Stadtleben

Atom

Neulich war die Atomlobby zu Gast im Fortyseconds – das ist eine Diskothek gegenüber vom Potsdamer Platz. Altes Berlin kann man sagen, auch wenn die Gäste eher jung sind – aber aus Bezirken, in denen zügig gealtert wird. Zehlendorf, Steglitz – so die Kante. An dem Abend lud das Atomforum zur Dis­kussion über die Zukunft – und für das Atomforum ist die Zukunft natürlich voller Atomkraftwerke. Sie ist wie auf dem Titelblatt eines Flyers, den die Junge Union Reinickendorf verteilte. Darauf konnte man einen Strand voller Menschen sehen – in Liegestühlen und im Wasser –, und im Hintergrund erhoben sich die schönen Kühltürme eines AKWs. Es sah aus wie das Titelbild einer Satirezeitschrift, aber es war wohl ernst gemeint.

KernkraftwerkEin Teilnehmer der Diskussion war Timo Boll, weil das Atomforum auch mal andere Leute zu Wort kommen lassen wollte – Tischtennisweltmeister wie du und ich eben. Timo Boll erzählte, dass er um das drängende Problem der Stromversorgung wisse, er persönlich aber keine Probleme damit habe, seit er als Belohnung für eine Goldmedaille ein Jahr umsonst Strom bekomme. Er kenne aber auch Gegenden, zum Beispiel in China, wo es zwischen elf und 15 Uhr keinen Strom gebe. Brauche man ja eigentlich auch nicht um diese Zeit, entgegnete der Moderator – und damit hatten sich die Wortbeiträge von Timo Boll weitgehend erschöpft. Den Pressemenschen, der Boll eingeladen hat, hätte ich an­stelle des Geschäftsführers des Arbeitskreises Kernenergie zu einer Sonderschicht im Vattenfall-Pannenreaktor Brunsbüttel verdonnert.

Die Reinickendorfer Junge Union tut sich natürlich leicht, das „Comeback des Jahrzehnts“ auszurufen, denn zu Hause zwischen Paracelsusbad und Teichstraße gibt es weit und breit keinen Meiler und kein zusammenstürzendes Endlager. Da lassen sich natürlich beherzt Broschüren basteln, die die Atomenergie als kostengünstige, CO2-neutrale Energie lobpreisen.
Insgesamt lebt man gut in Berlin, wenn man keine Lust auf Alpha-, Beta- und Gammastrahler hat. Keine Reaktoren, keine Castoren, keine Salzstöcke, die das Interesse von EnBW oder RWE wecken könnten. Dafür eine Menge Gegner der Atomkraft, die sich in Bewegungen wie Nixatom oder die Anti-Atom-Gruppe der TU-Berlin sammeln. Dabei hat Berlin ja eine große Atomtradition: Otto Hahn entdeck­te hier den radioaktiven Rückstoß, Lise Meitner diverse Radionuklide. Das Institut am Wannsee, das nach ihr benannt war, heißt jetzt leider Helmholtz-Zentrum. Warum nicht Timo-Boll-Zentrum, weiß nur die Atomlobby.

Foto: Daniel Bleyenberg/Pixelio

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