Stadtleben

B.Z.

Gute Nachricht für alle Melancholiker: West-Berlin gibt es doch noch – eben nur in gedruckter Form. Wer wissen will, wie beschaulich es einst in Berlin zuging – für den ist die „B.Z.“ aus dem Springer-Verlag absolute Pflichtlektüre. Hier wird der „kleine Mann“ noch genauso genannt und mit dem Wichtigsten versorgt: Was machen die Tiere im Zoo, was macht die Hertha, wie ist die Nummer von der „stark behaarten Sex-Bombe – 42 J.“ aus Wilmersdorf, und trägt das Partyvolk im Felix immer noch Kai-Diekmann-Frisur (stramm zurück­gegelt mit Nackengekräusel) zu Sakko und Jeans? In der „B.Z.“ erfährt man auch, wie es alten West-Berliner Urgesteinen wie den „legendären Bürgermeistern“ Klaus Schütz oder Eberhard Diepgen geht; denn hier wird nicht nur niemand vergessen – hier dürfen die meisten derer, denen dereinst eine Bestattungsfeier in der Gedächtniskirche winkt, noch eine Kolumne zuschreiben: Von Rafael Seligmann bis Georg Gafron gibt es keinen Hardliner, der hier nicht gegen Rot/Rot wettern dürfte. Man bleibt seiner Linie treu – auch wenn der Leserschwund dramatisch ist: Mit ihrem Programm hat es die „B.Z.“ geschafft, die Auflage in den vergangenen zehn Jahren kernschmelzenartig zu reduzieren. Sodass man sich statt des Werbeclaims „Berlins größte Zeitung“ vielleicht schon recht bald einen neuen Spruch ausdenken muss.

Die beste Zeit hatte die „B.Z.“, unter dem heutigen „Bild“-Briefe-Schreiber und ehemaligen „Bunte“-Chef Franz-Josef Wagner, der einst Spiegeleier auf Autos braten ließ, um zu beweisen, dass es in Berlin heißer als in der Wüste ist – oder auch eine Geschichte über den Dreck am Bahnhof Zoo mit uralten Bildern von der Loveparade bebilderte, weil darauf die Mülleimer so schön überquollen. Dazu faselte Christian Kracht irgendwas von Messer­attacken auf dem Bahnsteig. Das war herrlich gaga und führte dazu, dass die „B.Z.“ neben dem Stammpublikum aus kleinen Leuten ein Nebenpublikum aus lauter kleinen Satireliebhabern bekam. Half aber nichts, leider muss­te FJW gehen. Später kam Georg Gafron, der mit einem durch das Büro robbenden Plastiksoldaten gleich mal zeigte, wo die Reise hingeht – zurück in den Schützengraben nämlich. Auf alles, was unter Modernisierungsverdacht stand, wurde von Gafron, der einst in einem Kofferraum aus der DDR floh, geballert. Am legendärsten wurde seine Kampagne für die Reiterstaffel der Polizei, für die er sich mit derartiger Vehemenz einsetzte, dass man argwöhnen musste, er züchte die Gäule heimlich selbst. Schön war auch die Geschichte über einen Mann (ich glaube, sie nannten ihn „Euro-Eddie“), der durch Berührung mir den neuen Geldscheinen impotent geworden war. Bei einem anderen schlüpfrigen Thema – den Puff-Gängen von Michel Friedman – hielt sich Gafron auffällig zurück und verschwand dann wie Friedman irgendwie von der Bildoberfläche.

Nach Gafron kam u.a. ein Intermezzo mit einem lustigen Österreicher, der einst als „Playboy“-Chef die Models an den Fleischerhaken hängte, worauf den Spießern im Hamburger Bauer-Verlag die Haare zu Berge  standen. Der macht aber jetzt die „Bild am Sonntag“ (siehe auch unter dem Stichwort „Springer Chefredakteurs-Karussell“). Dass das Blatt heute so aussieht, dass sich da keiner tot macht, liegt vielleicht daran, dass es von einem Journalisten geleitet wird, der bereits mit Anfang 30 einen Herzinfarkt bekam (und darüber ein Buch verfasste) – und also schon aus Gesundheitsgründen eine ruhigere Kugel schieben sollte. Aber solche persönlichen Geschichten gehören eher in eine Boulevardzeitung.

Mehr über Cookies erfahren