Stadtleben

Auf dem Vormarsch: Imkerei in Berlin

„Hey, was macht ihr denn da? Ist das der Platz, den ihr euch ausgesucht habt?“ Aufgeregt rennt Erika Mayr an den Rand des Daches. Sie beugt sich über den Sims und begutachtet die Bienen, die dort als summender Klumpen hängen. Über dem Kopf der Imkerin schwirren unzählige der gelbschwarzen Tierchen. Erika Mayr strahlt: „Das habe ich ja noch nie gesehen!“ Stolz fügt sie hinzu: „Das ist mein erster Schwarm!“

Erika Mayr ist eine von rund 500 Imkern in Berlin. Die 35-Jährige, die hauptberuflich als Gärtnerin arbeitet, hält ihre Bienen mitten in Kreuzberg, auf dem Dach des Aqua Carre in der Nähe vom Moritzplatz. Vier Völker, das sind im Sommer über 150 000 Bienen, hausen hier oben in übereinander gestapelten Styroporkästen. Die Luft ist von einem lauten Summen erfüllt, überall dunkle, emsig umher sausende Tierchen. „So eine Biene ist mit 28 Stundenkilometer unterwegs“, sagt Erika Mayr und zieht sich ihren Schutzanzug an. Jetzt muss sie erst einmal den Schwarm wieder einfangen.

Auf diesem Dach fühlt man sich ganz und gar nicht wie mitten in der Großstadt, obwohl man die Oranienstraße, Kreuzbergs Amüsiermeile, gleich um die Ecke weiß und die Aussicht ringsherum von Wohn- und Bürogebäude versperrt ist. Und überhaupt: Gehören Bienen nicht eher in die Natur, auf Wiesen und Felder, als auf Dächer in Wohngebieten? Und bei all der Feinstaubbelastung kann Honig aus Städten wie Berlin doch unmöglich gesund sein.
„Die Nektarien der Blüten sitzen so tief, dass dort kein Feinstaub hinkommt. Der Schadstoffanteil im Honig liegt weit unter den Grenzwerten für Nahrungsmittel. Giftstoffe gelangen nicht in den Honig, weil vorher die Biene daran stirbt“, sagt Birgit Lichtenberg-Kraag vom Berliner Länderinstitut für Bienenkunde in Hohen Neuendorf. „Viel gefährlicher als Feinstaub sind die Pflanzenschutzmittel, die in der Landwirtschaft eingesetzt werden.“ Weil es die aber in städtischen Gebieten nicht gibt – in Berlin wird ja keine Landwirtschaft im großen Stil betrieben –, gehe es Stadtbienen grundsätzlich besser als Landbienen, so Lichtenberg-Kraag. Doch das ist nur einer der Gründe, warum sich das nach Rind und Schwein drittwichtigste Nutztier in Deutschland mitten in der Großstadt so wohlfühlt.  

Marc-Wilhelm Kohfink, zweiter Vorsitzender vom Imkerverband Berlin und seit elf Jahren Imker, schreibt gerade an einem Buch mit dem Titel „Bienen halten in der Stadt“, das Ende August erscheinen soll. Der Wirtschaftsjournalist ist mit Bienen aufgewachsen, schon sein Vater und sein Großvater waren Imker. Aber erst als Kohfink 1999 von Bonn nach Berlin zog, belegte er einen Kurs und stellte eigene Bienenvölker auf. Mittlerweile ist er vom Hobbyimker zum Nebenerwerbsimker mit 60 Völkern aufgestiegen. Im Keller seines Einfamilienhauses in Köpenick stehen Honigschleudern und Regale voller Gläser. Es riecht nach Wachs und Honig.

Für ihn liegen die Vorteile der Stadtimkerei auf der Hand: So viel Honig wie in Berlin, so Kohfink, werde in keiner anderen Gegend in Deutschland geerntet: Durchschnittlich 47 Kilogramm Honig pro Volk und Jahr, in Baden-Württemberg sind es nur 27 Kilogramm. Das liege vor allem daran, dass die Blütenvielfalt in der Stadt um einiges höher ist als auf dem Land, wo es meist nur Monokulturen gibt, also wo etwa nur Raps angebaut wird. Bienen finden in Städten daher ein umfangreicheres Nahrungsangebot vor. Das bestätigen auch Untersuchungen des Länderinstituts für Bienenkunde: Bis zu 150 verschiedene Pollen gibt es in großen Städten, in ländlichen Gegenden hingegen nur bis zu 60. In Fachkreisen ist der Standort Berlin vor allem für seinen Lindenhonig bekannt. „Ein Kollege von mir kommt mit seinen 150 Völkern von Cloppenburg die rund 450 Kilometer nach Berlin gefahren, um seine Bienen in Kreuzberg aufzustellen. Nur wegen der Berliner Linde“, erzählt Kohfink.

Kreuzberg scheint sehr beliebt zu sein unter Imkern. Auch Heinz Risse hat dort seine Völker verteilt: Zwei im Prinzesinnengarten, zwei weitere auf seinem Balkon und auf dem Brachgelände an der Kommandantenstraße. Wie auch bei Erika Mayr haben sich die Nachbarn bisher nicht beschwert. „Bis zu sechs Bienenvölker in Wohngebieten sind erlaubt, wenn in der Nachbarschaft Kleintierhaltung üblich ist, wenn also auch Hunde und Katzen gehalten werden“, sagt der Bienenexperte Kohfink. „Natürlich darf man niemanden mit seinem Hobby stören. Aber gelegentliche Stiche müssen die Nachbarn schon hinnehmen.“

Hat man, wie Erika Mayr und Heinz Risse, einen guten, ruhigen Platz für seine Bienen gefunden, dann scheint eine großstädtische Umgebung das Beste für die Bienen zu sein. Vor einem Problem aber ist kein Imker geschützt, ob in der Stadt oder auf dem Land: das alljährliche Bienensterben im Winter. Laut Medienberichten sind im vergangenen Winter mehr als 200 000 Bienenvölker, das ist jedes vierte Volk in Deutschland, an der Varoa-Milbe zugrunde gegangen. Das Ausbreiten des Parasiten zu verhindern, ist schwierig, die Methoden – von chemischen Behandlungen bis hin zum Töten der Drohnenbrut, um die Vermehrung der Milbe einzudämmen – sind umstritten. Da braucht man vor allem Glück, um seine Bienen gut über den Winter zu bringen. Das hatte Erika Mayr. Ende Mai erntete sie sogar schon den ersten Honig in diesem Jahr. Ihren Honig verkauft sie ein paar Stockwerke tiefer, in der Kantine vom Aqua Carre. Dort wird er auch gleich zum Kochen verwendet.

Auf dem Dach ist inzwischen Mayrs Imkerpate Bernd Bendig mit einem Schwarmfangkasten eingetroffen. Ruhig erklärt er ihr, wie sie ihre Bienen einfangen muss. Der ehemalige Hoteldirektor vom Alsterhof in Charlottenburg ist seit 30 Jahren Imker, seine Völker standen lange Zeit auf dem Hoteldach. Er hält den Kasten, während Erika Mayr die Bienen mit einem kleinen Besen hineinkehrt. Sie imkert seit drei Jahren, so genannte Jungimker werden in den ersten Sommern von erfahreneren Kollegen betreut. „Wenn ich im März nach dem Winter zum ersten Mal wieder zu meinen Bienen gehe und den Kasten öffne, bin ich froh, wenn mein Imkerpate dabei ist“, sagt Erika Mayr. „Da wuseln tausende Tierchen rum. Das ist schon unheimlich.“ Trotzdem arbeitet sie ohne Handschuhe: „Dann habe ich ein besseres Gespür.“ Gestochen wurde sie diese Saison noch nicht.
„Erika ist unser Shootingstar“, sagt Bernd Bendig. „Der Imkerverein Charlottenburg hat sie zur ersten Vorsitzenden gewählt.“ Das ist ungewöhnlich, war doch die Imkerei bislang eher ein Altherrenhobby, verweist aber auf einen Trend, den auch Marc-Wilhelm Kohfink beobachtet. „Die Imkerei wird zunehmend weiblicher und jünger„, sagt er. Als er vor drei Jahren seinen ersten Kurs anbot, kamen sieben Leute. In diesem Jahr gab es so viele Anmeldungen, dass er einige auf die kommende Saison vertrösten musste. „Die Imkerei ist das perfekte Hobby für den Großstädter, der viel arbeitet und wenig Zeit hat: Die Tiere müssen nicht rund um die Uhr betreut werden, die machen ja alles alleine. Und man hat was mit der Natur zu tun, ohne dass man die Stadt verlassen muss“, sagt Kohfink. 

Text: Katharina Wagner
Fotos: Oliver Wolff

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