Stadtleben

Berlin ist tot – Es lebe Berlin!

Blog: Mein Neukölln – Street-Art und Kuriositäten als Beschreibung vom Zustand und Wandel von Berlins hipstem und ranzigstem Stadtteil: Neukölln. www.facebook.com/MeinNeukoelln

So weit ist es also schon gekommen. „Fünf Gründe, warum Nürnberg das bessere Berlin ist“. Ja, richtig gelesen. Nürnberg, „Hipsterhauptstadt mit Herz“. Das stand so nicht auf der Satire-Webseite „Der Postillion“, sondern bei „Puls“, dem Jugendprogrammportal des Bayerischen Rundfunks. Einer der Gründe: die trendresistente und damit „unironisch-ironisch“ verzehrbare Nürnberger Bratwurst. Was immer das bedeuten soll. Das kann doch nicht deren Ernst sein, oder?

Ein Gedanke, der sich bei dieser Debatte häufiger einstellt, seit sie der US-Blog Gawker.com mit einem simplen Artikelchen losgetreten hat. Headline: „Berlin is Over. What’s next?“ Tatsächlich tobt seitdem in vielen Medien ein einigermaßen bizarrer Diskurs über den Coolness-Faktor von Berlin und anderen Orten. Jeder darf mal.

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Es scheint, als würde der geballte Berlin-Diss aus Übersee („Rolling Stone“ und „New York Times“ waren auch mit von der Partie) wie Balsam auf die Seelen der im Schatten Berlins in den letzten Jahren zu kurz gekommenen anderen Städte der föderalen Republik wirken. So unkte die „Süddeutsche Zeitung“, das Zentralorgan des stets auf Berlin neidischen Münchens, die Mär vom „Ende des Berlin-Hypes“ nach. Und viele derjenigen, die irgendwann mal nicht ins Kater Holzig reingekommen sind oder bei Mustafa’s Gemüsekebab zu lange in der Schlange gestanden haben, sekundierten eifrig mit. Was dabei immer besonders gut kommt: das Jammern über die ach so arroganten Berliner. Da guckste, wa?

Und Berlins Medien? Eine Mischung aus bemühter Verteidigung des Coolness-Hauptstadt-Verdikts und Aufatmen für Fortgeschrittene, dass der Hipster-Kelch jetzt endlich woanders abgestellt werden kann – und dass sei ja irgendwo auch gut so. So beeilte sich der „Tagesspiegel“ klarzustellen, „Berlin sei nicht over“ sondern würde „erwachsen“. Die „Berliner Zeitung“ war sich mit Headlines von „Berlin ist vorbei. Endgültig und unwiderruflich“ bis „Berlin ist tot – es lebe Berlin“ auch noch nicht ganz sicher.

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Bei so viel Berlin-Bohei sollte doch eigentlich klar sein: Die Stadt ist seit über 15 Jahren eine der gehyptesten Metropolen, und das weltweit, was – wie bei allen Trendzyklen – zwangsläufig zu einer Gegenreaktion führt. So gesehen ist es bemerkenswert, dass diese nicht schon sehr viel früher kam.

Es gibt ja durchaus seit Längerem Tendenzen, die Berlins Appeal für szenebeflissenes Publikum schmälern. Viele Gegenden, die in der Nachwendezeit noch als Sinnbild kreativer Freiräume galten, sind nun, wie etwa die Münzstraße in Mitte, zum Flagship-store-Einerlei mutiert. Und viele der Institutionen, auf die sich der Ruhm Berlins gründet, sind in die Jahre gekommen. Dies betrifft besonders Nightlife-Schlachtrosse wie Watergate, Berghain, Tresor und was auch immer der Nachfolger des geschlossenen Kater Holzig beziehungsweise der Bar 25 sein wird. Alles Läden mit einer zehn- bis über zwanzigjährigen Tradition. Und neue Clubs in dieser Gewichtsklasse sind zuletzt auch nicht mehr hinzugekommen.

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Die Kehrseite des enormen touristischen Erfolg Berlins kann man an diversen Abfütterungsstationen besichtigen, von der Maaßenstraße in Schöneberg über den Hackeschen Markt und die Oranienburger Straße in Mitte bis hin zum Wrangelkiez in Kreuzberg. Pubcrawler, Bierbiker und die sonstige Nachhut der vom Berlin-Hype angelockten Gäste sorgen für kräftige Minuspunkte auf der Trendskala. Dazu kommen gestiegene Preise und Mieten und die handelsüblichen Merkmale der Gentrifzierung , die die ungetrübte Berlin-Freude leicht verhageln. Einigen Club- und Cafйbetreibern wäre es deshalb vermutlich gar nicht so unrecht, wenn sich die Aufmerksamkeit ein bisschen verlagern würde. Weg von ihnen, von Berlin. Was geht eigentlich so ab in Hildesheim?

Weiterlesen: Uli Hannemann – „Da, schau an! Noch Ein Club-Mate-Deckel“  

Diese Kehrseiten sind im Vergleich zu anderen Metropolen allerdings durchaus nicht das Schlimmste unter der Sonne. Sie werden von den amerikanischen Trendauguren, die Berlin nun vom Coolness-Thron stoßen, auch gar nicht genannt. Viel mehr wertet man etwa die Tatsache, dass immer mehr amerikanische Landsleute hier ihr Glück versuchten und Berlin „brooklynisierten“, als Indiz dafür, dass es mit Berlin kräftig bergab ginge.

Zu dumm nur, dass das Magazin „The New Yorker“ gerade die gute Idee hatte, einfach mal einen Reporter in dieses dahinsiechende Nachtleben zu entsenden. Der Mann, der mit einer euphorischen Zehn-Seiten-Geschichte zurückkam, hatte nämlich offenbar doch ein paar recht unterhaltsame Abende.

Man kann es aber auch andersherum sehen. Jahrelang wurde geunkt, dass die Berliner Szene in Wirklichkeit von Provinzlern aus Westdeutschland regiert würde. Wären es heute Provinzler aus Nebraska oder Ohio, die den Spirit der Stadt definieren, müsste man sich mehr Sorgen machen.

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Der Berliner, wenn man ihn auf einen Prototyp reduziert, hat ohnehin einen klassischen Vorteil in dieser Coolness-Debatte: Sie ist ihm schnurzpiepegal. Nichts ist untrendiger, als Trends hinterherzulaufen und sich allzu viele Gedanken zu machen.
So gesehen sind wir schon längst auf dem Weg zum Klassiker.

 

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