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Volksbad-Wiedereröffnung

Barbara Jaeschke – Porträt der Betreiberin des Stadtbads Oderberger Straße

Ins Bad mit langem Atem: Seit 30 Jahren gab es im Stadtbad Oderberger Straße keinen Schwimmbetrieb mehr. Bis Barbara Jaeschke das Gebäude sanieren und umbauen ließ. Nun heißt es wieder: Wasser marsch! Für alle

Barbara Jaeschke Stadtbad Oderberger Straße

Treppe rauf zur Zuschauerempore mit Blick durch die ganze Halle, Treppe runter zur Lobby und weiter ins Kaminzimmer. Dann wieder Treppe rauf, durch endlose Gänge, vorbei an Tagungsräumen und Doppelbettzimmern: Eigentlich könnte Barbara Jaeschke, 61, bei der Vorführung des soeben fertig renovierten Stadtbads Oderberger Straße, ein 1902 eröffneter Bau mit hohen Decken und vier Stockwerken, auch den neu eingebauten Aufzug nehmen.

Aber wie dann auf die vielen baulichen Details aufmerksam machen? Auf das historische Holzparkett im rechten Treppenhaus? Oder auf das aufwendig restaurierte, schmiedeeiserne Geländer, das die Stufen in dem wahlweise als Schwimm- oder Veranstaltungshalle nutzbaren, zentralen Saal des Gebäudes einrahmt?
Zu Fuß unterwegs gibt es im Stadtbad Oderberger Straße so viel zu sehen: die originalen Seifenschalen etwa, die zu Volksbadzeiten in den Wänden der Wannenbadkabinen eingebaut waren und jetzt in einem Tagungszimmer eine kleine Ablage sind. Oder die hölzernen Kabinentüren, von denen die Farbe so schön abgeblättert ist und die nun wie Kunstwerke in Glas eingefasst wurden.

Dass Barbara Jaeschke die vielen im Zusammenhang mit der Wiedereröffnung jetzt anstehenden Besichtigungstouren durch das Stadtbad Oderberger Straße, das nun zusätzlich ein Hotel beherbergt, immer wieder selbst unternimmt, zeugt nicht von ihrer soliden Fitness. Es sind auch kurze Momente von Stolz, die aus den Augen der sonst eher leise auftretenden Frau heraus strahlen: Ihr anspruchsvoller Plan vom Kauf der denkmalgeschützten Immobilie, dem aufwendigen Umbau nebst der Wiedernutzbarmachung des Gebäudes eben nicht nur als Hotel, sondern – nach rund 30 Jahren Stilllegung – auch als Badeanstalt, scheint aufzugehen. Ist es der Höhepunkt ihres bisherigen Berufslebens? „Ja“, antwortet Barbara Jaeschke spontan, während sie eine weitere eine Stufe nimmt und die königsblauen Schalenden hinter ihr wehen. Um listig hinterherzuschieben: „Vorerst jedenfalls.“

Dabei hatten die beruflichen Perspektiven der studierten Gymnasiallehrerin Anfang der 1980er-Jahre, damals noch in Göttingen, gar nicht gut ausgesehen. Regelmäßig spuckten die Unis zwar jede Menge Lehrer aus, vor allem Geisteswissenschaftler wie Barbara Jaeschke, die Anglistik und Slawistik studiert hatte. Die entsprechenden Jobs an den Schulen wurden wegen des sogenannten „Pillenknicks“, der schrumpfenden Bevölkerung, jedoch immer rarer. Man sprach von der „Lehrerschwemme“ – und die Taxi-Betriebe konnten sich vor Möchtegernfahrern mit Staatsexamen kaum retten. Auch Barbara Jaeschke war arbeitslos. Doch statt nun den P-Schein zu machen, gab sie einfach privat Sprachunterricht, gründete 1983 die Göttingen Language School (GLS).

Auf so eine Idee waren in Berlin, wohin Barbara Jaeschke Mitte der 1980er-Jahre zog, allerdings auch schon andere arbeitslose Lehrer gekommen. Im Unterschied zu diesen warb sie jedoch von Anfang an nicht nur innerstädtisch, sondern auch auf Messen und anderen Multiplikationsplattformen um internationale Schüler. Außerdem bot ihr Institut zusätzliche Leistungen an, Sprachreisen etwa. Der Mauerfall nebst dem rasant wachsenden, globalen Interesse an Berlin, aber auch an der deutschen Sprache, gab der GLS einen weiteren Schub: 2005 zog sie in eine einstige Realschule an der Kastanienallee in Prenzlauer Berg und nutzte ein anliegendes Gebäude zur Unterbringung der Sprachschüler. Außerdem erweiterte man das Service-Angebot auf die Vermittlung von Auslandspraktika, die Organisation von Highschool-Jahren oder bot einen Teil der Räumlichkeiten für Veranstaltungen an.

Stadtbad Oderberger Straße

Mit dem Erwerb des anliegenden Stadtbades Oderberger Straße im Jahr 2011 blickt Barbara Jaeschke, die 2012/13 „Berliner Unternehmerin des Jahres“ wurde und die aktuell zu den Finalisten um den Titel „Entrepreneur of the Year 2016“ der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young gehört, nun über einen Campus von rund 18.000 Quadratmetern in bester Lage. Es ist fast ein eigener kleiner Kiez – und ein Magnet für Menschen aus aller Welt. Inzwischen arbeiten rund 120 Festangestellte und etwa 350 Honorarkräfte für die Mittelständlerin. Außerdem wird sie von ihren beiden Töchtern, sie sind 30 und 33 Jahre alt, und dem 27-jährigen Sohn unterstützt.

Seit Mitte Oktober wurde der Badebetrieb an der Oderberger Straße nun wieder aufgenommen. An fünf Tagen in der Woche, zu unterschiedlichen Zeiten, gibt es öffentlichen Schwimmbetrieb. Zu Eintrittsreisen, die nur knapp über denen der – subventionierten! – Berliner Bäderbetriebe liegen.
Wie hat die Unternehmerin geschafft, woran sich erst eine eigens gegründete Genossenschaft und dann die Stiftung Denkmalschutz erfolglos die Zähne ausgebissen haben? Barbara Jaeschke zuckt auf so eine Frage nur mit den Schultern und beginnt davon zu erzählen, wie sie bei kreditgebenden Banken einfach nicht locker gelassen hat. Eine Ex-Lehrerin, die eine Sprachschule, ein Hotel, ein Schwimmbad eröffnen will? Auf so jemand hatte nie jemand gewartet.

Doch Barbara Jaeschke hat einen langen Atem. Frühmorgens joggt sie regelmäßig. Außerdem sei sie bei rund 30 Marathons gestartet. Zwar sei sie jedes Mal als eine der letzten über die Ziellinie gekommen.
Aufgegeben aber hat sie noch nie.

Stadtbad Oder­berger Straße (im Hotel Oderberger Berlin), Oderberger Str. 57, Prenzlauer Berg,
Schwimmbad­öffnungszeiten Mo–Fr 10–22 Uhr,  Sa + So 13–22 Uhr (bis 30.10., danach Öffnungszeiten unter: www.hotel-oderberger.berlin)

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