Stadtleben

Bent Hamers „O\Horten“ im Kino

O'HortenDann blieb er beim Nachtprogramm eines deutschen Senders hängen: „Die schönsten Bahnstrecken der Welt“ – gefilmt aus der Sicht des Lokführers. „Die Strecke, die ich da sah, kam mir sehr bekannt vor: Es war die von Bergen nach Oslo“, erinnert sich der norwegische Filmemacher bei unserem Gespräch in der Lounge eines Berliner Hotels. „Während ich mir das so ansah, dachte ich, dass es doch eine wundervolle Idee wäre, einen Film so zu beginnen. Und tatsächlich: Seine aktuelle Regiearbeit „O’Horten“ startet mit einer Bahnfahrt, einer majestätischen Ouvertüre in der verschneiten Berglandschaft Norwegens.

Nach dem kurzen US-Intermez­zo kehrt Hamer damit in seine Heimat zurück und knüpft in vielerlei Hinsicht an seine skurrilen Kinokleinodien“Eggs“ (1995) und „Kitchen Stories“ (2003) an, die das Minifilmland Norwegen auf die cineastische Landkarte hoben. Auch „O’Horten“ ist überaus minimalistisch, reduziert die Handlung auf das Nötigste und stellt viel nordisches Eigenbrötlertum aus. Zudem steht darin nach den beiden über 70-jährigen Brüdern in der Komödien- Seltsamkeit „Eggs“ und der aufkeimenden Freundschaft zwei­er alter Männer in der Küchenforschungsgeschichte „Kitchen Stories“ erneut ein alter Mann im Zentrum des Geschehens. „Für junge Leute gibt es genug Geschichten“, sagt der 52-jährige Hamer, alte Menschen sind dagegen im Kino stark unterrepräsentiert. Aber hoffentlich sehen die Zuschauer in ,O’Horten‘ auch mehr als nur das bloße Alter.“O'Horten

Der Zugführer Odd Horten (Bеrd Owe), der zu Anfang des Films in der
Führerkabine sitzt, ist 67 und steht unmittelbar vor seiner Pensionierung. Er ist ein Mann, dessen Leben stets nach Fahrplan verlief. Nie war er unpünktlich. Nie hat er einen Zug verpasst. Jahrzehntelang war der hagere Norweger, den Owe mit stoischer Unaufgeregtheit verkörpert, immer die Zuverlässigkeit in Person – bis zu seiner allerletzten Abfahrt, die er durch eine seltsame Begebenheit verpasst.
In „O’Horten“ ist das der Beginn einer Odyssee, auf der sich Horten und der Film im gemächlichen Schritttempo von einer hinreißend absonderlichen Situation zur nächsten treiben lassen. Ein Road­movie am selben Fleck, so charakterisiert der Regisseur „O’Horten“.
Normalerweise beginne ich das Drehbuchschreiben mit einer sehr klaren Idee“, erklärt Hamer. „Bei diesem Film begann alles mit vielen Puzzleteilen.“ Zu diesen Bildbruchstücken gehören: die be­sagte Zugfahrt aus dem TV-Nachtprogramm. Skispringen, das auch Hamers Mutter einst ganz furchtlos betrieb. Autofahren mit verbundenen Augen, das ein Illusionist in den 60ern in einer norwegischen Kleinstadt vorführen wollte. Er starb bei dem Versuch.

Dass „O’Horten“ im Kern eigentlich von traurigen Dingen erzählt, wird sanft kaschiert mit durchdringender menschlicher Wärme, vielen absurden
Details und dem lakonischen Schmunzelhumor, der auch schon „Eggs“ und „Kitchen Stories“ unwiderstehlich machte. Man denkt an Jacques Tati oder an Hamers skandinavischen Regiekollegen Aki Kaurismäki.
O'HortenWohin Horten diese in wohlig melancholischer Ruhe stattfin­den­den Umwälzungen führen und was sie im Leben des wortkargen Pensionärs bewirken werden, deu­tet der Regisseur nur an. Das Zentrum seiner Geschichte hat er nach eigener Aussage auch selbst schließlich noch
nicht gefunden. „In Gedanken reise ich immer noch mit Odd Horten auf dem Zug“, sagt Hamer. „Vielleicht geht es ja darum, Ja zum Leben zu sagen. Sich nicht den Möglichkeiten zu verschließen, die es einem bietet, sondern zuzugreifen.“ Oder sieht der Norweger seine Filme über alte Männer als Zukunftsinvestition für sich selbst, als Hoffnungsspender beim eigenen Älterwerden? Er lacht: „Das ist es! Das ist die Essenz: die Vorbereitung auf mein eigenes Alter.“

Text: Sascha Rettig

Sehenswert

O’Horten
Norwegen 2008; Regie: Bent Hamer; Darsteller: Bеrd Owe (Odd Horten),
Espen Skjшnberg (Trygve Sissener), Henny Moan (Svea); Farbe, 89 Minuten

Kinostart: 18. Dezember 2008

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