Stadtleben

Ausgespielt

Der Schauspieler Simon Axler ist am Ende. Er kann nicht mehr spielen. Und das heißt, wie ihm nach und nach klar wird: Er kann nicht mehr leben. Statt bei seinen Auftritten zu vergessen, „wer er war“ und sein Leben in ein Spiel, sich selbst in Macbeth oder Prospero  zu verwandeln, „stand er nur da, vollkommen leer, und spielte, wie man spielt, wenn man nicht weiß, was man tut. Er konnte nicht geben und nicht zurückhalten, er war weder schwungvoll noch konzentriert. Das Schauspielern wurde zum allabendlichen Versuch, sein völliges Unvermögen zu vertuschen“. Und es hört nicht auf, es wird schlimmer, so schlimm, dass er damit aufhört und sich in sein Landhaus verkriecht. Simon Axler, Mitte 60, ist ein Star, ein großer amerikanischer Theaterschauspieler: „Wo schlechtere Schauspieler auf billige Effekte zurückgriffen, verstand er Intensität durch Zuhören und Konzentration zu erzeugen. (…) Der Urgrund seines Spiels war immer in dem gewesen, was er gehört hatte – seine Antwort auf das Gehörte war der Kern gewesen, und wenn er nicht mehr zuhören, nicht mehr hören konnte, verlor er den Boden unter den Füßen.“ Talent ist eine gefährliche und gefährdete, zerbrechliche Angelegenheit.

Simon Axler, der alternde Schauspieler, der ins Bodenlose stürzt, ist der Protagonist im neuen Roman des 76-jährigen Philip Roth, ein knappes, dichtes, schnörkelloses Werk, das Roth auf der Höhe seiner beein­­dru­cken­den Kunst zeigt. Wie in seinen letzten Büchern („Exit Ghost“, „Empörung“) schreibt Roth auch hier wieder vom Sterben, vom Verlöschen, von zum letzten Mal aufflackernder Lebens- und Liebesgier, die natürlich nur um den Preis des Selbst­betrugs zu haben ist. Und auch wenn das Theater recht deutlich als Existenzmetapher fungiert – Roth hat hier ein großes Buch über das Theater und seinen Preis ge­schrieben.   

Philip Roth „Die Demütigung“, Hanser Verlag, 138 Seiten, 15,90Ђ

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