Stadtleben

Banker

Ich habe mein Konto seit 20 Jahren. Die Sparkasse weiß also alles über mich. Sie weiß, wie viel BAföG ich damals bekommen habe, wie mein erstes Gehalt aussah, wie viel mehr ich später verdiente. Sie weiß, wohin ich in Urlaub fahre, an welchen Automaten ich mein Geld hole, dass ich nichts spare, nichts zurücklege, dass ich manchmal viel zu viel Geld auf dem Girokonto anhäufe, und dass es plötzlich kurze Zeit später wieder weg ist. Die Sparkasse müsste mich also ziemlich genau kennen.

Doch leider ist das Gegenteil der Fall. Ich glaube sogar, die Sparkasse hält mich für jemand anderen. Denn wenn mein Konto voll ist, schickt mir mein „persönlicher Berater“ von der Berliner Sparkasse Prospekte über Immobilienkomplexe in Australien, Geschäftszeilen in Adelaide, an denen ich mich beteiligen soll. Er schickt auch sehr freundliche Einladungen zum persönlichen Gespräch und immer eine Karte, wenn ich Geburtstag habe. Ich freue mich darüber, weil man ja heutzutage nicht mehr viele Karten bekommt. Ich habe mich dennoch niemals bei meinem Berater gemeldet, weil er nur freundlich ist, wenn ich im Haben bin.

Wenn ich kein Geld auf dem Konto habe, bekomme ich auch Post von der Sparkasse. Einen Vordruck, auf dem man in die „Betreff“-Zeile handschriftlich „Dispositionskredit“ schreiben und dann ein Kreuzchen bei „bitte dringend anrufen“ machen kann. Ich finde das sehr schnöde. Ich bin seit 20 Jahren so gut wie nie im Dispo, weil ich Schulden hasse. Daher bleibt es auch meist bei dem einen Vordruck, weil ich wenig später schon wieder Geld auf dem Konto habe. Dann kommen wieder die Immobilienangebote.
Ich glaube, dass die Bankenbranche in Berlin mächtig unterentwickelt ist. Es gibt hier keine Profis wie in Frankfurt oder Düsseldorf. Nur Bankkaufleute mit bunten Krawatten und schlecht sitzenden Anzügen. Dies ist die Stadt des Bankenskandals, das sagt eigentlich alles. Vielleicht hätte man Landowsky und die anderen Könner, die das Land Milliarden gekostet haben, bei Lehman Brothers angestellt – aber sonst?

Vergangene Woche wollte ich ein Geschäftskonto bei der Commerzbank eröffnen. Als ich in eine Filiale ging, wurde ich gefragt, ob ich einen Termin habe. Hatte ich nicht. Leider waren alle sehr beschäftigt. Das nächs­te Mal war ich klüger: Ich rief bei der Commerzbank an, um mich nach einem Termin zu erkundigen. Die Frau am Telefon fragte mich nach der Branche, in der ich arbeite, und welchen Jahresumsatz ich erwarte. Ich sagte, dass sie mich das am Telefon nicht fragen dürfe, wo­raufhin sie mir mitteilte, dass sich jemand bei mir melden werde. Der Anruf kam nach einer Woche, nachdem ich woanders ein Konto eröffnet hatte. In einer anderen Stadt.

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