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Berliner Legende

Karstadt, Karikaturen und die DDR: Arno Funke alias „Dagobert“ im Gespräch zu seinem 70. Geburtstag

Er hat das KaDeWe und Karstadt erpresst, zeichnet heute Karikaturen für den „Eulenspiegel“ und wurde gerade 70 Jahre alt. Die Berliner Legende Arno Funke alias „Dagobert“ spricht über seine Familiengeschichte, die kriminelle Vergangenheit, Knastkontakte mit DDR-Leistungsträgern, Ruhm, „Breaking Bad“ und Depressionen

Der ehemalige Karstadt-Erpresser Arno Funke alias Dagobert. Heute arbeitet er für den "Eulenspiegel" als Karikaturist
Arno Funke, 2020: »Es ist schon merkwürdig, aber nun bin ich ein Teil der deutschen Geschichte geworden«. Foto: Lena Ganssmann

Arno Funke wurde 1950 in Berlin geboren, er ist gelernter Schilder- und Reklamehersteller. In seiner Jugend hat er als DJ gearbeitet und später Autos und Motorräder lackiert. So bekam er eine Lösungsmittel-Vergiftung, die sich auch auf seinen psychischen Zustand auswirkte. Darauf begann seine kriminelle Laufbahn. 1988 hat er das KaDeWe erfolgreich erpresst, zwischen 1992 und 1994 versuchte er erfolglos, Karstadt zu erpressen. Nach seiner Verhaftung und einer mehrjährigen Gefängnisstrafe begann er beim „Eulenspiegel“ eine Karriere als Karikaturist. Funke hat 1998 seine Biografie veröffentlicht und nahm 2013 am „Dschungelcamp“ teil.

tip Herr Funke, Sie wurden am 14. März 70 Jahre alt, wie geht es Ihnen damit?

Arno Funke Ganz gut, kann mich nicht beklagen. Im fortgeschrittenen Alter ist das aber wie bei alten Autos, es fängt an zu quietschen und irgendwas ist immer. Aber grundsätzlich ist nichts Schlimmes.

tip Und wie sieht gerade Ihr Alltag aus?

Arno Funke Ich habe viel Zeit verschwendet, indem ich Ahnenforschung betrieben habe. Mit bald 70 blickt man auf einen gewissen Lebensweg zurück und weiß, wenn man nach vorn schaut, ist der Weg nicht mehr lang. Da ist das Ende sichtbar. Und da fragt man sich, was haben eigentlich die Vorfahren so gemacht.

tip Haben Sie etwas Spannendes herausgefunden?

Arno Funke Ich wusste von meinen Großeltern sehr wenig. Es gab polnische und ungarische Wurzeln und auch aus Norwegen. Mit Überraschung stellte ich fest, dass die namensgebende Linie sehr lange in Niederbarnim ansässig war. Ein Urahn von mir hatte 1697 in Wartenberg eingeheiratet. Der war Kötter, das ist jemand, der ein Häuschen hat und ein Stück Land, das aber nicht groß genug, dass es einen vollständig ernähren kann und man also noch andere Dinge tun muss.

tip Man muss improvisieren können. Sehen Sie da eine Verbindung zu Ihrer Biografie?

Arno Funke Nicht direkt, aber es gibt diese Geschichte von meinem Großvater mütterlicherseits. Der war Seemann und hat in Norwegen geheiratet. Über den habe ich einen Artikel in einer norwegischen Zeitung gefunden. Zufälligerweise kann ich Norwegisch und so erfuhr ich, dass er einmal wegen Trunkenheit und der Störung der öffentlichen Ordnung von der Polizei inhaftiert wurde. Und da stand dann: „Unter anderem war dabei: Der Polizei alter Freund Funke.“ (lacht)

tip Dann sind Sie gar nicht der erste Funke, der Ärger mit der Polizei hatte. Die meisten Berliner kennen Sie ja als den Karstadt-Erpresser Dagobert. Wie gehen Sie heute damit um?

Arno Funke Das steht nicht mehr im Vordergrund. Es ist natürlich immer vorhanden und das wird sich auch nicht ändern. Aber dadurch, dass ich schon sehr lange für den „Eulenspiegel“ zeichne, werde ich auch wegen der Karikaturen angesprochen. Ich war ja 2013 auch im „Dschungelcamp“ gewesen, und die Leute kennen mich auch mit diesem Hintergrund, das interessiert sie auch.

tip Wo war es schlimmer, im Knast oder im „Dschungelcamp“?

Arno Funke Im „Dschungelcamp“ war es natürlich schöner gewesen, ich habe da sehr gelacht. Im Prinzip konnte ich mit der ganzen Sache nicht viel anfangen. Ich bin kein Sänger oder Schauspieler, der irgendwie die Öffentlichkeit braucht, um Geld zu verdienen. Es war für mich eine interessante Erfahrung, man bekommt Geld und darf nach Australien. Warum nicht?

tip Der Ruhm, den Sie als Dagobert erlangt haben, hat Sie nach Australien gebracht. Was bedeutet Ihnen dieser Ruhm?

Arno Funke Dagobert und der Ruhm sind ein Teil meines Lebens, den ich nicht leugnen kann. Das was wirklich für mich schlimm war, war mein desolater Gesundheitszustand. Wäre das nicht gewesen, dann hätte es Dagobert nie gegeben.

tip Sie sprechen Ihre Depressionen an?

Arno Funke Die Depressionen und die ganze Lösungsmittel-Geschichte, die ja einen Nervenschaden hervorgerufen hat. Ich war Lackierer und habe zu viel von dem Zeug eingeatmet. Den Zustand wünscht man keinen. Ich fühlte mich damals so, als hätte ich eine halbe Flasche Whisky getrunken, aber ohne die positiven Gefühle, die man unter Umständen dabei entwickeln kann (lacht). Ich fühlte mich zugedröhnt und wie in Watte gepackt und gleichzeitig wusste ich, dass ich vollkommen nüchtern war.

tip Wenn man an die ausgeklügelten Maschinen und Vorrichtungen denkt, die Sie in ihrer Dagobert-Zeit ausgetüftelt haben, würde man schon denken, dass Sie sehr konzentriert gehandelt haben.

Arno Funke Aber die Leistungsfähigkeit war extrem beeinträchtigt. Zu der Zeit konnte ich höchstens zwei Stunden konzentriert arbeiten, dann nahm es rapide ab. Auch wenn ich was lesen wollte, erstmal musste ich jede Seite zwei Mal lesen und nach 20 Seiten war eh Feierabend. Ich war damals in dieser Situation und sah für mich so den Ausweg, für mich ging es ums Überleben. Und wenn man kurz vor dem Selbstmord steht und sich sagt „Was soll das alles?“, dann muss man sich auch an keine Regeln mehr halten.

tip Überleben war Ihre Hauptmotivation und nicht das Geld?

Arno Funke Überleben! Es war mir klar, wenn ich Geld hätte, wäre ich erst mal von diesem Druck befreit, Geld ranschaffen zu müssen. Ich hatte ja meinen Job als Lackierer gehabt und habe Geld verdient. Es waren zwar keine Millionen, aber es reichte für den Monat. Irgendwann war ich nicht mehr dazu in der Lage, und da ich damals selbstständig war, wäre ich gleich in die Sozialhilfe gerutscht. Da werden ja sonst gesunde Menschen schon depressiv.

tip Haben Sie die Serie „Breaking Bad“ gesehen, in der der an Krebs erkrankte Chemielehrer Walter White aus Verzweiflung beginnt, Drogen zu produzieren und so auf eine kriminelle Bahn gerät?

Arno Funke Meine Geschichte ist vielleicht ähnlich, ich habe die Serie zwar nicht gesehen, aber davon gehört. Nur war er da ja noch bei klarem Verstand. Aber diese Todesangst hat er auch verspürt und versuchte einen Ausweg für sich zu finden. Und Geld ist manchmal halt die Lösung.

tip Im Kapitalismus ist das wohl so. Oder?

Arno Funke Geld kann vieles erleichtern. Nach der KaDeWe-Erpressung 1988 hatte ich ja erst einmal Geld und konnte mich dann nur darum kümmern, wieder gesund zu werden. Das ging aber nicht von heute auf morgen. Ein Neurologe, der seine Doktorarbeit über Kinder, die Lösungsmittel schnüffeln, geschrieben hat, sagte mir nach der Karstadt-Erpressung, es wird besser werden, allerdings wird es sehr lange dauern. 15 bis 20 Jahre. Das war auch so. Jedenfalls war das KaDeWe-Geld irgendwann weg, die Depressionen sind aber geblieben. Dann kam die Sache mit Karstadt.

tip Was hätten Sie denn gemacht, wenn Sie das Geld damals bekommen hätten?

Arno Funke Dann hätte ich erst einmal davon gelebt und wäre womöglich nicht in Berlin geblieben. Vielleicht wäre ich auf die Philippinen gezogen, aber sicher bin ich mir nicht.

tip Sie waren ein Krimineller, ein berüchtigter Kaufhaus-Erpresser. Haben Sie sich eigentlich gewundert, dass Ihnen so viel Sympathie entgegengebracht wurde?

Arno Funke Man muss ehrlicherweise sagen, wenn einem so viel Sympathie entgegenschlägt, ist es natürlich angenehmer als wenn die Reaktionen nur Hass wären. Es hat aber nicht dazu geführt, dass ich noch eins draufgesetzt habe. Mit einer gewissen Verwunderung habe ich natürlich den Hype wahrgenommen, völlig verblödet bin ich nun auch nicht. Es existiert wohl so ein unterschwelliger Anarchismus in der Bevölkerung, eine klammheimliche Freude über bestimmte Sachen, die eigentlich nicht erlaubt sind. Es ist schon merkwürdig, aber nun bin ich ein Teil der deutschen Geschichte geworden.

tip Sie haben vor der Dagobert-Zeit bereits ein recht umtriebiges Leben geführt, waren DJ und Künstler.

Arno Funke Das mit dem Künstler haben Sie vermutlich auf Wikipedia gelesen. Das stimmt so nicht. DJ war ich mit 20, in Bayern und in Bielefeld, und dann hatte ich nochmal mit 23 eine Phase, wo ich ein paar Monate rumgefahren bin als Discjockey.

tip Und was hat es mit der Kunst auf sich? Zeichnen können Sie schließlich, sonst wären sie nicht Karikaturist geworden.

Arno Funke Ich kannte das von meinem Beruf als Schilder- und Reklamehersteller, da hatte ich mit Airbrush gearbeitet und konnte naturalistisch gestaltete Bilder machen. Daraus hat sich ergeben, dass ich Leute kennengelernt habe, die ihre Autos oder Motorräder bemalt haben wollten. Damit konnte man ganz gut Geld verdienen und da habe ich mich hineingesteigert. Was ich nicht bedacht habe, dass das mit diesen Lösungsmitteln nicht ganz ungefährlich ist.

tip Sie sind in West-Berlin geboren und aufgewachsen, die Dagobert-Zeit war um die Wendezeit, dann wurden Sie verhaftet und haben die ersten Jahre nach dem Mauerfall im Gefängnis verbracht. Ist der Osten etwas an ihnen vorübergegangen?

Arno Funke Zu der Zeit, als ich im Gefängnis saß, waren dort auch einige Leistungsträger der DDR inhaftiert. Der eine Herr, mit dem ich die Zelle teilte, war früher Kriminaloberrat in Ost-Berlin. Bei ihm ging es um Schmuggel und Steuerhinterziehung. Die haben mit seltenen Metallen gehandelt, die unter Umständen auch zum Bau von Atombomben benutzt werden konnten. Über ihn habe ich auch andere Leute kennengelernt, die in der DDR tätig waren. Da waren ein ehemaliger Richter, Geheimagenten und ein Stasi-Mann, der war Spezialist für Sprengstoff und der hat mir erzählt, woraus man so alles Sprengstoff herstellen kann.

tip Aber da kannten Sie sich doch auch aus.

Arno Funke Der kannte sich aber noch besser aus (lacht). Da kommt einiges zusammen in so einem Knast. Ich habe später auch Egon Krenz kennengelernt, und Mielke ist mir im Flur öfter begegnet, aber der war da schon in seiner eigenen Welt.

tip Wie kamen Sie als West-Berliner dazu, für den „Eulenspiegel“ zu arbeiten und Plakate für die Linke zu entwerfen. Ist Ihnen der Osten vielleicht gefühlt näher als der Westen?

Arno Funke Noch dazu kommt meine Frau aus Stralsund. Näher ist mir der Osten vielleicht nicht, aber ich bin ja auch mit „Meister Nadelöhr“ und „Pittiplatsch“ aufgewachsen. Vor dem Mauerfall war ich ein paar Mal in Potsdam zu Familienfeiern und ich kann mich gut in die Menschen versetzen.

tip Sie sind 2000 aus dem Gefängnis entlassen worden und haben Ihre Karikaturisten- Laufbahn beim „Eulenspiegel“ angefangen. Wie ist es dazu gekommen?

Arno Funke Das ging kurz nach meiner Verhaftung los, ein paar Wochen danach hat der „Eulenspiegel“ mich kontaktiert. Die haben gelesen, dass ich gut zeichnen kann und fragten, ob ich Lust hätte Witze über Polizisten zu zeichnen. Das habe ich dann aber dankend abgelehnt. Es war nicht unbedingt der richtige Moment (lacht). Ich sagte, sie sollten sich mal melden, wenn alles vorüber ist – und das haben sie gemacht.

tip Und seitdem haben Sie den Job?

Arno Funke Seitdem bin ich dabei, mein Stil ist scheinbar ganz gut bei den Lesern angekommen. Damals hatte ich ja noch analog Bilder hergestellt, mit Airbrush und Aquarellen. Mittlerweile arbeite ich nur digital und mache fotorealistische Karikaturen, damit habe ich ein Alleinstellungsmerkmal.

Sondierungsgespräche 2017: Karikatur von Arno Funke für den „Eulenspiegel“
Sondierungsgespräche 2017: Karikatur von Arno Funke für den „Eulenspiegel“

tip Was macht für Sie eine gute Karikatur aus?

Arno Funke Natürlich sollte eine Karikatur überzeichnen und sie sollte das Thema auf den Punkt bringen. Gerade habe ich eine Karikatur mit einer erkälteten Angela Merkel gemacht, sie könnte den Corona-Virus haben, und Jens Spahn im Schutzanzug misst ihr die Temperatur. Und die Frage ist, ob sie sich jetzt um Innenpolitik kümmern muss, weil sie jetzt nicht mehr aus ihrem Büro rauskommt. Sie ist ja nun wirklich in der Welt unterwegs und ich weiß nicht, wie viel sie mit der Innenpolitik noch zu tun hat.

tip Sie beobachten beruflich das politische Geschehen. Wie beurteilen Sie die Situation heute, auch im Hinblick auf den Erfolg der AfD und die Wahlen in Thüringen?

Arno Funke Worüber ich manchmal Brechreiz bekomme, ist das Internet, die Leserkommentare und die unendlichen Möglichkeiten, an falsche Informationen zu gelangen. Man müsste regelrecht lernen, das zu erkennen. Wenn ich die Kommentare beim „Focus“ oder auf „web.de“ lese, denke ich, man hat nur noch mit Idioten zu tun. Früher war das so gewesen, dass jedes Dorf einen Dorftrottel hatte. Die wussten aber nichts voneinander. Jetzt können sich aber alle Dorftrottel im Internet treffen und dort merken sie, wir sind ja viele und wir denken alle genauso! Das ist gefährlich.

tip Was wird man bei der Ausstellung sehen können?

Arno Funke „Eulenspiegel“-Karikaturen aus den letzten Jahren.

tip Sie haben am Anfang des Gesprächs gesagt, sie würden jetzt, da Sie 70 werden, eher nach hinten als nach vorne schauen. Wollen Sie uns dennoch verraten, was Sie für die Zukunft planen?

Arno Funke Vor 20 Jahren hatte ich einen Roman angekündigt. Dazu kam es bislang nicht. Ich hatte schon mal angefangen, aber er hat sich auch ständig verändert und ich habe dann nicht mehr weitergeschrieben. Damit will ich eigentlich mal fertig werden.

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