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Auf den Spuren des Schreckens: Pnohm Penh

Phnom PenhThonevath Pou holt die Sammeltassen aus dem Schrank. Echtes Bavaria-Porzellan, gekauft auf einem Flohmarkt in Berlin. Dann sitzen wir auf der Dachterrasse seines schmalen Hauses in Phnom Penh und schauen bei Kaffee und Kuchen über die Dächer der Stadt. Zwischen Wäscheleinen und Antennen sieht man die spitzen Türme des Königspalastes und einen in den Himmel wachsenden Ho­tel­neubau, dessen Architektur Tho­nevath Pou missfällt. In fehlerfreiem Deutsch erzählt der 62-Jährige von seinem Germa­nis­tikstudium in Leipzig. In seinen Bücherregalen stehen Christa Wolfs „Kindheitsmuster“ und Stephan Hermlins „Abendlicht“. Mitte der 60er Jahre war er in die DDR gekommen, und es klingt, als wäre es eine glückliche Zeit ge­wesen. 1975, mit dem Einmarsch der Roten Khmer in seine Heimatstadt Phnom Penh, wurde das Ausland jedoch zum Exil. Ein Großteil von Pous Familie, die zur bürgerlichen Elite der kambod­scha­nischen Hauptstadt zählte, wurde umgebracht. Von seinem El­ternhaus existiert nur noch ein Foto an der Wand.

Zwei Millionen Menschen – so viele wie vor Pol Pots Machtübernahme, der die Stadt komplett räumen ließ – leben heute wieder in Phnom Penh. Zwischen den niedrigen, teilweise im französischen Kolonialstil erbauten Häusern drängeln sich Mopeds, Mofas und Autos. Auf den Straßen erin­nert nichts mehr an die Schre­ckensherrschaft der Roten Khmer, doch kaum ein Kambodschaner in Thonevath Pous Alter hat während des Terrorregimes keine nahen Familienangehörigen verloren, und gewiss jeder der sonst nur selten ortskundigen Motorradtaxifahrer kennt den Weg zum Tuol-Sleng-Museum.

Das ehemalige Schulgebäude wurde von Pol Pot zur Folterzentrale umgebaut. Zwischen 14.000 und 20.000 Männer, Frauen und Kinder wurden von 1975 bis 1979 hier inhaftiert. Viele starben an den Folgen der Misshandlungen. Die Überlebenden wurden auf den Killing Fields vor den Mauern der Stadt erschlagen – um Munition zu sparen – und verscharrt. Schilder weisen darauf hin, dass es unangebracht ist, in Tuol Sleng zu lachen. Doch angesichts der Blutspuren auf den Zellenböden, der Folterwerkzeuge und der Fotos von angeketteten und verstümmelten Leichen ist auch niemandem danach zumute. Als die Vietnamesen 1979 Pol Pots Herrschaft beendeten, haben sie das Gefängnis so belassen, wie sie es vorfanden. Ein Ort, der keinen Kommentar benötigt.

Auf internationalen Druck urteilt nun erstmals ein UN-Tribunal über die Verbrechen der Roten Khmer, denen knapp ein Drittel der sieben Millionen Kambodschaner zum Opfer fiel. In der Bevölkerung ist das Interesse daran erstaunlich gering. Die meisten Menschen sind vor allem mit ihrem täglichen Überlebenskampf in dem von Korruption geplagten Land beschäftigt. Zudem erscheint die Aufarbeitung der Vergangenheit der politischen Elite zu gefährlich. Nicht wenige Verantwortungsträger des heutigen Kambodschas haben eine „rote“ Vergangenheit. So gleicht es einem Wunder, dass am 17. Februar – 40 Jahre nach der Zerschlagung des Pol-Pot-Regimes – der erste Prozess gegen einen der führenden Funktionäre der Roten Khmer beginnen kann. Auf der Anklagebank sitzt der 66-jährige Kaing Guek Eav, der unter dem Namen Duch bekannt wurde. Er war der Leiter des Foltergefängnisses Tuol Sleng.
Thonevath Pou gießt Kaffee nach. Er hat Glück gehabt. Als Akademiker wäre eine Rückkehr in sein Heimatland unter den Roten Khmer der sichere Tod gewesen. Da die DDR-Regierung anfangs noch freundschaftliche Beziehungen zum Pol-Pot-Regime pflegte und Pou nach seiner Promotion 1976 eine Abschiebung fürchtete, zog er es vor, sich mit zwei Koffern und 50 D-Mark in der Tasche nach Westberlin abzusetzen. Dort studierte er Bibliotheks­wissenschaften und fand einen Job in einer Bücherei. Erst 1995 kehrte er nach Kambodscha zurück. Seit fünf Jahren baut Thonevath Pou, finanziert vom deutschen Evangelischen Entwick­lungsdienst, die Nationalbibliothek in Phnom Penh wieder auf, von der die Roten Khmer nur 20.000 Bücher übrig gelassen hatten.

Text: Ralph Gerstenberg

Wichtig zu wissen

Anreise
Nach Phnom Penh fliegt man in der Regel über Bangkok. Hin- und Rückflug kosten ca. 1000 Euro
Unterkunft
Das Renakse Hotel (40 Samdech Sothearos Blvd.) wird von einer Cousine des Königs betrieben, die auch in der ersten Etage wohnt.
Ausgehen
Das Heart of Darkness (26 Street 51) ist einer der bekanntesten Nachtclubs der Stadt. Einst wegen erhöhten Sicherheitsrisikos und dröhnend-düsterer Rockmusik berüchtigt, geht es nach der Einführung von Eingangskontrollen und elektronischer Dance-Music wesentlich ruhiger zu. Hier treffen sich Einheimische und Touristen, aber auch schwul-lesbische Khmer und Traveller.
Geschichte
Im krassen Gegensatz zum Tuol-Sleng-Museum (113 Street 350) und den Killing Fields zeigt die Kunstsammlung des Nationalmuseums (13th Road, zwischen 178. und 184.) all das, was der Zerstörungswut der Roten Khmer entgangen ist: das reiche kulturelle Erbe Kambodschas – von der Antike über die prägende Angkor-Periode bis hin zur Moderne.

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