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Berlin entscheidet über das Tempelhofer Feld

tempelhof_2BP2571_AWem das Feld egal ist, dem ist Berlin egal. Jeder, der schon mal auf dem Tempelhofer Feld war, weiß um dieses Gefühl. Die pure Überwältigung durch 300 Hek-tar Leere. Blick frei geradeaus. Von Weite träumen. Die Träume weiten. Dann ist es kein Wunder, dass der Volksentscheid, der am 25. Mai über die Zukunft des Feldes entscheidet, derart polarisiert. Egal, ob man auf die Initative 100 % Tempelhofer Feld blickt, die diese Freifläche komplett erhalten will, oder auf den Senat, der die Ränder auf 75 Hektar bebauen und entwickeln möchte. Es ist der große Zwiespalt: Wie können die nur?

Das Feld frei lassen. Es nicht frei lassen. Es entwickeln. Es nicht entwickeln. Die Ränder bebauen. Sie nicht bebauen. Ökostadtvillen. Bezahlbares Wohnen. Bloß nicht hier. Wo, wenn nicht hier? Eine Operation an Berlins offenem Herzen. Wie können die nur? Vieles am Feld ist typisch für Berlin. Die Schönheit der Chance in der Ödnis. Zwischennutzung auf Dauer. Laissez-faire ohne Grenzen. Leere, wem Leere gebührt. Und wehe dem, der sie bedroht.

Was haben die da denn auf dem Zettel?

Ein Volksentscheid sollte eine klare Angelegenheit sein. Es gibt einen Vorschlag, einen Gesetzesentwurf. Dem kann man zustimmen oder ihn ablehnen. Sollen die Wasserteilprivatisierungsverträge offengelegt werden? Ja oder nein. Bekommt der BER-Flughafen, wann immer der fertig wird, ein Nachtflugverbot? Ja oder nein. Soll der Flughafen Tempelhof in Betrieb bleiben?

Ja oder nein. Klare Fragen, klare Fronten. Beim Volksentscheid über den Erhalt des Tempelhofer Feldes ist alles anders. Spätestens, seit zum Entwurf der Ini-tiative 100 % Tempelhofer Feld die Alternative des Abgeordnetenhauses hinzukam, die streng genommen nur ein Entwurf der beiden Regierungsfraktionen von SPD und CDU ist. Nun gibt es nicht mehr zwei Antworten. Sondern vier. Oder sogar acht.

Aber was war noch mal die Frage? Im Wesentlichen besagt der Koalitionsentwurf, dass der Senat die 230 Hektar große zentrale Freifäche „dauerhaft für Erholung, Freizeit und Sport als Grünfläche“ schützt und an den äußeren Rändern eine „behutsame Entwicklung für Wohnen, Wirtschaft sowie Erholung, Freizeit und Sport“ vorgesehen ist. Viel mehr steht da nicht auf dem Zettel.

Die großen Fragen dagegen, mit denen der Bürgerentscheid aufgeladen, vielleicht auch überladen ist, sie stehen zur Debatte, aber nicht zur Abstimmung. Wie viele Wohnungen brauchen wir bei Wachstumstendenzen wie den 47?800 Neu-Berlinern im letzten Jahr? Wo wollen wir die Wohnungen haben? Was heißt „bezahlbar“? Wo bleiben Geringverdiener? Wie sieht urbane Stadtplanung des 21. Jahrhunderts aus? Wie funktioniert Stadtpolitik jenseits von Immobilienverwertungslogik? Wie bezahlbar ist Neubau? Wie beteiligt die Politik die Menschen an solchen

Grundsatzfragen? Ist Nein-Sagen egoistisch? Überhaupt: Wie wollen wir künftig leben? Anfang April, Tempelhofer Feld, eine Werbetour der beiden Fraktionsvorsitzenden von SPD und CDU für ihren Gesetzesentwurf auf Leihfahrrädern. Gleich zu Beginn ist Schluss mit lustig. Aktivisten der Initiative radeln mit, grätschen mit „Lügner! Lügner!“-Tiraden rein. Eine Journalistin von der „Berliner Zeitung“ ist nahe am Tobsuchtsanfall: „So macht ihr euch keine Sympathie bei uns!“

Ein Wasserbecken zum Abkühlen wäre jetzt gut. Oder ein Sonnenschirm. Irgendetwas. Die zweite Station ist das geplante Wohnquartier am Tempelhofer Damm. 1?700 Wohnungen, die Hälfte davon „bezahlbar“. 4?700 Wohnungen sollen es insgesamt rund um das Feld sein. Dazu Gewerbe im Süden. So besagt es der Masterplan der Stadtentwicklungsverwaltung. Seit März 2013 steht er im Raum. Vielfach diskutiert. Aber ohne städtebaulichen Wettbewerb. Es gibt eine Menge Experten, die das überhaupt nicht verstehen.

Am Tempelhofer Damm, am geplanten ersten Bauabschnitt am Feld, 2016 sollen die Bagger kommen, fragt der tip den SPD-Fraktionschef: „Herr Saleh, was verstehen Sie eigentlich unter ‚behutsam‘?“ „Behutsam“. Das ist, neben „bezahlbar“, die andere SPD-Standardfloskel zur Randbebauung. Man hört von Sieben-, von Zehngeschossern. Man hört so viel. Man wüsste es gern genauer. Was „behutsam“ denn meint. Raed Saleh sagt: „Mit Augenmaß!“

Aha, Augenmaß. Das ist natürlich Ansichtssache. Vielleicht dachte jemand beim Senat, es wäre schlau, sich nicht einmal in der Gesetzesbegründung auf solche Details wie den tatsächlichen Anteil günstiger Wohnungen oder auch nur die angestrebte Miethöhe für diese Wohnungen festzulegen.

Weiterlesen: Wie es nach dem Volksentscheid auf dem Tempelhofer Feld weitergehen könnte. Drei mögliche Szenarien

Diese Vagheit ist mindestens fahrlässig. Mit Sicherheit auch ungeschickt. Potenziell sogar verheerend für die Senatspläne. Eine Woche vor dem Entscheid haben die Bebauungsgegner in einer Umfrage von Infratest dimap für die rbb-„Abendschau“ erstmals eine Mehrheit.
Selbst für die 1?700 Wohnungen am Tempelhofer Damm, von denen die Hälfte zu Kaltmieten von sechs bis acht Euro pro Quadratmeter vermietet werden sollen, gibt es bislang nur einen „Letter of Intent“ der Wohnungsbaugesellschaften degewo und Stadt und Land sowie der Genossenschaft IDEAL. Eine Bereitschaftserklärung.

Für die anderen beiden Quartiere am Südring und an der Oderstraße existieren Absichtsbekundungen. Die man etwa dem Stadtentwicklungssenator Michael Müller von der SPD glauben kann. Oder eben nicht.

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