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Auslandssemester in Korea: Ritalin und Reiswein in Seoul

Lisa Davydenko, 22, hat ihren Bachelor in Politischer Ökonomie gemacht und hat ihr Auslandssemester in Korea verbracht. In Seoul hat sie zum ersten Mal gemerkt, wie es ist, sich fremd zu fühlen.

Auslandssemester in Korea: Das Unisystem ist streng und anspruchsvoll in Seoul.
Das Unisystem ist streng und anspruchsvoll in Südkorea. Foto: imago images/photothek

Die japanische Kultur fasziniert mich sehr! Als ich aber festgestellt habe, wie schwierig die Sprache ist, habe ich mich nach einer Alternative umgesehen. Das ist dann Südkorea geworden mit seiner 36-Millionen-Metropole Seoul, wo ich von Sommer 2018 bis Sommer 2019 studiert habe – neben Politischer Ökonomie auch ein bisschen Koreanisch, denn das war wichtig, um sich vor Ort einzuleben.

Dass Seoul so groß ist, hat mich gar nicht gestört. Es ist ein bisschen wie in Berlin: Der Fixpunkt ist der eigene Kiez, dort findest du alles, was du brauchst. Du versuchst, dir einen Kiez auszusuchen, von dem aus du nicht allzu lange zur Uni oder zur Arbeit brauchst. Ich denke, niemand in Seoul würde von sich behaupten, dass er die ganze Stadt kennt – das ist gar nicht möglich, erst recht nicht, wenn man bloß für ein Auslandssemester in Korea ist.

Der Grund, warum es mir dennoch schwer fiel, ein Gefühl von „Normalität“ zu finden, war, dass die Gesellschaft damals noch viel homogener war als heute. 98 Prozent der Bewohner waren Koreaner. Als Ausländer fällt man auf wie ein bunter Hund, wird ständig angestarrt oder als anders wahrgenommen. Dennoch habe ich zum Glück schnell über meine Mitbewohner und Kommilitonen unter Gleichaltrigen Freunde gefunden.

Das Bildungssystem in Korea ist streng

Korea ist ein sehr sauberes und sehr gut organisiertes Land. Zum Beispiel der Öffentliche Personennahverkehr: Die Busse sind fast immer pünktlich, und es gibt Apps, mit denen man in Echtzeit sehen kann, wo sich welcher Bus gerade befindet.

Ich war generell überrascht von der Disziplin der Menschen in Seoul. Das Bildungssystem – Schule wie Uni – ist streng und anspruchsvoll. Noten werden nach relativer Gewichtung verteilt, das bedeutet, nur ein kleiner Prozentsatz schafft es in die guten Unis oder die guten Jobs – und jeder will an die Spitze.

Deshalb lernen und arbeiten die Menschen wie die Bekloppten und gönnen sich nicht einmal eine Pause, wenn sie krank sind. Dazu passt, dass Drogen eigentlich verpönt sind im Land, aber Koffein, Energy-Drinks und Ritalin nimmt eigentlich jeder, auch einige meiner Kommilitoninnen. Während meiner Zeit in Seoul wurde aktuell darüber diskutiert, den Kaffeeverkauf an Grundschulkinder einzuschränken oder gar zu verbieten.

Studieren in Korea heißt, die ganze Nacht durchzubüffeln

Zum Lernen und Arbeiten geht man in bestimmte Lern-Treffs, so wie Coworking-Spaces nur eben für Studierende, die über die ganze Stadt verteilt sind. Die haben rund um die Uhr geöffnet, und wir haben da schon so manche Nacht durchgebüffelt. Bei dem ganzen Druck wundert mich nicht, dass Südkorea eine hohe Suizidrate hat.

Effizient sind die Südkoreaner nicht nur beim Lernen, sondern auch beim Feiern. Ich hatte sehr viel Spaß mit meinen koreanischen Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern! Das lief so bei uns: Man beginnt meist schon um 19 Uhr oder so, und Ziel ist, um 21 Uhr gut betrunken zu sein und früh schlafen zu gehen, um am nächsten Tag frühmorgens aus dem Bett zu kommen – denn an der Uni herrscht strenge Anwesenheitspflicht.

Ein Auslandssemester in Korea bedeutet auch: ungewohnte Getränke

Dabei helfen sehr viele Trinkspiele, bei denen gesungen und herumgealbert wird. Man trinkt Soju, einen koreanischen Schnaps, das ist wie ein milderer Wodka. Oder Makgeolli, einen gegärten Reiswein. Zum Trinken gibt es auch immer etwas zum Essen, meist Kimchi, scharfe Dumplings, Fleisch, Hühnchen, und natürlich viel Reis. Alles wird aus einem Topf gegessen, so fühlt man sich schnell als Teil der Gruppe.

Aktuell ist Südkorea groß in den Nachrichten, weil sie mit ihrer Disziplin das Corona-Virus so gut in den Griff bekommen haben. Kein Wunder: Das Gesundheitssystem in Südkorea ist um einiges besser als hier in Deutschland. Und Homeoffice ist überhaupt kein Problem.

Auch meine ehemalige Uni in Seoul hat innerhalb kürzester Zeit komplett auf Homeoffice umgestellt. Wenn man digital so gut ausgestattet ist wie Südkorea, fällt es sehr leicht, eine Pandemie zuhause auszusitzen. Ich lebe gerne in Berlin, aber aktuell wäre ich lieber in Seoul als hier.


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