Stadtleben

Berlin – die Stadt der Spielhallen

SpielhallenDiese Geschichte scheut das Tageslicht. Drei Stufen muss man steigen, die Tür aufstoßen, die Luft anhalten, weil es hier gänzlich anders riecht als draußen auf der Straße. Putzmittel? Alter Teppich? Einsamkeit? Es riecht nach diesem Dreierlei, und oben an der Decke strahlen große Neonröhren. Die Sonne hat hier keinen Zutritt, so will es das Gesetz. Spielhallen müssen blickdicht abgeklebt sein, das Leben darin ist nicht synchron mit jenem vor der Tür. Doch immerhin, hinten auf dem Tisch steht Marmorkuchen. Und wenn man fragt, dann schenkt der Tresenmann mit der großen Brille einen Kaffee ein. Der geht aufs Haus, versteht sich.

Reinickendorfer Straße. Auch im Wedding wird es Herbst. Regen. Gesenkte Köpfe. Im Spätkauf grüßt die Lachkatze mit ihrer goldenen Pfote. Sie wehrt das Unglück ab, Wohlstand winkt sie herbei – so sagen es die Asiaten. So glauben es auch die Jungs, die sich noch einen Kaffee holen in der Spielhalle, gleich gegenüber. Niemand frage in diesen Hallen nach dem Alter, sagt Murat. „An einen Automaten darf man eigentlich erst mit 18.“ Murat heißt nicht Murat, Namen interessieren nicht. Der junge Mann, 19 Jahre alt, erzählt vom Glauben ans Glück: „Bislang habe ich einige Tausend Euro in die Spielautomaten geworfen.“ Wie viel haben die wieder ausgespuckt, Murat? „Nicht mal ein Viertel von dem Geld.“ Warum spielst Du dann? „Es geht um Hoffnung, bis zu 5000 Euro kann man am Automaten holen.“ Wofür brauchst Du das Geld? „Zigaretten.“

Murat ist ein wacher Kerl, die Augen klar, die Haare kurz. Er weiß mit Nebensätzen zu hantieren. „Gejobbt“ habe er, um die Tausende Euro zu verdienen, die er in die Maschinen warf. Murat erzählt erhobenen Hauptes, wenn er vom verspielten Geld berichtet. „Hier stehen in jedem Laden Automaten – Spätkauf, Wettbüro, Imbiss. Wenn ich auf den Döner warte, werfe ich manchmal Geld in die Maschine. Oft lassen sich die Angestellten mit dem Döner Zeit, dann verdienen sie mehr am Automaten. Es kommt vor, dass ich kein Geld mehr für den Döner habe, wenn er fertig ist. Alles verspielt.“ Murat sitzt im Kiezboom, einem Jugendtreff im Wedding, nahe dem Nauener Platz.

Den Kiezboom gibt es seit 2006, im vergangenen Jahr hat er ein großes Sommerfest veranstaltet, um die Leute vor der Spielsucht zu warnen. Mesut Lencper, im Vorstand des Vereins, hat es mitorganisiert. Er steckt sich eine Zigarette an im Hinterzimmer, neben ihm sitzt Murat. „Alle drei Meter stehen in dieser Gegend Spielgeräte“, sagt Lencper, ein muskulöser Mann mit sanfter Stimme. „Die Automaten zahlen nur einen kleinen Anteil der Einnahmen als Gewinne aus. Dieser Gewinn fußt auf dem Pech der anderen. Pech ist das Prinzip dieser Maschinen – es macht die Menschen vor dem Monitor zum Opfer. In der Regel verliert der Mensch, er fühlt sich als Versager, baut Aggressionen auf, geht vor die Tür der Spielhalle, manchmal reicht da ein Blick von einem fremden Menschen, schon droht die Schlägerei.“

Insgesamt waren Ende 2009 in Berlin 3560 Automaten in etwa 400 Spielhallen aufgestellt, die meisten im Bezirk Mitte (71), freilich liegt dort das Augenmerk auf dem Wedding. Es folgen Charlottenburg-Wilmersdorf (57) und Friedrichshain-Kreuzberg (55), dann Neukölln (49). Am wenigsten gibt es in Steglitz-Zehlendorf und Lichtenberg (je 9). Diese Zahlen steigen allenthalben. Allein in Mitte wuchs der Bestand der Hallen während des vergangenen Jahres von 39 auf 71. Bezirksbürgermeister begehren auf gegen die „Entwertung“ ganzer Wohngebiete durch die „Daddel-Läden“, rechtlich aber steht die Gewerbefreiheit dem Verbot häufig entgegen. Solange sich die Läden an Jugend- und Rauchschutz halten, können sie kaum verboten werden.

SpielhallenKiezboom-Vorstand Mesut Lencper ist 32 Jahre alt, er hat bei BMW einst Fertigungsmechaniker gelernt, sich dann umschulen lassen zum Sozial- und Anti-Gewalt-Betreuer. Und er war Mitglied der „Flying Steps“, einer Breakdance-Gruppe, die vier Weltmeistertitel holte. „Ich bin rumgekommen in der Welt, New York, Los Angeles, das alles, ohne Sohn eines Millionärs zu sein.“ Seine Mutter arbeitete 36 Jahre bei Siemens im Akkord. Morgens um vier fing sie an. „So wollte ich nicht leben“, sagt Lencper. Mit „Disziplin“ habe er sich ein anderes Leben aufgebaut. New York, Los Angeles. Seit 2004 engagiert er sich im Wedding: „Ich wollte in der unmittelbaren Nachbarschaft helfen, weil ich gemerkt habe, dass ich den Jugendlichen durch meine Erfolge ein Vorbild bin.“

Helfen muss Lencper vor allem bei der Spielsucht. „Gerade Jugendliche mit türkischem oder arabischem Migrationshintergrund bleiben oft unter sich und suchen falsche Vorbilder“, sagt er, „etwa bei den Bandidos oder den Hells Angels“. Geld zu haben gelte als „entscheidend“ und „cool“, und dieses schnelle Geld winke vermeintlich auch an den blinkenden Automaten. „Wenn Ali 200 oder 300 Euro gewinnt, ist er ein Held für seine Freunde.““ Um das regelmäßige Spielen zu finanzieren, „schwappen die Jugendlichen in die Beschaffungskriminalität, manchmal werden auch Freunde bestohlen“, erzählt Mesut Lencper. Nicht nur die Migranten säßen vor den Automaten, sagt Murat: „Auch Deutsche kommen. Generell vor allem junge Leute, manchmal auch Frauen, wenn die Spieler ihre Freundinnen mitbringen. Es wird gekifft und gekokst. Wer etwas gewinnt, kauft sich davon neue Drogen.“ …

Den gesamten Artikel von tip-Autor Lars Grote lesen sie in der aktuellen tip-Ausgabe 22/2010.

Foto: David von Becker

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