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Berlin Moabit soll neuer Kulturstandort werden

Gitarre Moabit Foto von Harry SchnitgerSeit Jahren tingelt Gitarre Moabit singend durch S-Bahnen, Cafйs, Kneipen. „Klar habe ich Träume, Mann“, sagt er. „Ich will richtig hoch hinaus, fett in die Charts. Das wird auch passieren.“ Neben der Pommesbude liegt ein Spielsalon, „Play & Win“. Das ist natürlich auch eine Möglichkeit. Aber Gitarre hat ja seinen Reggae-Weihnachtssong, der ist was fürs Radio, absolut. Und ein Lied für Hertha BSC. Songs für Kinder und Beerdigungen. 37 ist der Schlacks mit dem Kinnbart und der Kangol-Mütze, der sich „Gitarre“ nennt. Er war mal Animateur, Balearen und so. Für sein erstes Stück reichten noch drei Akkorde: „Ohne Moos ist nix los.“ Und das war schon Jahre, bevor er in den rauen Moabiter Beusselkiez zog.

Gitarre hofft seit Langem auf seinen Aufschwung. Mit Moabit ist das ganz ähnlich. Jahrzehnte lehnte es an der Mauer, als Zonenrandgebiet. Dann sprudelten die Aufbaugelder vor allem ne­benan im Prenzlauer Berg. Moa­bit guckte zu und in die Röhre. Und ins Regierungsviertel, das an seiner Südflanke wuchs. Manche nennen Moabit deshalb „Hinterhof der Macht“. Andere, weniger freund­lich: „Blinddarm von Mitte“. Was sonst zur Allgemeinbildung, Kapitel Moabit, gehört: die Gefängnisse und Europas größtes Kriminalgericht. Vor dem mehr als hundert Jahre alten Neobarockbau werben Rechtsanwaltschilder mit „Hartz-IV-Notfalldienst“. Am Coffeeshop gegenüber steht „Selbstbedienung“, was insofern heikel klingt, weil viele der Kunden beim Gericht genau deshalb einen Termin haben. Reportagen über Moabiter Jugendliche, denen Gesetzestreue nicht ganz geläufig ist, heißen gern schlicht: „Die Straßen von Moa­bit“. Das steht für sich. In seiner Heimathymne singt Gitarre kratzig: „Berlin ist Berlin. Doch Moabit ist Moabit.“

Aber was ist Moabit?
Eine Insel, umgeben von Spree und Kanälen, 25 Brücken. Die Turmstraße mit vielen Läden für den lauen Geldbeutel. Ihr Parallelpendant Alt-Moabit, die den Stadtteil scharf trennt, südlich davon fast gut bürgerlich, im Norden alles andere als das. Die vielen Nationalitäten; offiziell 35 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund, beim Quartiersmanagement Moabit-West geht man eher von 50 bis 60 Prozent aus. Die Armut; ein Drittel der Einwohner bezieht staatliche Zuwendungen. Das Industriegebiet Martinickenfelde nördlich des Tiergartens, das größte Berlins. Jede Menge Künstler. Kein Krankenhaus; das einzige wurde 2001 geschlossen. Auch kein Kino; nur in der Kulturfabrik laufen manchmal Filme.

Jetzt aber passiert etwas. Die Veränderung kommt aus dem Süden. Vom Hauptbahnhof, wo ein neuer Kunst- und Kulturstandort entstehen soll. Vom geplanten neuen Mega-Stadtquartier rund um den ehemaligen Güterbahnhof an der Heidestraße. Es ist nur nicht ganz klar, wie viel Schwung im restlichen Moabit ankommt. Kunstprojekt KurtKurt fotografiert von Harry Schnitger
An einem Sonntagabend fliegen an einer Brache an der Birken- und der Stromstraße alte Schuhe in eine Baumkrone, Dutzende, die Paare zusammengeknotet. Es ist keine Altkleiderentsorgung auf Moabiter Art. Es ist ein Kunstprojekt. Die Macher, Barbara Meyer Cesta und Rudolf Steiner aus der Schweiz, werfen mit, ein paar Freunde auch. Auf der Brache stand einmal die Paechbrot-Fabrik, nun soll hier ein Einkaufscenter mit Ärztehaus hin. Laut eines Schildes ist 2008 wieder mal Baubeginn. „Shoe Trees“ stehen in den USA für alles Mögliche. Einen Dea­lerstandort, die Ermordung eines Gang-Mitglieds, die Entjungferung eines jungen Mannes, ein Abschiedsritual von Soldaten. Nur ist Moabit kein Ort für unbegrenzte Möglichkeiten. Nach wenigen Minuten bremst ein Streifenwagen. Einige Wochen später hängen die Schuhe immer noch. Das Verfahren ebenso.

Eingeladen wurden die Schweizer vom Kunstprojekt Kurt-Kurt mit der Projektzentrale in der Lübecker Straße 13, Kurt Tucholskys Geburtshaus. Dessen Macher, Pfelder aus Hamburg und Simone Zaugg aus Bern, bitten seit 2007 Künstler, sich im öffentlichen Raum künstlerisch an Moabit zu reiben. So oder so. Pfelder, 42, kam vor sieben Jahren hierher, wo die Mieten billig waren, die Gründerzeithäuser abgerockt und die Menschen unkompliziert. „Moabit ist immer noch so ein bisschen der weiße Fleck in der Berliner Kultur“, sagt er. „Es ist nicht mal unhip. Es kommt einfach nicht vor.“ Viele wüssten gar nicht, wie nett es sich hier lebe. Wie normal. Pfelder hofft nur, „dass Moabit selbstbewusst und stark genug ist, nicht so sehr gentrifiziert zu werden“.

Am südlichen Rand Moabits könnte das anders werden. Am Hauptbahnhof, wo in den nächsten Jahren Hotels gebaut werden. Und am maroden Humboldthafen daneben. Dort soll ein neuer Kunst- und Kulturstandort entstehen, ein 12.000-Quadratmeter-Grundstück. Sechs Wochen ist es her, da schipperte Klaus Wowereit zum Vermarktungsstart mit der Presse durch das Hafenbecken. Die MS Stralau fuhr Schleifen. Es sah nicht aus wie: volle Kraft voraus. Eher nach: Man dreht sich im Kreis. Oder um sich selbst. Der genehme Investor soll am Hafen eine private Ausstellungsfläche für zeitgenössische Kunst errichten. Und eine ständige Kunsthalle, die er dann dem Senat überlässt. Für das zweite Quartal 2009 ist der Zuschlag terminiert. Ein 40-prozentiger Wohnanteil ist Pflicht. Sonstige Vorgaben macht der Senat nicht. Stadtplanung light.
An den beiden nächsten Straßen lassen sich die Pole der möglichen Auswirkungen festmachen. In der Heidestraße wird alles anders, als es ist. Und die Lehrter Straße will bleiben, was sie einmal war …

 

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