Stadtleben

Berlin

Angeblich gehört Berlin bei der Klimaerwärmung zu den Gewinnern – wenn man denn lieber trockenes als feuchtes Klima mag. Und manchmal zeichnet es sich deutlich ab: Dann ist es in Berlin sonniger als in München oder Stuttgart. Das gab es ja früher nie. Besser als in Hamburg war das Wetter aber immer schon, und das ist ja auch schon was. Und nun hat Berlin so gute Temperaturen, dass es, von Stockholm aus gesehen, sehr südlich wirkt. Ich denke, daher sind hier auch so viele Skandinavier. Die Bier- und Immobilienpreise sind niedriger, die Temperaturen höher als in Schweden.

Die Touristen, die dieses Jahr zu Ostern in Berlin waren, müssen sogar glauben, hier herrsche ganzjährig ein subtropisches Klima. Vielleicht erzählen sie ja zu Hause davon, und dann fährt jemand im Sommer nach Berlin, also jetzt, und kommt völlig enttäuscht zurück. Nur Regen und Kälte. Denn diese Stadt will immer alles zurück: Wenn es einen bombigen März gibt, ist dafür der Juli klamm. Ist der April schön, kann man den Juni vergessen. Aber im Grunde genommen gibt es in Berlin sowieso kein Wetter für alle, jeder hat hier seine eigene gefühlte Temperatur. Es gibt keine andere Stadt, in der die Menschen am selben Tag so unterschiedlich herumlaufen wie in Berlin. Manche tragen schon bei den ersten Sonnenstrahlen ihre Flip-Flops, andere laufen selbst bei 20 Grad mit dicken Steppjacken und Mützen herum. Einig sind sich alle nur darin, dass man ab zehn Grad draußen vor dem Cafй sitzen muss anstatt drinnen.

Es gibt hier nichts Wohltemperiertes. Berlin ist human-meteorologisch betrachtet eine Stadt der Extreme. Mir ist ein solches, von der Witterung völlig losgelöstes Anziehverhalten nur noch in den räudigeren Gegenden von England untergekommen, also, sagen wir, in Manchester oder Nottingham, wo die Frauen Schmerzmittel nehmen, damit sie auch im Winter bauchfrei vor den Pubs stehen können. Ich bin in der britisch besetzten Zone groß geworden – unter lauter Rhine-Army-Soldaten, die bei Schneefall allenfalls ein kurzärmeliges T-Shirt und wärmende Tätowierungen tragen.

Der Winter in Berlin ist oft saukalt, der eisige Ostwind saust dann durch die Straßenzüge und kühlt sich an den grauen Häuserwänden zusätzlich ab. Wenn es heiß ist, ist es richtig heiß, weil die Bebauung dafür sorgt, dass die Hitze nicht abziehen kann. Die Schmutzglocke tut dann das ihrige dazu. Das Schöne ist, dass Berlin so groß ist, dass es verschiedene Mikroklimata kennt. Wenn es am Olympiastadion hagelt, kann es in Mitte sonnig sein. Der Stadtteil mit dem meis­ten Niederschlag ist übrigens Lichtenberg – zumindest, wenn man in die Gesichter seiner Bewohner schaut: Da ist immer sieben Tage Regenwetter.

Foto: Joujou/Pixelio 

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