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Bastian Finke über Gewalt gegen Schwule in Berlin

Bastian Finketip Wenn man in die Zeitung guckt, bekommt man das Gefühl, es gibt zwei Gruppen, die immer häufiger Opfer von Gewalt werden: Busfahrer und Schwule. Müssen wir uns vom toleranten Berlin verabschieden?
Bastian Finke Na ja, es gibt leider nach wie vor auch rassistische und antisemitische Übergriffe und solche gegen Obdachlose. Mit der Einschätzung, ob die Gewalt gegen Lesben und Schwule zunimmt, bin ich vorsichtig. Meine Vermutung ist, dass die Diskrepanz zwischen politischem Willen und der Realität auf der Straße zunimmt. In letzter Zeit gab es viele Verbesserungen wie das Antidiskriminierungsgesetz, die Homo-Ehe, Angleichung im Besoldungsgesetz.

tip Und was sagen die Zahlen?
Finke Wir haben 2007 400 Fälle registriert und bearbeitet. Wir gehen davon aus, dass die tatsächliche Zahl von Übergriffen etwa zehn Mal höher ist. Mit der Bearbeitung der Fälle aus 2008 sind wir hoffnungslos im Rückstand. Wir schätzen aber aufgrund einer Umfrage, die wir unter 3000 Berliner Schwulen durchgeführt haben, dass jedes Jahr etwa ein Drittel der homosexuellen Männer in Berlin homophobe Gewalt erlebt.

tip Dazu passt, dass in der schwulen Szene das Bedrohungsgefühl wächst …
Finke Ja, es kommt auch nicht da­rauf an, ob die Übergriffe nachweislich zugenommen haben, denn es sind in jedem Fall zu viele, und Gewalt gegen Lesben und Schwule ist ein großes Problem in dieser Stadt. Ziel muss sein, von diesem Niveau runterzukommen. Und dazu gehört zuallererst, Begriffe wie „schwule Sau“ aus Teilbereichen unserer Gesellschaft zu verbannen. So ein Spruch hat zum Beispiel nichts in der Schule zu suchen. Wenn Lehrer das hören, müssen sie einschreiten.

tip Aber ist das nicht heillos naiv, Sanktionen durch Lehrer zu fordern? Die sind doch froh, wenn sie nicht selbst angepöbelt werden …
Finke Vorurteilsmotivierte Gewalt beginnt mit Beschimpfungen auf dem Schulhof, und wenn wir etwas ändern wollen, müssen die Repräsentanten der Institutionen Stellung beziehen: die Schulen, die Verwaltung, die Sportvereine und so weiter. Wenn ein Schüler beobachtet, dass ein Lehrer nicht interveniert, dann macht er weiter. Genauso muss auch die Polizei hingucken und der Schiedsrichter beim Fußballspiel. Sie dürfen nicht weggucken, denn das ist ein Zeichen für die Täter: ich kann weitermachen.

tip Die Polizei ist doch nicht einmal in der Lage, Hundebesitzer auf ihre Pflichten hinzuweisen.
Finke Für Hunde sind ja jetzt die Ordnungsämter zuständig. Und bei der Polizei hat sich was getan in den letzten Jahren. Ich habe selbst schon erlebt, dass ein Polizist von sich aus reagiert hat, als jemand Schwule beleidigt hat.

tip Fordern Sie höhere Strafen für die Täter?
Finke Nein, darum geht es uns nicht. Wir wissen aus der Opferhilfe: Wenn ein Opfer Beistand erfährt, wenn der Rechtsfrieden und auch der soziale Frieden wieder hergestellt ist, dann ruft das Opfer zuletzt nach höheren Strafen.

tip Wer sind die Täter? Warum schlagen die zu?

Lesen Sie weiter in tip 05/09 auf Seite 14/15

Interview: Oliver Numrich
Foto: Harry Schnitger

Maneo
Bülowstraße 106, Schöneberg, Tel. 216 33 36, www.maneo.de,
[email protected]

Spende für die Opferberatung
Konto 3126000
BLZ 100 205 00
(Bank für Sozialwirtschaft)
Zweck: Maneo-Opferhilfe

Geh Party Do 30.4., Maneo-BenefizParty anlässlich der Verleihung des
Tolerantia-Preises im Dice-Club,
Einlass ab 22 Uhr, Eintritt: 10 Ђ

Kiss-in So 17.5. an ausgewählten Orten, eingeladen sind auch Heteros,
Orte unter www.maneo.de

Antigewaltseminar der Polizei
„Umgang mit Aggression im öffentlichen Raum“, Mo 16.3. ab 19 Uhr im Man-O-Meter. Anmeldung mit Vornamen per E-Mail an [email protected] oder Tel. 216 33 36

 

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