Stadtleben

Aufschwung in der Sonnenallee Berlin

Sonnenallee_Neukoelln_Foto:_Harry_SchnitgerEs weht ein frischer Wind durch die Straße mit dem netten Namen und dem üblen Ruf. Die Sonnenallee hat sich zu einer der lebendigsten und vielfältigsten der Stadt gewandelt. Ärmlich ist sie geblieben, und ständig flattert Müll über den Gehsteig. Das liegt jedoch weniger an der Verwahrlosung der Anwohner als am Arbeitsstil der Stadtreinigung. Die notorisch knappen Container in den Höfen quellen über, die BSR räumt ab, zack, zack, das überzählige Zeug bleibt zurück und wird vom Winde verweht. Doch die zarten Pflänzchen bürgerlicher Alltagskultur reifen sichtbar. In den Einfriedungen am Bürgersteig verdrängt das Grünzeug langsam den Unrat und die toten Tauben. Die Blumenläden, ein sicherer Indikator dafür, dass Geld übers Lebensnotwendige hinaus ausgegeben wird, florieren wieder.

Die Rettung kam aus einer Richtung, aus der sie wohl die wenigsten vermutet hätten. Arabische Geschäfte haben zwischen Pannier- und Erkstraße den Verfall und Leerstand beendet. Nun dominieren dort die schnörkeligen Schriftzeichen. Bisher unbekannte Wohlgerüche verteilen sich zwischen dem Orient-Cafй El Salam und dem Libanon-Falafel. Von der Bäckerei Sultan gibt es zwei Geschäfte, gleich drei Läden heißen Um Kalthum – nach einer im arabischen Raum hoch geschätzten Sängerin. Die Sonnenallee ist auf diesem Stück Basar für Obst und Gemüse, Kräuter, Fisch und Gewürze. Auch prächtige Frauenkleider, Teppiche und Technikkram sind im Angebot. Dazu Spielwaren, Bilder, Vasen, Modeschmuck, reich verzierte Geschenkartikel, Islam-Bilderbücher und – aus mitteleuropäischer Sicht – jede Menge Kitsch.

Sonnenallee_Berlin_Foto:_Harry_SchnitgerDie Sonnenallee, ab den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts auf sumpfigem Gelände erbaut, ist 4,9 Kilometer lang und beginnt am Hermannplatz, einem Trinkertreffpunkt. Sie endet auf den letzten 400 Metern im Bezirk Treptow, an die ehemalige Sektorengrenze erinnert eine viersprachige Gedenktafel. Zwischen beiden Enden ist der beliebte Geschäftsname eine Anspielung auf die Straße selbst: überall Sun-Umzüge, Sonnenspätkauf, Sonnengarten-Imbiss, Bierhaus Sunrise, Sonnenback. Das o wird gern mit Strahlenkranz und Grinsgesicht aufgehübscht.

Langsam sickert Kreuzkölln in die Sonnenallee ein, die Künstler und Studenten aus dem Gebiet zwischen Landwehrkanal und Kottbusser Damm. Dort eröffnen immer mehr Galerien und Szene­kneipen. „Vor einigen Jahren“, sagt Polizeidirektor Hans Steffen, Leiter des Reviers 54 mit Sitz an der Sonnenallee, 2konnten Sie im Reuterkiez nicht im Dunkeln spazieren.“ Jetzt erkennt man die szenigen Neu-Neuköllner daran, dass sie ohne Licht Rad fahren. Sie sorgen auch für eine neue Durchmischung des alten Boulevards.
An der Ecke Reuterstraße liegt das Ris A, der internationalste Treff der Straße. Das Restaurant mit den schlichten Plastikmöbeln, eine Art arabischer Kentucky Fried Chicken inklusive Kid’s-Menü, aus dem eine Cap­ri-Sonne und Cent-Spielzeug purzeln, produziert in großer Zahl köstliche Hähnchen vom Holzkohlegrill. Allein der Grillvorgang zieht Schaulustige an. Das Ris A trägt den Beinamen Halal – das steht für „islamisch erlaubt“. Die Hähnchen sind so gut, dass nicht nur Kreuzköllner deswegen zur Sonnenallee fahren.

Text: Ulrich Zander

Fotos: Harry Schnitger

Der Autor wohnt seit über 30 Jahren an der Sonnenallee.

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