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Berlin is over – Nein, Berlin ist nicht vorbei, Herr Diederichsen

In einem langen Essay für das Fachportal „Artforum“ erklärt der Kulturwissenschaftler, Kurator und Journalist Diedrich Diederichsen den Krieg gegen die Boheme und kommt zu dem Schluss, Berlin sei over. Aus und vorbei für eine ganze Stadt. Warum das so nicht ist oder aber immer schon war. Eine Replik.

Die guten Menschen von Look 54 wissen es auch und schreiben zu diesem schönen T-Shirt: „Berlin ist over! So hieß es im bekannten Podcast „Hotel Matze“. Wir wissen es natürlich besser 😉 Berlin ist immer over!“. Foto: look54.de

BERLIN IS OVER. In Großbuchstaben, damit es sich besser liest

BERLIN IS OVER. In Großbuchstaben, damit es sich besser liest, so beginnt der ellenlange Text „The War on Bohemia“ des renommierten Theoretikers und einstigen Chefs der einflussreichen Popzeitschrift „Spex“, Diedrich Diederichsen, in dem er das Verhältnis der Boheme zum Rest der Gesellschaft erklärt und aus einer Fülle von historischen, politischen und ökonomischen Gründen das Ende Berlins postuliert. Es geht um den Gaza-Konflikt, die Ausladung führender Intellektueller aufgrund einer tatsächlichen oder vermeintlichen Nähe zum BDS oder allgemein israelkritischen Positionen, es geht um die Chefket-Böhmermann-Affäre am Haus der Kulturen der Welt, um aktuelle Kürzungen von öffentlichen Geldern in der Berliner Kultur genauso wie um die CIA-finanzierte US-Kulturpolitik der 1950er-Jahre. Es geht auch um AIDS, den Kapitalismus in seiner hässlichsten Ausführung und natürlich um die Gentrifizierung. Kurzum, es geht um alles. Und natürlich muss es das. Diederichsen ist kein Mann der kurzen Antwort auf knappe Fragen. Das ist nicht sein Job. Zugegeben, es lohnt sich auch, Dinge in einen Kontext zu stellen, auch in diesem Fall. Nichts an seinen Argumenten und rhetorischen Verflechtungen ist falsch, doch die Herleitung führt am Ende – Spoilerwarnung – zu dem entscheidenden Satz: „Berlin—as a temporary refuge for bohemians, and for those who need it even more—is over.“

Is it, Mr Diederichsen? Der Text ist in gleicher Weise richtig wie auch ärgerlich. Denn gehe ich vor die Tür, ist die Stadt da, sie ist da in all ihrer Fülle, mit ihren kleinen Kunsträumen und riesigen Konzerthallen, ihren Imbissen und Sternerestaurants, ihren prächtigen Promenaden und vermüllten Kiezen. Das ist kein naiver Blick, das ist die Tatsache jenseits der Theorie. Niemand wird bestreiten, ich zuallerletzt, dass sich die Stadt verändert, dass sie teurer wird und nicht mehr so, „wie sie mal war“. Es ist die Beschwörung der Vergangenheit, die rückblickend als Idealzustand behauptet wird. Das ist legitim, aber Berlin ist over? No, sir! Wenn nach Jahrzehnten Partybetrieb ein Club wie das Watergate schließt, sind sofort alle Feuilletons alarmiert und bringen Leitartikel zum Thema Clubsterben. Dabei darf ein Club auch mal schließen, das ist der Lauf der Dinge. Aktuell eröffneten zwei neue Clubs, einer in Spandau, der andere in der alten Zuschauertribüne der AVUS. Wenn eine Künstlergruppe mal keine Förderung bekommt, dann ist die Welt nicht zugrunde gegangen. Natürlich ist es hart, natürlich wird gekürzt, natürlich ist Chefket nicht im HKW aufgetreten, natürlich werden Professuren nicht angetreten, weil sich Deutschland anders zu Israel positioniert als etwa Spanien, Irland oder England. Alles richtig.

Es musste over sein, damit etwas Neues beginnt.

Doch nochmal, wenn ich aus dem Haus gehe, ist die Stadt da, auch die Kunstwelt ist noch da, die Galerien, Off-Räume und Artspaces, die Art Week und das Gallery Weekend, die Festivals und die Biennale auch. Ja, es sind nicht mehr die 1990er-Jahre, schon klar, aber wie sah die Kunstwelt vorher im geteilten Berlin aus? Kein Hahn krähte nach ihr. Es musste over sein, damit etwas Neues beginnt. Nach dem Mauerfall kam eine frische Boheme-Generation aus aller Welt und verwandelte Berlin in ihren Spielplatz. In alten Gemüseläden und Fleischereien entstand plötzlich avantgardistische Kunst, in Maschinenhallen wurde getanzt. Soweit der Mythos.

Heißt es aber, dass vorher, weil es da anders war, Berlin over war? Das würden die Leute aus dem Zodiak Free Arts Lab, die elektronisch aufspielenden Bands wie Cluster, die Punks um das SO36 oder Martin Kippenberger, die coole Modemacherin Claudia Skoda, der ausgebrannte David Bowie, der junge Nick Cave oder die Genialen Dilletanten mit den Einstürzenden Neubauten an erster Stelle aber ziemlich anders sehen. Noch mehr Mythen. Und jetzt, wenn sich wieder die Stadt maßgeblich ändert, ist sie nun wirklich over, oder sprechen wir hier nicht einfach nur von Generationsprojekten? Berlin ist heute over für die prägenden Akteure der 1990er- und 2000-Jahre, die aber, mit allem erdenklichen Respekt, nun zum alten Eisen gehören.

Zurück zur Kunstwelt, in deren Reihen das „Berlin is over“-Thema am heißesten diskutiert wird. Dabei erkennt die Kunstwelt zumeist nicht ihren eigenen Anteil am vermeintlichen Over-Sein dieser Stadt. Die Kunstwelt entdeckte Berlin in den 1990ern für sich, weil die Mieten niedrig waren, weil es Ateliers und Ausstellungsräume zu erschwinglichen Preisen gab und innovative Clubs und schicke Restaurants, wo man sich als Kunstszene gut bewegen konnte.

Eines sollte man aber nicht vergessen: Am Anfang wurde in Berlin nahezu ausschließlich Kunst produziert und gefeiert, jedoch nicht verkauft. Verkaufen musste man woanders, in Köln, Basel oder Miami, und das hat sich mittlerweile geändert. Die Kunstszene, im Gegensatz zur tatsächlichen Boheme-Subkultur der Freaks, Punks und Verweigerer, hat eines immer gebraucht und eingefordert: einen stetigen Geldstrom. Entweder aus den Taschen der Galeristen und Sammler oder aus öffentlichen Töpfen. Die Kunstwelt zog das Geld an, viel Geld, so wie die Clubszene die Touristen in die Stadt lockte und als Anhängsel davon die immer besser werdenden Restaurants entstanden. Dann steigen die Mieten.

Bonjour tristesse! Wohnhaus am Schlesischen Tor in Kreuzberg. Foto: Imago/Depositphotos

So beginnt immer und überall die Gentrifizierung. Immer nach demselben Prinzip. Die Gespräche darum sind inzwischen ermüdend, weil sie in nahezu jeder Stadt dieser Welt exakt gleich geführt werden können. In London, New York und Paris genauso wie in Istanbul, Tiflis und Belgrad. Die Kunstszene also war maßgeblich am Gentrifizierungsprozess beteiligt. Wollte sie aber überhaupt existieren, hatte sie keine andere Wahl. Ein Teufelskreis.

Ich selbst betrieb zwischen 2003 und 2009 einen kleinen, kommerziell wenig erfolgreichen, aber recht engagierten Kunstraum direkt am Schlesischen Tor. Heute residiert in dem Gewerberaum im Erdgeschoss einer gewöhnlichen Mietskaserne eine hübsche Eisdiele. Als ich mal vor Jahren die Betreiberin fragte, wie viel Miete sie zahlt, war es da bereits der dreifache Betrag dessen, was wir einst bezahlten. Diffus ahnte ich schon damals, dass wir, als vom Quartiersmanagement angeregtes und anfangs subventioniertes Projekt zur Stadtteilaufwertung, am Anfang eines unheilvollen Prozesses stehen. Es kam genauso. Ich bin mitschuldig.

Mein subjektives Beispiel gilt aber, so nun die steile These, im Großen und Ganzen für das gesamte Betriebssystem Boheme. Denn die Boheme und hier speziell die Kunstszene hat in ihrer Logik bereits den eigenen Untergang stets mit in ihrer DNA eingeschrieben. Im Einzelnen können sich die Schicksale der jeweiligen Akteure und Akteurinnen komplett unterscheiden. Aus kleinen und kreativen Szenen können globale Karrieren mit Ruhm und Reichtum ebenso wie menschliche Tragödien mit sozialem Niedergang bis zum Elend und Suizid hervorgehen. Die meisten bleiben am Ende doch irgendwo im Mittelfeld hängen. Das aber am Rande.

Wie sehen es die Twentysomethings? Ist für diese Generation Berlin auch over?

Insgesamt gilt: Wir hatten unsere Zeit, die Mieten waren billig, man konnte mitten in der Stadt allerlei spaßigen, wichtigen, engagierten, subversiven, rauschhaften Sinn und Unsinn anstellen. Die Party seit dem Mauerfall war enorm. Doch Moment! Wirklich? War? Und alles, was uns bleibt, sind Texte, die den Niedergang der Party beklagen? Das ist trist, auch angesichts der globalen Krisen, Trump und der künstlichen Intelligenz. Deshalb vielleicht der Perspektivwechsel: Wie sehen es die Twentysomethings, ist für diese Generation Berlin auch over? Sie kennen vielleicht die Legenden von den billigen Mieten, als man für 250 Euro in Neukölln leben konnte, aber das sind Opas Märchen aus dem Krieg. Was interessiert die, nennen wir sie einfachheitshalber „junge Menschen“, der Mietmarkt von 1994? Diese Generation lebt im Hier und Jetzt. Floskelhafte Slogans wie „Der Jugend gehört die Gegenwart“ kommen in den Sinn.

Jede Klage, es sei etwas vorbei, ist nur die Klage der einen Generation, die das betrifft

Wenn die Kunsträume und Clubs jetzt in Spandau oder an der AVUS entstehen und nicht mehr in Kreuzberg oder Prenzlauer Berg, geschweige denn Mitte, dann ist das eben so. Deal with it. Wenn es weniger Fördergeld gibt, auch damit wird die Boheme umgehen lernen. Es gibt genug Metropolen, die Berlin auch noch 2025 um die fürsorgliche Kulturförderung beneiden würden. Dass es in Berlin an Meinungsfreiheit fehlt, sollte man den Leuten in Minsk, Istanbul oder selbst New York mal schlüssig erklären. Alternative Orte, an denen immer noch kulturelle Labore existieren und wo ohne Blick auf Profit gearbeitet wird, gibt es doch auch. Man muss nur hingehen, ins PAS in Moabit etwa, und selbst im totalgentrifizierten Friedrichshain wird im Schatten vom Holzmarkt, einem alternativkapitalistischen Kind der 2000er-Jahre, immer noch subkulturell zwischen alten Werkstätten gefeiert, experimentiert und Kunst produziert. Sicherlich ist das 90mil bedroht und man wünschte sich mehr von solchen Projekten im Stadtzentrum, aber es gibt sie, es gibt immer ein Weiter. So ist jedes Over auch ein Neuanfang, und jede Klage, es sei etwas vorbei, nur die Klage der einen Generation, die das betrifft.

Und jetzt, im unheilvollen Jahr 2025, ist also wieder alles vorbei.

Berlin war im Grunde schon immer over. Oder immer wieder. Die Weimarer Republik mit ihrem heißen Tanz auf dem Vulkan ist dafür vermutlich das historisch prominenteste Beispiel. Jazz, Kabaretts, Brecht, Tingeltangel und Dadaismus, alles war Anfang 1933 vorbei. Sowas von.

Oder die hermetisch-wilde Mauerstadtszene – für so manchen Kneipenkreuzberger endete am 9. November 1989 das selige Leben der Boheme abrupt. In den späten 1990er-Jahren postulierten bereits viele Raver, wie vorbei Berlin sei, als die Loveparade Millionen Menschen anzog und einige große Technoclubs der Pionierzeit wie E-Werk und Bunker schlossen. Vom Berghain oder der Bar 25 wusste da noch niemand etwas. Sicher, irgendwann kamen die neuen Bürohäuser, Arenen und die Shopping Malls und Eigentumswohnungen wurden in jede Brache, auf der einst mal wilde Kultur keimte, reingebaut. Das Geld kam und blieb. Und jetzt, im unheilvollen Jahr 2025, ist also wieder alles vorbei. Wer lange genug in dieser Stadt lebt, hat das Ende schon öfter kommen sehen. BERLIN IS OVER. Bis es von Neuem anfängt.


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