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Berlin Mitte braucht keine neue Altstadt

Berlin Mitte Marx Engels ForumWenn Männer nichts zu tun haben, fangen sie an zu saufen oder zu spielen. Weil der ehemalige Stadtbaudirektor Hans Stimmann (der Papst der Traufhöhe und der steinernen Fassaden) nichts zu tun hat, spielt er wie ein kleiner Junge mit Bausteinen und schreibt darüber ein Buch: „Berliner Altstadt – Von der DDR-Staatsmitte zur Stadtmitte„. Daraus wird dann gleich ein Kompendium über die wechselhafte Geschichte der Altstadt Berlins rund um das Stadtschloss, angefüllt mit Fotografien und Plänen der ehemaligen Bebauung und verschiedenen Vorschlägen, wie der Platz gestaltet werden könnte.

Natürlich hat sich der gute Mann nicht mehr mit so profanen Aufgaben wie der Bebauung des Flughafens Tempelhof, der Rummelsburger Bucht oder der Wasserstadt Spandau abgegeben, es musste gleich die Mitte von der Mitte sein, das unbebaute Gebiet zwischen der Spree gegenüber dem sogenannten Schloss und dem Bahnhof Alexanderplatz, der letzten größeren freien Fläche in der Stadtmitte, wo sich heutzutage die ganze Bandbreite der Berliner Bevölkerung und der Touristen tummelt. Je nach Tages- und Nachtzeit findet man da den Teil der Gesellschaft, der ohne Bodyguards und andere Sicherheitskräfte auskommt. Rentnerinnen und Punks, Obdachlose und Grufties, Abhänger und Geschäftsleute, die das Weite suchen oder einen Happen Fastfood.

Na ja, für Herr Stimmann und seine Freunde ist das alles nichts. Erst macht die Springerpresse eine Kampagne, um via Altstadt möglichst viel Erinnerungen an die DDR zu löschen. Dann lädt der bürgerliche „Tagesspiegel“ Klaus Hartung ein, der schon 1980 bei der „taz“ die Mächtigen suchte und ihnen beistand, sich zum Bebauungsplan Stimmanns zu äußern. Dem ist die von Stimmann gewollte Bebauung vergessener Stadträume als „Wiedergewinnung der Berliner Altstadt“ oberste Bürgerpflicht. Abgesehen davon, dass sich Stimmann und Hartung selbst in ihrer Wortwahl entlarven, wenn sie die freien Flächen als „Brache“ bezeichnen, wollen sie uns doch tatsächlich glauben machen, durch die Bebauung – sicher in Traufhöhe – würde Berlin als Stadt geeint.

Berlin MitteDas ist eine geistige Bankrott­erklärung einerseits, und andererseits das fatale Eingeständnis, dass Berlin offensichtlich immer noch aus zwei ziemlich unterschiedlichen Hälften besteht. Wie das mit ein paar Stadt­häusern funktionieren soll, in denen ga­rantiert niemand wohnen wird, der sich heutztage dort aufhält, wird eine der ungelösten Fragen der Menschheit bleiben. Um in diesen merkwürdigen „Town-Houses“, wie sie in Neudeutschsprech nunmehr heißen müssen, zu wohnen, muss man auch das nötige Kleingeld haben, um die Privatsphäre durch publikums­abweisende Maßnahmen zu schützen. Der öffentliche Raum wird dort mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vor Pennern, Säufern, Hurenböcken, Dealern gesäubert werden. Touristen werden Sondererlaubnisse bekommen und ähnlich wie im benachbarten Nikolaiviertel, das in DDR-gerechter Plattenbauweise disneymäßig rekonstruiert wurde, in das eine oder andere Etablissement verbracht, wo sie Berliner Lebensart in Speis und Trank und fröhlichen Liedern vorgeführt bekommen. Und weil die Touribusse selbstverständlich durch die Gassen fahren, wird das dann als Erfolg verkauft werden. Ob die Pläne zur Wiedergewinnung einer Altstadt jemals realisiert werden, ist allerdings mehr als zweifelhaft.

Merkwürdigerweise hört man von der amtierenden Senatsbaudirektorin Regula Lüscher nichts, was aber nicht weiter verwundert, weil man von ihr sowieso nichts hört. Merkwürdig allerdings auch, dass die Bebauungsfetischisten die Realität so wunderbar ignorieren, um sich selbst zu verwirklichen. Es mag ihnen eben nicht gefallen, dass die Spandauer ihre eigene Altstadt lieben, die Charlottenburger ihren Savignyplatz, die Prenzelberger ihren Kollwitzplatz und manche Kreuzberger ihre Bergmannstraße. Dort pflegen sie ihre bürgerliche Identität, weil sie dort zu Hause sind. Denen wird es egal sein, ob irgendwo in Mitte eine neue Altstadt gebaut wird. Sie werden sie einfach ignorieren. Das war und ist eben in dieser großen Stadt anders als in der Marzipanstadt Lübeck, aus der der Herr Stimmann geflohen ist, von der er sich aber nicht wirklich hat befreien können. Altstadtsehnsucht ist hier fehl am Platz. Uns zieht es eher nach New York als nach Lübeck. Und wenn kommende Generationen den freien Platz neu gestalten wollen, werden sie gar nicht erst den Schrott abreißen müssen, den wir uns hüten sollten zu errichten.

Text: Qpferdach
Foto: Bernd Sauer-Diete

Hans Stimmann „Berliner Altstadt – Von der DDR-Staatsmitte zur Stadtmitte“, DOM publishers, 38 Ђ

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