Stadtleben

Arme Avantgarde

Künstler halten sich gerne für eine Avantgarde, also für die Vorhut, der dann irgendwann der Rest der Welt folgt. Zumindest am Arbeitsmarkt könnten sie damit rechthaben. „Erstens wurden Künstlerarbeitsmärkte zum Modell für alle anderen Arbeitsmärkte – das Umtaufen des Arbeitsamtes zur ‚Arbeitsagentur‘ war dafür ein Signal“, beobachtet der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl am liberalisierten Arbeitsmarkt. „Das Zweite ist die Projekttätigkeit als neues berufliches Modell. Und der dritte Aspekt ist, dass Konkurrenzverhältnisse, welcher Art auch immer, auf Dauer gestellt werden. Das heißt, es gibt Konkurrenzdruck nicht nur auf den Schwellen, in Auswahl- und Einstellungsritualen, nach denen dann alles laufbahnmäßig abläuft. Sondern der Wettbewerb ist dauerhaft und alltäglich geworden. Das gilt auch für das Verhältnis von Theater und Publikum, das nicht mehr durch verlässliche Aussichten geprägt ist. Das Theater ist zu einem Experiment geworden, dessen Publikum nicht existiert, sondern immer neu hervorgebracht und formatiert werden muss.“

So nimmt das Theater gerade da, wo es sich für besonders „frei“ und innovativ hält, nicht gebunden an die institutionellen Notwendigkeiten und Absicherungsmechanismen der Stadt- und Staatstheater, deregulierte Arbeitsmärkte vorweg, auf denen permanent jeder mit jedem konkurriert und das Sich-Durchhangeln von Projekt zu Projekt, von Job zu Job, von Zielgruppe zu Zielgruppe nicht die Ausnahme, sondern der Normalzustand ist. Kein Zufall übrigens, dass Vogl das in einem Interview sagt, das in einem Buch zu Matthias Lilienthals HAU-Jahren erschienen ist. Das HAU war nicht nur in der Kunst, sondern auch in den Produktionsbedingungen und den prekären Beschäftigungsverhältnissen seiner Zeit voraus.

K. Hehmeyer, M. Pees (Hg.): Import Export, Arbeitsbuch zum HAU Berlin, Verlag Theater der Zeit, 18 Euro, 180 Seiten

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