharoun. Und während das intellektuelle Rahmenprogrammm der Institution in zahlreichen Villen stattfand, bezog die AdK einen Neubau im Hansaviertel.

Das Haus, das ein Musterbeispiel für den Umgang mit dem Baustoff Beton in Berlin ist, fügt sich nahtlos in das architektonische Gesamtkonzept des Hansaviertels. Oder, wie Architekt Werner Düttmann sein Werk nannte: „Eine klare, unpathetische Kiste“. Heute sind die beiden Akademien der Künste wiedervereinigt und an zwei Standorten zu finden: im Hansaviertel und am Pariser Platz.

  • Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Hansaviertel, www.adk.de

Corbusierhaus

Das Corbusierhaus in Westend sollte eigentlich im Hansaviertel stehen. Mitten in West-Berlin war jedoch kein Platz für das Architektur-Wagnis. Foto: Imago Images/Jürgen Ritter
Das Corbusierhaus in Westend sollte eigentlich im Hansaviertel stehen. Mitten in West-Berlin war jedoch kein Platz für das Architektur-Wagnis. Foto: Imago Images/Jürgen Ritter

Das Corbusierhaus, auch „Wohnmaschine“ genannt, ist geliebt oder gehasst, mittelmäßig findet den Bau niemand. Der französische Stararchitekt Le Corbusier entwarf das Gebäude als Typenbau unter dem Namen „Unité d’Habitation, type Berlin“ ursprünglich für die Bauausstellung „Interbau 1957“. Im Hansaviertel war jedoch kein Platz für ein Hochhaus dieser Größenordnung, also wurde es stattdessen in Westend errichtet.

Ein ähnliches Gebäude befindet sich auch in Marseille, die Berliner Variante weicht allerdings von den Plänen des Baumeisters ab. Er wollte sein „Modulor“-Proportionsschema verwirklicht sehen, das sich mit den Standards des sozialen Wohnungsbaus in Deutschland nicht vereinbaren ließ. 1957 distanzierte er sich vom ausgeführten Bau, der jedoch nach wie vor seinen Namen trägt. Bloß die Adresse des Hochhauses mit 530 Wohnungen hat sich geändert: Seit 1997 heißt die Reichssportfeldstraße Flatowallee.

  • Corbusierhaus, Flatowallee 16, Westend

ICC

Dieses Stück Architektur in West-Berlin liebt man oder hasst man: das ICC. Foto: Imago Images/Schöning
Dieses Stück Architektur in West-Berlin liebt man oder hasst man: das ICC. Foto: Imago Images/Schöning

Direkt am S-Bahn-Ring ist in den späten 1970er-Jahren ein Raumschiff gelandet: Das Internationale Congress Centrum, kurz ICC. 313 Meter lang und fast 40 Meter hoch ist der Bau von Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte – und mit Baukosten von damals mehr als 900 Millionen Mark war es das teuerste Gebäude West-Berlins.

Das markante Beispiel für High-Tech-Architektur (die gesamte Fassade besteht aus Aluminium) war damals höchst umstritten, aber wurde rege genutzt. Schließlich bot das Gebäude mit seinen 80 teils riesigen Räumen und Sälen Platz für jede Versammlung und Konferenz, die man sich wünschen konnte. Heute ist es verschlissen, die Technik zu restaurieren wäre unfassbar aufwendig. Die Zukunft des Raumschiffs steht in den Sternen, allerdings steht es seit einiger Zeit unter Denkmalschutz.

  • ICC Berlin, Messedamm 22, Charlottenburg

Turmrestaurant Steglitz

Der Bierpinsel mit seinem neuen Anstrich. Foto: Imago images/Joko
Der Bierpinsel mit seinem neuen Anstrich. Foto: Imago images/Joko

Die bunte Fassade von heute vermittelt kein richtiges Bild mehr davon, wie das Turmrestaurant Steglitz früher aussah. Pop-Architektur, die einem Baum ähneln soll, dabei aber ausgesprochen futuristisch daherkommt. West-Berliner*innen von damals kennen sicher noch den rötlichen Anstrich.

Wie auch das ICC stammt der sogenannte Bierpinsel von Schüler/Schüler-Witte. Zwar gilt der Bau als Steglitzer Wahrzeichen, aber wirklich glücklich machte er niemanden – jedenfalls keinen der Betreiber, niemand konnte mit dem kuriosen Turm Profit erwirtschaften. In der Netflix-Serie „Dogs of Berlin“ hielt der Bierpinsel als LKA-Zentrale her, in der Realität sind stattdessen jedoch Büros für Start-ups geplant.

  • Bierpinsel, Schloßstraße 17, Steglitz

Freie Universität Berlin

Die Fassade der Rostlaube, eins der Hauptgebäude der FU Berlin. Foto: Imago Images/Schöning
Die Fassade der Rostlaube, eins der Hauptgebäude der FU Berlin. Foto: Imago Images/Schöning

Rostlaube, allein das Wort schon! Das ist nicht etwa der abfällige Spitzname, sondern die ganz offizielle Bezeichnung für einen Teil des Hauptgebäudes der Freien Universität Berlin. Wer nach West-Berlin kam, um vor Wehrdienst, konservativen Eltern und Provinzmief zu fliehen, schrieb sich einfach an der FU ein. Germanistik in der Silberlaube, Philosophie ein paar Häuser weiter, Politik in einem ganz eigenen Institut: Fast alle Bauten waren nagelneu, denn die alten Universitätsgebäude lagen in Mitte, auf DDR-Gebiet.

Während Rost- und Silberlaube als labyrinthisch verschrien sind, konnten andere Teile der FU architektonisch durchaus für Begeisterung sorgen: Der Henry-Ford-Bau etwa ist klassisch und modern und repräsentierte damit ganz andere Tugenden als die preußisch-klassizistischen Universitätsbauten in Mitte.

  • FU Berlin, Rost- und Silberlaube, Habelschwerdter Allee, Universitäsgebäude in ganz Dahlem und Steglitz

Museen Dahlem

Das Ethnologische Museum in Dahlem: Mit moderner Architektur erhielt West-Berlin eine eigene Museumslandschaft. Foto: Imago Images/Schöning
Das Ethnologische Museum in Dahlem: Mit moderner Architektur erhielt West-Berlin eine eigene Museumslandschaft. Foto: Imago Images/Schöning

Wenn man schon einmal in der Nähe ist, warum nicht auch einen Abstecher zu den Museen Dahlem machen? Die Berliner Museumslandschaft war im Zuge der Teilung ein weiterer Kandidat für Dopplung und Neubau im Westen. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz rettete Teile ihrer Sammlung nach Südwesten und brachte sie in einem 1967 eröffneten modernistischen Neubau unter.

Das Ausstellungskonzept krankte daran, dass es den Gegenwartsbezug bei außereuropäischen Kulturen vermissen ließ. Das Museum für Völkerkunde war hinter den wissenschaftlichen Stand der Ethnologie zurückgefallen. Mit den Museen in Dahlem geht es allerdings zu Ende. Die Sammlungen ziehen ins Zentrum der Stadt: ins Humboldt Forum.

  • Ethnologisches Museum, Arnimallee, Dahlem. smb.museum

Flughafen Tegel

Der Flughafen Tegel am Abend. Foto: Imago Images/Future Image

Wer von Berlin nach Amerika wollte, stieg hier ins Flugzeug: Seit den 1960er-Jahren erschloss sich Berlin die weite (westliche) Welt von den Startbahnen im Norden. Denn der Flughafen Tempelhof hatte zu kurze Bahnen für Transatlantikflüge – und war ohnehin hoffnungslos überlastet. Drei- und Sechsecke bestimmen die Form von Grundriss und Terminals, auffällig ist TXL also allemal.

Der Flughafen brachte dem damals noch unbekannten Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner (GMP) internationale Aufmerksamkeit. Deutschlands (am Passagieraufkommen gemessen) viertgrößter Flughafen wird mit der Eröffnung des BER zum Relikt des alten West-Berlin – und die Nachnutzung der architektonisch markanten Gebäude wird Stadtplaner*innen noch lange beschäftigen.

  • Flughafen Berlin-Tegel, „Otto Lilienthal“, Saatwinkler Damm, Tegel

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Die neusten und spannendsten Architektur-Geschichten findet ihr immer hier. An diese 12 Dinge wird sich jeder erinnern, der in den 1980er-Jahren in West-Berlin gelebt hat. Den umfassenden Überblick kriegt ihr hier: Unser Berlin-Architektur-Guide von Bauhaus bis Baller. Historisch soll es sein, mit schmucken Fassaden und hohen Decken? Dann ist die preußisch-klassizistische Architektur für euch richtig. Ihr habt mehr übrig für Plattenbauten und Zuckerbäckerstil? Hier erzählen wir euch mehr über die DDR-Architekten, die Berlin geprägt haben.

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