Stadtleben

Bauarbeiter

Für Bauarbeiter ist Berlin ein Paradies. Es gibt immer einen Bürgersteig aus Denkmalschutzgründen um einen halben Meter zu verrücken, immer noch ein Rohr zu verbuddeln, stets irgendwo eine alte Bombe aus dem Ersten Weltkrieg wegzuräumen und genügend Brachen, auf denen noch Häuser mit Eigentumswohnungen hochgezogen werden.

Und den Palast der Republik gibt es noch obendrauf. Die Bauarbeiter sind die glücklichsten Menschen von Berlin, weil für niemanden so gut gesorgt wird. Großzügig auf das Stadtgebiet verteilt, gibt es etliche Würstchen- und Dönerbuden, die schon um halb acht auf haben, damit sich die Männer im Worker-Outfit vollstopfen können, um genügend Energie zu haben, anschließend vor dem 24 Stunden geöffneten Spätkauf ein paar Halbe zu lüpfen. Auch die Dichte der Baumärkte und Dixi-Klos ist deutschlandweit unerreicht. Wie hoch die Bauarbeiter hier geschätzt werden, zeigt sich auch darin, dass es viele junge Menschen gibt, die freiwillig den Stil der Bauarbeiter kopieren.

Sie tragen Stahlkappenschuhe oder Zimmermannshosen, haben Leatherman-Tools am Gürtel hängen und die Arme voller Tattoos. Auch das öffentliche Trinken aus der Bierflasche hat sich mittlerweile jenseits der Bauwagenszene durchgesetzt.

Mögen andernorts Ärzte als Halbgötter in Weiß gelten, in Berlin sind die Bauarbeiter Halbgötter im Blaumann. Rechtlich gilt, dass Bauarbeiter alles dürfen. Zum Beispiel exzessiv Halteverbotsschilder aufstellen – auch, wenn sie erst zwei Wochen später mit der Arbeit beginnen. Bauarbeiter dürfen ab morgens um sechs einen Krach machen, bei dem jede Party sofort von der Polizei aufgelöst würde.

Der schlaue Philanthrop Wiglaf Droste hat mal geschrieben, dass ein Mahnmal für den anonymen Bauarbeiter unbedingt eine Klanginstallation sein müsse. Das Schönste für die Bauarbeiter ist, dass sie dazu angehalten werden, langsam oder gar nicht zu arbeiten. Wenn zum Beispiel ein Bauwerk eingerüstet und mit lukrativen Werbeplanen versehen wird, darf hinter der Plane nur mit Pinzette und Löffel statt mit Spachtel und Schaufel hantiert werden, damit die Arbeit nicht vorankommt.

Wenn es anfängt zu nieseln, ist übrigens ganz Schluss. Dann gibt es Urlaub, allerdings unbezahlt. Bald wird es den Bauarbeitern noch besser in dieser Stadt gehen, wenn nämlich der Grundstein für das Stadtschloss gelegt wird. Das wird ihr Palast. Denn sie sind die wahren Könige Berlins.

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