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Berlin verstehen

Berlin in den 1960er-Jahren: JFK, Mief und Mauerbau

Die 1960er-Jahre in Berlin, ein Jahrzehnt der Umbrüche und des Neubeginns. Die seit Kriegsende geteilte Stadt wurde im August 1961 von einer Mauer getrennt, die bis 1989 stehen blieb. Der US-Präsident John F. Kennedy besuchte im Juni 1963 West-Berlin, in der Waldbühne randalierten Fans der Rolling Stones, Rudi Dutschke führte die Studentenproteste an und am 2. Juni 1967 erschoss der Berliner Polizist Karl- Heinz Kurras den Studenten Benno Ohnesorg.

Vor allem wurde aber gebaut, nicht nur der Antifaschistische Schutzwall, sondern auch die Stadtautobahn und Großsiedlungen wie das Märkische Viertel im Westen oder spektakuläre Symbolarchitektur wie der Fernsehturm im Osten. Hier sind 12 Farbfotos aus Berlin in den 1960er-Jahren.


Baustelle Alexanderplatz

Baustelle Alexanderplatz mit Hotel Stadt Berlin, Juli 1963. Foto: Imago/Stana
Baustelle Alexanderplatz mit Hotel Stadt Berlin, Juli 1963. Foto: Imago/Stana

Das DDR-Regime ließ den Alexanderplatz zum Aushängeschild des Arbeiter- und Bauernstaates umgestalten. In den 1960er-Jahren entstanden moderne Bauten aus Beton und Fertigteilen, darunter das Haus des Reisens, das Haus des Lehrers und die Kongresshalle. Die farbenfrohen Mosaike an den Fassaden, die hellerleuchteten Geschäfte, allen voran das Centrum Warenhaus, und das neue Wahrzeichen des Platzes schlechthin, die 1969 aufgestellte Weltzeituhr, standen für eine der Zukunft zugewandte Gesellschaft, die dem Kapitalismus trotzte und stolz auf ihre Errungenschaften war.


Ausflugsschiff auf dem Landwehrkanal

Mit lustigem Hut auf dem Landwehrkanal unterwegs, Sommer 1964. Foto: Imago/Serienlicht
Mit lustigem Hut auf dem Landwehrkanal unterwegs, Sommer 1964. Foto: Imago/Serienlicht

Das Wirtschaftswunder kam in den 1960er-Jahren in West-Berlin verlangsamt an und in der Mauerstadt machte sich langsam eine gewisse Provinzstimmung breit. Spießer und miefige Kleinbürgerlichkeit standen den neu zugezogenen Berlinern entgegen. Freaks, linken Spontis und Künstlern, die keine Lust auf die Bundeswehr hatten und die Freiheiten der Frontstadt ausleben wollten.

Das Foto zeigt eine bunt behütete Festgesellschaft während einer Schifffahrt auf dem Landwehrkanal. Danach ging es vermutlich zu Tante Gerda, die zur gemütlichen Kaffee-und-Kuchen-Runde eingeladen hat.


Zwei Damen vor dem Brandenburger Tor

Berlin 1960er: Schon 1968 ein beliebtes Fotomotiv für Mauerstadt-Besucher: Das Brandenburger Tor. Foto: Imago/Gerhard Leber
Schon 1968 ein beliebtes Fotomotiv für Mauerstadt-Besucher: Das Brandenburger Tor. Foto: Imago/Gerhard Leber

Die geteilte Stadt wurde zum Kuriosum. In den 1960er-Jahren war Berlin noch kein Touristenmagnet wie heute, aber viele „Westdeutsche“ kamen zu besuch, um sich die Mauer, Grenzübergänge und Wachtürme anzuschauen. So auch diese beiden Damen, die sich Ende der Sechziger bei einer Berlin-Erkundung natürlich auch vor dem Brandenburger Tor ablichten ließen.


US-Präsident John F. Kennedy besucht West-Berlin

US-Präsident John F. Kennedy bei seinem Berlin-Besuch, fährt gemeinsam mit Berlins regierendem Bürgermeister Willy Brandt im offenen Cabrio durch die Strassen, 26. Juni 1963. Foto: Imago/Sven Simon
US-Präsident John F. Kennedy bei seinem Berlin-Besuch, fährt gemeinsam mit Berlins regierendem Bürgermeister Willy Brandt im offenen Cabrio durch die Strassen, 26. Juni 1963. Foto: Imago/Sven Simon

Der Besuch des legendären US-Präsidenten John F. Kennedy im Juni 1963 in West-Berlin gehört zu den politischen Sternstunden der Mauerstadt. Regierender Bürgermeister von Berlin war damals Willy Brandt, der als Bundeskanzler schon bald selbst Geschichte schreiben sollte.

Brandt empfing JFK, die Stadt war in Aufruhr und jubelte dem jungen Präsidenten vor dem Rathaus Schöneberg zu. Dort sprach der Amerikaner die vielleicht berühmtesten Worte, die in Berlin seit Kriegsende gesprochen wurden: „Alle freien Menschen, wo immer sie leben mögen, sind Bürger Berlins, und deshalb bin ich als freier Mensch stolz darauf, sagen zu können ‚Ich bin ein Berliner‘!“.


Mauerbau und die finale Teilung der Stadt

Berlin 1960er: West-Berliner gucken rüber, 1961. Foto: Imago/Gerhard Leber
West-Berliner gucken rüber, 1961. Foto: Imago/Gerhard Leber

Im August 1961 ließ die DDR eine Grenzmauer um West-Berlin herum errichten. Eine Maßnahme, die zum Symbol des Kalten Kriegs wurde. Die streng bewachte Anlage sollte DDR-Bürger an der Flucht in die West-Sektoren hindern. Fast 200 Menschen starben bei dem Versuch, die Mauer dennoch zu überqueren.

Zwar war die Stadt schon vorher geteilt, doch mit dem Bau der Mauer begann für Berlin Anfang der 1960er-Jahre eine neue Ära, die bis zum 9. November 1989 andauern sollte.


Militärparade am Tag der Allierten

Militärparade am Tag der Alliierten, 1964. Foto: Imago/Serienlicht
Militärparade am Tag der Alliierten, 1964. Foto: Imago/Serienlicht

Militärparaden gehören längst nicht mehr zum Berliner Stadtbild dazu. Wenn überhaupt denkt man an pompöse Leistungsschauen mit Panzern und Raketen in Ost-Berlin, die vom SED-Regime und der Roten Armee abgehalten wurden. Die Bonzen schauten sich gerne stramme Kerle in Uniformen und große Kanonen an.

Aber auch in der Mauerstadt hielten die West-Alliierten Paraden zu Erinnerung an das Kriegsende und den Sieg über Nazi-Deutschland am „Tag der Alliierten Streitkräfte“ ab.


Massenturndarbietung im Stadion der Weltjugend

Berlin 1960er: Massenturndarbietung im Stadion der Weltjugend in Berlin während des Deutschlandtreffens 1964. Foto: Imago/Werner Schulze
Massenturndarbietung im Stadion der Weltjugend in Berlin während des Deutschlandtreffens 1964. Foto: Imago/Werner Schulze

Das Stadion der Weltjugend wurde 1950 als Walter-Ulbricht-Stadion errichtet, benannt nach dem spitzbärtigen DDR-Staats- und SED-Parteichef. Der Volksmund das nannte das mit einem Fassungsvermögen, von 70.000, später 50.000 Zuschauern größte Stadion Ost-Berlins daher „Zickenwiese“.

Über die breite, schneisenartige Einfahrt rollte die Friedensfahrt, die „Tour de France des Ostens“, zu Stadionankunft ein. Es gab Leichtathletik und Propaganda-Aufmärsche und auch die Derbys zwischen dem 1. FC Union und dem Serienmeister BFC Dynamo fanden aus Sicherheitsgründen hier statt, um die erbittert verfeindeten Fans auseinanderzuhalten.


Der Fernsehturm wird gebaut

Der Fernsehturm wird gebaut, ca. 1966. Foto: Imago/Werner Schulze
Der Fernsehturm wird gebaut, ca. 1966. Foto: Imago/Werner Schulze

Ein unglaubliches Foto! Hier führt im Sommer 1966 eine Ostberlinerin seelenruhig ihren Hund spazieren, und im Hintergrund entsteht das vielleicht berühmteste Bauwerk, das in Deutschland nach 1945 errichtet wurde. Der futuristisch anmutende Fernsehturm wurde pünktlich zur Mondlandung der Amerikaner im Jahr 1969 eingeweiht, die Bauarbeiten begannen bereits 1965. Dieses Bild zeigt den fertiggestellten Sockel mit den markanten kreisförmigen Öffnungen.


Das Neubaugebiet Märkisches Viertel entsteht

Berlin 1960er: Neubaugebiet Märkisches Viertel am Ostrand von Reinickendorf, 1969. Foto: Imago/Gerhard Leber
Neubaugebiet Märkisches Viertel am Ostrand von Reinickendorf, 1969. Foto: Imago/Gerhard Leber

Großwohnsiedlungen erfreuen sich meist keines guten Rufes, sie sind berüchtigt, nicht selten auch Orte an denen Gewalt und Kriminalität herrschen. Auf der anderen Seite hat sich in den letzten Jahren viel getan. Die Plattenbauten in Ost und West wurden modernisiert, die Anlagen begrünt und für junge Familien attraktiv gemacht.

Das Märkische Viertel im Norden der Stadt gehört zu den größten Neubausiedlungen West-Berlins. Die Bauarbeiten begannen 1963 und zogen sich bis in die frühen 1970er-Jahre fort. Das Foto zeigt den Stand der Bauarbeiten im Sommer 1969.


Der Kurfürstendamm und das Europa Center

Der Kurfürstendamm um 1966. Foto: Imago/Serienlicht
Der Kurfürstendamm um 1966. Foto: Imago/Serienlicht

West-Berlin musste sich nach dem Mauerbau neu erfinden. Natürlich waren der Kurfürstendamm und die City-West schon zum Anfang des 20. Jahrhunderts wichtig, allen voran wegen dem KaDeWe, dass den legendären Kaufhäusern in der Stadtmitte Paroli bot.

Nun schlug das Herz der Mauerstadt rund um das 1965 eingeweihte Europa Center, eine moderne Einkaufspassage/Bürohaus. Der kleine Berliner Wolkenkratzer mit dem Mercedes-Stern auf dem Dach wurde zum neuen Wahrzeichen des Ku’Damms.


Unter den Linden

Berlin 1960er: Unter den Linden um 1968. Foto: Imago/Gerhard Leber
Viel Platz für Paraden – Unter den Linden um 1968. Foto: Imago/Gerhard Leber

Während im Westen der Senat U-Bahnen und Autobahnen ausbauen ließ und rund um den Kurfürstendamm das Leben tobte, gestalteten die DDR-Stadtplaner die historische Mitte um. Zwar wurde die Museumsinsel saniert, doch zwischen den preußischen Prunkbauten entstanden Neubauten, die dem Sozialismus ein gebautes Antlitz geben sollte.

Neue Hotels, Bürohäuser und Gebäude für den politischen Apparat des SED-Staates entstanden rund um den Prachtboulevard Unter den Linden. Der legendäre und mittlerweile nicht mehr existierende Palast der Republik wurde allerdings erst in den 1970er-Jahren eingeweiht.


Kreuzberg in den Sechzigern

Berlin 1960er: Heruntergekommenes Gebäude am Kottbusser Tor, Kreuzberg, um 1969. Foto: Imago/Serienlicht
Heruntergekommenes Gebäude am Kottbusser Tor, Kreuzberg, um 1969. Foto: Imago/Serienlicht

Mit Kreuzberg hatte der Senat Ende der 1960er-Jahre eine ganze Menge vor. Neubaugebiete und Autobahnzubringer sollten dem etwas heruntergekommenen Arbeiterbezirk einen völlig neuen Charakter geben. Schaut man sich die Gegend zwischen den U-Bahnhöfen Hallesches Tor, Prinzenstraße und Kottbusser Tor an, lässt sich erahnen, wohin die stadtplanerische Reise gehen sollte.

Doch die Rechnung wurde ohne die Hausbesetzer, linke Aktivisten, Türken und Punks gemacht. Die Protestbewegungen aus dem Kiez konnten nicht alle, aber zumindest einige der Vorhaben und Abrisse in den 1970er- und 1980er-Jahren stoppen. Die Bauarbeiten für den Gebäuderiegel Neues Kreuzberger Zentrum mit der berühmten Überbrückung der Adalbertstraße, begannen dennoch 1969, fertiggestellt wurde das unansehnliche Stück Architektur in den 1970er-Jahren, die wir ebenfalls mit einer historischen Berlin-Chronik gewürdigt haben.


Mehr Berlin verstehen

Farbfotos aus einer anderen Zeit: So sah Berlin in den 1940er-Jahren aus und so Prenzlauer Berg in den 1980er-Jahren. Wie war es, in der DDR jung zu sein? Wir zeigen euch die Jugend in Ost-Berlin in 12 Fotos von FDJ über Punks zu Gruftis. Noch mehr Nostalgie? Wer in den 1980er-Jahren in Ost-Berlin gelebt hat, kennt diese 12 Dinge. Ihr lebt schon immer oder zumindest seit einer halben Ewigkeit im anderen Teil der Stadt? Diese 12 Dinge kennt jeder, der in West-Berlin der 1980er gelebt hat.

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