Stadtleben

Berlin 2009

Das Jahr 2009, so viel lässt sich schon mal sagen, wird für Berlin wieder spannend. Es gibt eine Bundestagswahl, die für viel Aufregung im Regierungsviertel und erhöhte Umsätze im Borchardt und im Einstein Unter den Linden sorgen wird. Es wird vielleicht klar werden, dass doch kein Geld für ein Schloss da ist, das ein bisher wenig in Erscheinung getretener italienischer Architekt mitten in Berlin bauen darf, es wird neue Lösungsvorschläge für Tempelhof geben – vielleicht macht die atomfreudige CDU Stimmung für ein Endlager. Schließlich bietet das Flughafengebäude ähnlich viele Kammern wie ein alter Stollen, nur weniger einsturzgefährdet.

O2_WorldIch persönlich verbinde auch sonst gute Hoffnungen mit dem nächsten Jahr. Die exis­tierende und von Medien massiv größer geredete sogenannte Wirtschaftskrise hat dafür gesorgt, dass das Luxusappartementhaus neben unserem Büro erst mal nicht gebaut wird. Dafür bleibt die schöne Brache bestehen mit den idyllischen Ba­racken darauf, die leer stehen. Ich habe die Hoffnung, dass in manchen Berliner Szenekneipen im nächsten Jahr erkannt wird, dass das Hamburger Astra nicht zum Trinken ist, sondern lediglich zur Erstellung lus­tiger Werbespots. Ich glaube fest daran, dass der RBB Tita von Hardenberg keine neue Sendung moderieren lassen wird und dass die Loveparade auf keinen Fall zurückkehrt von dort, wo immer sie sich zurzeit aufhält. Ich hoffe, dass noch mehr nette Schweizer nach Berlin kommen, weil ihre bestürzend langweilige Großstadt Zürich außer einem klaren Fluss und einem schönen See nichts feilbietet, für das es sich dort zu leben lohnt. Ich hoffe, dass das Rauchverbot weiterhin so konsequent untergraben wird wie bisher. Ich bete ferner, dass sich Hertha BSC durchringt, das Olympiastadion zu verlassen und endlich ein richtiges Fußballstadion zu bauen, das, anders als die Nazi-Schüssel, in der sie spielt, keine blaue Tar­tanbahn hat und auch keine Arno-Breker-Figuren. Die hässliche O2-Arena des schwulenfeindlichen US-Investors Anschutz soll dafür öfter mal leer stehen. Ich hoffe, dass Klaus Wowereit auch vorher mal schaut, was so gebaut wird in der Stadt, und nicht plötzlich an einem riesigen Kotzbrocken wie dem Alexa vorbeiläuft und sich wundert, was so alles in seiner Nachbarschaft entsteht. Ich wünsche ferner die Einrichtung einer Positivkartei, in der man Punkte sammeln kann für gutes Benehmen (so was wie in Flensburg, nur umgekehrt). Wer immer richtig parkt, bekäme dort Punkte gutgeschrieben, wer pünktlich Steuern zahlt, Menschen für mehr als Praktikantenlöhne beschäftigt und Bettlern und Oxfam gibt, auch.

Vielleicht würde sich dann der Neuland-Fleischer in der Greifswalder Straße dreimal überlegen, mir auf die Frage, ob ich die über 100 Würstchen mit der EC-Karte bezahlen kann, ein „So schon mal janich!“ entgegenschmettert. Und die Mitarbeiter in der Deutschen-Bank-Filiale in der Schönhauser Allee 120 würden sich auch mehr anstrengen und nicht einfach den Hörer aufnehmen und ihn gleich wieder auf die Gabel knallen, nur weil ich telefonisch ein paar neue TAN-Nummern bestellen will.
Ferner möchte ich, dass in Rolf Edens Biografie wirklich drinsteht, was er damals unter Yitzhak Rabin im israelischen Unabhängigkeitskrieg angestellt hat, und dass mir endlich jemand eine Bar in Charlottenburg nennt, in die es sich abends zu gehen lohnt (und kommt mir nicht mit der Paris-Bar! So alt bin ich noch nicht). Ferner ist im nächs­ten Jahr Schluss mit diesen uneigentlichen Artikeln, in denen sich die Autoren darüber mokieren, dass in Prenzlauer Berg Bionade getrunken und den Kindern Holzspielzeug gekauft wird.

So, das müsste jetzt eigentlich reichen. Vielleicht wäre noch schön, wenn man den furchtbar ausgepressten Journalisten der „Berliner Zeitung“ mit einer Protestaktion zu Hilfe eilen würde, bis man sie wieder reisen, recherchieren und lesen lässt. Und wenn man die Ab­bestellungen der Abos in ihrem Archiv rück­gängig macht. Wenn sich also wieder jemand daran erinnerte, dass es sich um eine Zeitung und nicht um einen Hedgefonds handelt. Und wenn man mich, weil der tip ja auch zu diesem Fonds gehört, hier wei­terschreiben ließe.

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