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„Badesalze sind eine ?Marketingstrategie“

Ein Gespräch mit einem Experten für synthetische Drogen, der auf eigenen Wunsch anonym bleibt, über Drogenwirkungen und Gefahren von chemischen Substanzen, Bezugswege über das Internet, eine populäre neue Droge namens „Dr. Seltsam“ und Legal Highs aus Berlin
Sie haben sich bereit erklärt, mit uns über neue synthetische Drogen zu sprechen, weil Sie viel darüber wissen und selber welche nehmen.

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Haben Sie eine wissenschaftliche Ausbildung?
Ich habe vieles studiert, unter anderem ein paar Semester Psychologie, aber nicht Pharmakologie. Ich war ganz gut im Chemie-Leistungskurs und kann das, was ich an chemischen Formeln lese, auch verstehen.

Welche Drogen nehmen Sie?
Ich bin vor allen Dingen ein Freund von psychedelischen Drogen, weil die interessante Sachen mit mir machen. Das sind Drogen, von denen kann ich was lernen. Die Klassiker sind LSD, Psilocybin, Meskalin, DMT. Von denen gibt’s auch viele neue Varianten – Legal Highs. Ich weiß auf jeden Fall sehr viel mehr über Drogen, als dass ich sie nehme.

Was sind Legal Highs?
Legal Highs sind legale Stoffe, die Menschen konsumieren, um high zu sein. Wie schnell sie illegal werden, ist von Land zu Land verschieden. Das Verbot hängt vor allem von der Popularität der Droge und ihrem Gefahrenpotenzial ab. Es gibt ein paar Substanzen, die laufen schon seit 15 Jahren unterm Radar. Am schnellsten werden die verboten, die mit Komplikationen und Todesfällen in Verbindung gebracht werden und populär sind. Das sind in den USA zuletzt viele der 2C-Drogen gewesen, aber vor allem die neueren NBOMs.

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Warum wurden NBOMs schnell verboten?
Die sind schon im Milligramm-Bereich wirksam. Ein Milligramm 2C-I-NBOM ist ein heftiger Trip, ein halbes Milligramm ein passabler, und bei zwei oder drei kann es dann schon zu Atemstillstand oder Herzinfarkt kommen. Das sind natürlich die Legal Highs, die schnell auffallen, denn mit denen gibt es dann Todesfälle, wenn irgendwelche Kids sich das bestellen und nicht wissen, wie man das dosiert.

NBOMs sind offenbar extrem gefährlich.
Ja, aber sie werden oft auch deshalb genommen, weil zum Beispiel LSD so schwer erhältlich ist, eine wirksame Menge 2C-I-NBOM auf ein Löschpapier passt wie LSD und dann oft als LSD verkauft wird. Bei LSD kann man auch zehn Milligramm nehmen, das überlebt man. Bei zehn Milligramm NBOM aber vielleicht nicht! Die NBOM-Drogen sind ein interessantes Beispiel dafür, wie schlechtere, schwieriger zu handelnde Drogen auf dem Markt gepusht werden, weil es ein Bedürfnis nach Drogenkonsum gibt und weil andere Drogen wie LSD, das seit 50 Jahren erprobt ist, verboten sind.

Warum haben die Legal Highs Namen wie Pflanzendünger oder neuerdings Badesalz?
Neue chemische Substanzen dürfen nur dann verkauft werden, wenn sie mit der Aufschrift „nicht für menschlichen Verzehr geeignet“ gekennzeichnet werden. Für irgendwas müssen sie aber zu gebrauchen sein. Deshalb entstanden verschiedene Marketingstrategien, eine war Badesalze. Substanzen werden als tolles Badesalz angepriesen und die Wirkungen beschrieben. Das ist eine Verschleierungstaktik. Rein formal ist das Erfordernis der Kennzeichnung erfüllt, obwohl jeder Eingeweihte weiß, worum es geht. Ich meine, ein Gramm Badesalz für zehn Euro! Muss schon ein extrem gutes Konzentrat sein. Der Begriff hat sich durchgesetzt. Vielleicht auch deswegen, weil er am lächerlichsten ist.

Wie kommen Legal Highs in Umlauf?
Der Kreis von Konsumenten ist durch das Internet explodiert. Jeder kann an neue chemische Substanzen kommen.

Wer sind die Verkäufer?
Es gibt zwei extreme Pole. Am einen Pol stehen die Versender, die möglichst schnell viel Geld verdienen wollen. Am entgegen-gesetzten stehen die, bei denen kein finanzielles Interesse besteht, sondern die Gleichgesinnten Zugang zu Drogen und letztlich neuen Erfahrungen verschaffen wollen.

Wie äußert sich dieser Unterschied?
Je mehr ein Versand daran interessiert ist, viel Geld zu verdienen, desto geringer ist die Qualität der Substanzen und desto weniger exklusiv der Zugang. Wenig exklusiv bedeutet, die findet man bei Google sofort. Versender am anderen Pol nicht. Man braucht eine Einladung und muss beispielsweise über Skype ein persönliches Gespräch führen. Dabei wird getestet, ob man über genügend pharmakologisches Wissen und Wissen über Drogenkultur besitzt.

Welche synthetischen Substanzen werden in Berlin besonders häufig genommen?
Die populärste „neue Droge“ ist sicher Methoxetamin/MXE, auch geläufig unter den Namen Mexxy, MetyKeta oder Dr. Seltsam, ein Dissoziativum ähnlich wie Ketamin.

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Wo kommen sie vor?
Research Chemicals begegne ich vor allem im Clubkontext. Dort werden neben Methoxetamin fast ausschließlich Stimulanzien und Entaktogene genommen wie Methylone und Mephedrone und neue Amphetamine wie 4-FA und 2-FMA.

Wo werden Legal Highs hergestellt?
Früher, bis vor drei, vier Jahren, gab es vor allem Labore in Europa, ein sehr wichtiges in Estland und mehrere in den Niederlanden. Die arbeiten inzwischen nur noch für sehr exklusive Anbieter. Heute kommt fast alles aus China.

Und wer nimmt sie?
Die Konsumenten kommen aus allen Bevölkerungsgruppen. Es ist im Grunde wie mit allen Drogenkonsumenten. 80 Prozent wollen einfach nur Drogen nehmen. Weitere zehn Prozent wissen auch ein bisschen darüber. Die nächsten sieben Prozent kennen wenigstens die verschiedenen Stoff- und Wirkgruppen. Die letzten drei Prozent sind die, die tatsächlich etwas über Serotonin-rezeptorprofile oder Metabolismus der Drogen oder deren Synthese wissen.

Woher wissen User, welche Substanzen sie bekommen, wenn sie Badesalz bestellen?
Das kommt wieder auf die Art des Versands an. Diejenigen, die Badesalze anbieten, sind unseriös, das heißt, die Qualität der Drogen ist eher niedrig und man weiß im Grunde auch nicht, was in der Tüte mit dem bunten Aufdruck drin ist. Die verkaufen Plants, also Marken, die heißen „Energy One“ oder „9/11 Crystal Powder“. Da können dann auch mal PVP oder Alpha-PVP, also ziemlich verunreinigte Chemikalien, enthalten sein.

Kaufen Sie Badesalze?
Bei einem Versender, der Badesalze anbietet, würde ich nichts kaufen. Davon kann ich nur abraten.

Welchen Verkäufern würden Sie vertrauen?
Versendern, die explizit eine bestimmte Chemikalie anbieten, dazu eine CAS-Nummer haben und eine Strukturformel. Am besten auch ein HPLC, ein Analysedokument. Zusätzlich arbeite ich mit einer guten Waage, die Substanzen auch im Mikrogrammbereich messen kann. Wer die 100 Euro dafür nicht hat, sollte die Finger von Legal Highs lassen.

Werden in Berlin hochwertige Legal Highs hergestellt?
Ich habe bis jetzt noch niemanden in Berlin kennengelernt, der wirklich gute Sachen hatte. Die qualitativ hochwertigen Sachen muss ich mir selbst bestellen und verteilen (lacht). Ich habe auch ein paar Kontakte zu Universitäten, für Substanzen, die es gerade überhaupt nicht auf dem Markt gibt. Die sind besonders gut getestet und rein, wenigstens 98 Prozent.

Es gibt bereits Todesfälle in Europa. Wie gefährlich sind Badesalze?
Weil der Terminus Badesalz alles bedeuten kann, bedeutet er im Grunde gar nichts. Natürlich haben kommerzielle Vertriebe ein Interesse daran, Stoffe anzubieten, die User immer wieder kaufen, die also ein gewisses Suchtpotenzial haben. Das sind meist Stimulanzien, die vor allem nasal konsumiert werden. Die wirken ganz kurz und man will sofort noch mal.

Was passiert, wenn ein Badesalz verboten wird?
Badesalze sind Substanzen, die sich kurz schnell vermarkten lassen und mit denen  schnell viel Geld verdient werden kann, bevor sie in ein, zwei Jahren wieder verboten sind. Deshalb gibt es auch immer neue Legal Highs. Dabei wird ein bekanntes Molekül modifiziert, sodass die neue Substanz eben nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fällt. Die wird ein, zwei Jahre gepusht und dann wieder verboten. So läuft der Zyklus.

Haben Sie eigentlich keine Bedenken, Drogen zu nehmen?
Wir leben in einer Alkoholgesellschaft. Drogen nimmt fast jeder. Schon immer. Durch Zufälle, politische Interessen oder kulturelle Prägungen werden manche Drogen integriert, weil sie irgendwie funktionieren. Und manche werden ausgeschlossen, weil man vermutet, dass sie nicht funktionieren. Bei diesen Prozessen, ob eine Droge legal oder verboten ist, gibt es vielfältige politische und finanzielle Interessen. Ich kann den Menschen aus meiner Erfahrung nur raten: Trinkt weniger Alkohol!

Interview: Interview: Susan Schiedlofsky

DRUG CHECKING

In Sachen Drug Checking ist Deutschland sehr rückständig. ?Die Gesetzeslage verbietet es, dass vor Ort oder per anonymer Einsendung die Identität und Qualität von -Drogen festgestellt werden darf. Apotheken sind in Deutschland berechtigt (aber nicht verpflichtet), Tests von unbekannten Substanzen durchzuführen. Das kostet allerdings um die 100 Euro. Wer auf Nummer sicher gehen will, wird jenseits deutscher Grenzen fündig.

Testkits für zu Hause http://dancesafe.org/products/testing-kits

INFO-ADRESSEN

Umfassende Informationen über Legal Highs beziehungsweise Research Chemicals und andere Drogen ­finden Interessierte überwiegend auf englischsprachigen Seiten:

www.drogen-info-berlin.de (Klassifikationen, Artikel, Infos zum Konsumverhalten)

www.erowid.org (Geschichtliches, Klassifikationen, Tripreporte, Buchtipps)

www.bluelight.org (Foren zu allen wichtigen Aspekten der zeitgenössischen Drogenkultur)

https://safeorscam.com (Check der Seriosität von Versendern)

Foto: tip Berlin

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