Stadtleben

Ärger um Wohnungsbordelle in Neukölln

WohnungsbordellEigentlich verdient Norbert Krö­cher (59) sein Geld seit einigen Jahren als freier Autor und Schriftsteller. Doch immer öfter verdingt sich der Neuköllner in letzter Zeit nebenbei als Stadtführer. Er führt Politiker und interessierte Journalisten durch seinen Kiez und weiht sie in die Geheimnisse des dortigen Rotlichtmilieus ein: „Hier gleich hinter der Kreuzung haben zwei Zuhälter versucht, sich ge­genseitig zu überfahren“, raunt Kröcher, „und in dem Laden da hinten“, er nickt unauffällig mit dem Kopf in Richtung eines kleinen Cafйs, „geht schon mal eine Knarre über den Tresen.“

Wir stehen an der Mainzer, Ecke Biebricher Straße in Neukölln unweit der Karl-Marx-Straße. Keine 100 Meter von Kröchers eigener Wohnung entfernt. Fast an jeder Ecke gibt es hier ein Cafй. Eines unten in einem großen Beton­sozialbau – weitere unten im Erdgeschoss zweier Altbauten. „Bis vor Kurzem waren das hier alles Anbahnungsläden„, erklärt Kröcher, während er in gebührendem Abstand an vier Männern vorbeiläuft, die vor einem der Cafйs Karten spielen: „Zum Bier kann man gleich die Frau mitbestellen.“ Der Barkeeper vermittelt bei Interesse diskret eine Telefonnummer oder die Adresse eines Etablissements in der Gegend. „Wir haben das getestet„, sagt Kröcher, „mithilfe eines Lockvogels.“

Hört man dem Mann in schwarzer Jeans und Lederjacke eine Weile zu, wähnt man sich in der Bronx. Er erzählt von Geldübergaben, Schutzgelderpressungen, Waffengeschäften und Nutten aller Nationalitäten. Dabei wirkt die Gegend hier rund um die Flughafenstraße auf den ersten Blick wie viele andere in Neukölln. Ganz normaler Problemkiez: heruntergekommene Häuser, Handyläden wechseln mit
Ramschläden. Vor den Kneipen und Cafйs ho­cken Männer in kleinen Gruppen, daneben hat einer seine drei Lidl-Einkaufswagen geparkt. Das Wettbüro ist türkisch – die Bäckerei, die Kröcher ansteuert, auch.

Norbert Kröcher bestellt einen Milchkaffee, setzt sich draußen an einen Plastiktisch und dreht sich eine Zigarette. Seit ein paar Jahren beobachten die Anwohner eine Verschärfung der Lage. „Hier haben immer mehr Puffs aufgemacht“, sagt Kröcher und deutet mit der Hand auf die tristen Fassaden ringsum: „In jedem zweiten Haus gibt’s hier mittlerweile ein Wohnungsbordell.“ Eine junge Frau in knappem Top und kurzem Rock läuft an Kröchers Tisch vorbei. „Da ist wie­der eine der Damen“, sagt er zufrieden. Wobei die Prostituierten an sich Kröcher und seine Mitstreiter nicht so sehr stören. „Wir sind keine Bürgerwehr„, betont der Vorsitzende, „uns geht es nicht um legale Bordelle, sondern und die Belästigung und die Kriminalität, die drum herum entstehen.“ Bei einem seiner Nachbarn hat unlängst einer mit der Frage „Kann ich hier ficken?“ geklingelt, und am Wochenende nervt „der Verkehr: also, jetzt nicht der sexuelle, sondern der von den Au­tos der Kunden und der Zuhälter“, witzelt Kröcher. Aber wirklich lustig findet er das Ganze nicht.

Kröcher hat deshalb einen Brandbrief geschrieben. An die Bezirksverwaltung und die Abgeordneten der Bezirksversammlung: „Der Flughafenkiez ist dabei, ein Rotlichtbezirk zu werden. Fest im Würgegriff polnischer, türkischer, deutscher, albanischer und arabischer Zuhälter, die äußerst brutal agieren.“ Die Reaktion auf die Anwohnerbeschwerde war ernüchternd. Außer den Grünen und der CDU hat sich niemand gemeldet. Deshalb hat Kröcher zusammen mit ein paar Mitstreitern erst eine Anwohner­initiative und dann einen Verein gegründet. Als „Zukunft Neukölln e.V.“ kämpfen die 30 Mitglieder jetzt gegen das Rotlicht-Business.

Kröcher redet sich langsam in Rage. Das Verhalten der Politiker ärgert ihn genauso wie die Zuhälter: „Der Bezirk interessiert sich einen Scheiß dafür, was hier passiert“, beklagt er, „die tun so, als gäbe es die Probleme nicht.“ Eine Einschätzung, mit der er richtig liegt. Der zuständige Baustadtrat Thomas Blesing von der SPD kann kein Problem erkennen. Er tut die Klagen der Bürger zwar nicht gleich als Hirngespinste ab, aber so richtig daran glauben will er nicht: „Es gibt den Versuch einer Gruppe von Anwohnern, den Flughafenkiez so darzustellen, als ob es dort zu Beeinträchtigungen käme“, erklärt er. Doch „die Hinweise darauf sind immer sehr nebulös“. Kriminalität kann er im Kiez keine erkennen. Grund zu reagieren sieht der Bezirkspolitiker nicht – so wenig wie die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit mit der Anwohner­initiative. Ganz im Gegenteil. Der Vereinsvorsitzende Kröcher ist für den Bezirksamtschef mittlerweile kein Gesprächspartner mehr. Und das liegt laut Blesing an dessen schillernder Vergangenheit. Kröcher gehörte in den 70ern zu den Gründungsmitgliedern der Bewegung 2. Juni und hat wegen mehrerer Banküberfälle und einer versuchten Entführung einer Ministerin in Schweden acht Jahre im Gefängnis verbracht.

Eine Tatsache, aus der Kröcher (Spitzname „Knofo“) kein Ge­heim­nis macht, „aber ich habe meine Strafe abgesessen. Mein Führungszeugnis ist sauber“. Seit er Ende 1985 aus dem Gefängnis entlassen wurde, hat sich der Exterrorist nichts mehr zuschulden kommen lassen. Ein Fakt, den ausgerechnet eine Partei anerkennt, der man gewisse Berührungsängste zugestehen würde. Die CDU. Doch obwohl der „2. Juni“ (ohne Kröchers Teilnahme) 1975 für die Entführung des damaligen Spitzenkandidaten Peter Lorenz verantwortlich war, hat man sich in der CDU zur Unterstützung entschlossen. „Das Thema liegt uns am Herzen, und wir unterstützen das Anliegen der Anwohner“, sagt der Fraktionsvorsitzende der CDU in Neukölln, Falko Liecke. Die Vergangenheit Kröchers wurde zwar diskutiert – „es gab da Gespräche innerhalb der Partei“ –, dann aber akzeptiert: „Er hat ein neues Leben angefangen und macht jetzt legal Politik, damit lasse ich es gut sein“, bescheinigt Liecke dem früheren Linksextremisten.

Kröcher selbst sieht das ganz ähnlich. Statt mit der Pistole kämpft er mittlerweile mit Petitionen und Flugblättern. „Mit Gewalt erreicht man nichts“, sagt er. „Man muss die Herzen der Menschen erreichen, damit sie sich für ihre Belange selbst einsetzen.“ Dass diese Herzen auch in CDU-Brüsten schlagen, hätte er sich wohl auch nicht träumen lassen. So wenig wie die Unterstützung von anderer Seite. Von der Polizei. „Da gibt es richtig kompetente Leute“, freut sich Kröcher. Denn im Gegensatz zur Politik hat die Polizei auf anonyme Anzeigen der Anwohner schnell reagiert. „Die haben wochenlang Razzien durch­geführt.“ Mit der verantwortli­chen Beamtin des zuständigen Abschnitts steht er in Kontakt, und auch mit der „Rotlichtabteilung“ will er sich bei Gelegenheit mal treffen. Ein Polizeisprecher bestätigt „verstärkte Maßnahmen im Flughafenkiez„, auch wenn man dort keinen Kriminalitätsschwerpunkt sieht. Doch die Einsätze hatten Erfolg: „Es konnten Hinweise auf Straftaten in Zusammenhang mit Prostitution (Menschenhandel/Zuhälterei) erlangt werden. Die Ermittlungen dauern derzeit an. We­gen illegalen Aufenthaltes und wegen Menschenhandels“ wurden Strafverfahren eingeleitet, zwei Anbahnungslokale wurden gleich ganz geschlossen.

Für den Bezirk reicht das alles nicht. Weder Baustadtrat noch Ordnungsamt sehen die Notwendigkeit zu reagieren. Doch die Anwohnerinitiative konnte einen ers­ten Erfolg verbuchen. Mit den Stimmen aller Fraktionen außer der SPD beschloss der Bezirk eine Einwohnerversammlung zum Thema. Ende Juni durften Anwohner dort ihre Anliegen vortragen, und BVV-Mitglieder verschiedener Parteien gelobten, sich des Problems anzunehmen. Bis auf einen. SPD-Bürgermeister Heinz Buschkowsky redete wie seine Verwaltungskollegen am Problem vorbei. „Bordelle sind nicht illegal“, sagte er und : „Ich werde keine schließen lassen.“ Ignoranz, die Norbert Kröcher zwar ärgert, doch einen Trost hat er. Im Gegensatz zu früher weiß er diesmal die Bevölkerung hinter sich. 150 Anwohner waren zur Versammlung gekommen: „Die haben alle Angst und hoffen, dass sich endlich was ändert.“

Text:Björn Trautwein
Foto: Caro

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