Stadtleben

Berlin, Stadt am Fluss

Spree„Ich stelle mir das ein bisschen wie im Urlaub vor: Man rennt zum Ufer, breitet die Arme aus und blickt aufs Wasser. Dieses Gefühl sollen die Leute auch mitten in Berlin haben können, am besten jeden Tag. Das ist mein Traum.“ Ralf Steeg beugt sich über das Geländer am Osthafen, unter ihm die Spree. Braungrünes, übel riechendes Wasser, Sichttiefe gleich Null. Urlaubsgefühle weckt dieser Fluss nicht, nicht einmal die Füße möchte man an heißen Sommertagen ins Wasser hängen lassen.
Das will Steeg ändern. Der Ingenieur für Landschafts­architektur und Umweltplanung will die Spree reinigen und zwar so, dass man wieder darin baden kann, wie zuletzt vor etwa 80 Jahren. Da war Berlin eine Stadt am Fluss, mit unzähligen Badestellen mitten im Zentrum. Seit acht Jahren kämpft der 39-Jährige für die Verwirklichung dieses Traums. „Spree 2011“ hat er sein Projekt genannt. Vier Professoren von der Technischen Universität Berlin, sieben Ingenieurbüros, ­das Kompetenzzentrum Wasser und die Berliner Wasserbetriebe unterstützen Ralf Steeg.

Gefördert wird das Ganze vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Die Idee: Das Schmutzwasser, das bei heftigem Regen in die Spree geleitet wird, soll zunächst in Container unter der Wasseroberfläche fließen und dann, wenn der Regen aufgehört hat, wieder zurück in die Kanalisation gepumpt werden. Die sogenannte Mischwasser­kanalisation Berlins stammt aus dem Jahr 1873; in ihr sammeln sich Regen­wasser und alle Abwässer aus Haushalten, Gewerbebetrieben und von Straßenabläufen, also Abfälle, Waschmittel, Hormone, Chemikalien, Schwermetalle. Normalerweiser wird das ganze zu Klärwerken geleitet. Regnet es jedoch zu stark, und das passiert an etwa 30 Tagen im Jahr, drohen die unter­irdischen Kanäle überzulaufen, und die Spree wird zum Auffangbecken für das Dreckwasser.
Es geht ja nicht nur ums Baden. Die Spree ist eine Re­s­source, die wir schützen müssen“, sagt Steeg. „Man sollte einfach kein Abwasser in einen solchen Fluss leiten.“ Insgesamt 14 Unterwasser-Tanks vom Osthafen bis zur Schleuse Mühlendamm haben die Spreereiniger geplant. Aus einigen sollen Inseln werden, 900 Quadratmeter große begrünte Plattformen mit Platz für Open-Air-Veranstaltungen, mit Bootsanlegestellen, mit Cafйs und Kiosken. Über Stege sollen Besucher die etwa 10 Meter vom Ufer entfernten Großstadt­oasen erreichen können. Mit der Vermietung der Flächen wollen Steeg und seine Mitstreiter die laufenden Kosten des Pumpsystems decken. Die übrigen Container bleiben unsichtbar unter Wasser.
Dass die Spree mit Steegs Modell zu einem saubereren Fluss werden kann, davon sind viele überzeugt. Ende des Jahres soll die erste Pilotanlage am Osthafen, schräg gegenüber vom Badeschiff, gebaut werden. Bereits 2004 hatte das Kompetenzzentrum Wasser das Projekt positiv in einer Machbarkeitsstudie bewertet.

Ralf-SteegDoch nicht alle glauben, dass „Spree 2011“ allein ausreichend ist. Widerstand kommt vor allem aus der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz, aber auch der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) ist skeptisch. Klar ist, dass mit der Spree was passieren muss. Allein schon deshalb, weil Berlin die EU-Wasserrahmenrichtlinie erfüllen muss, die Mitgliedstaaten müssen bis 2015 ihre Gewässer in einen guten Zustand bringen. Davon ist die Spree weit entfernt. Birgit Fritz-Taute, die Leiterin des Referats für Wasserwirtschaft, hält das Mischwasser, auf das Steeg mit seinen Tanks zielt, zwar für einen erheblichen Teil des Problems, aber für sie ist das nur eine Maßnahme unter vielen anderen: „Die Spree ist doch bereits belastet, bevor sie in Berlin reinkommt.“ Dem stimmt auch Winfried Lücking, der Referent für Gewässer und Binnenschifffahrt vom BUND, zu: „Das Modell lässt sowohl die Belastungen des Flusses durch das Klärwerk Münchehofe als auch die durch die Landwirtschaft in Brandenburg außer Acht.“ Auch die Idee, die Spree mit Unterwasser-Tanks und Inseln zuzupflastern, hält er für problematisch. Steegs Vision von Berlin als Stadt am Fluss, mit Badestellen an grünen Ufern, hingegen teilt er.

Eine solche Vision hat der Senat nicht, dort ist man froh, wenn man die EU-Vorgabe bis 2015 erfüllt. Ralf Steeg kann da nur den Kopf schütteln: „Auch wenn es kein Gesetz gibt, dass man in dem Fluss einer Stadt baden können soll – wie kann man einen Fluss wie die Spree in einer Stadt wie Berlin nicht nutzen?“ Wenn Ende des Jahres die erste Pilotanlage am Osthafen gebaut wird, dann rückt die Verwirklichung seines Traumes ein ganzes Stück näher. Ernst gemeinte Visionen von einer besseren Stadt, die realisierbar sind, wie Steegs Projekt, sollten auch ernst genommen
werden. Das würde Berlin gut tun. 

Text: Katharina Wagner

Foto 2: Oliver Wolff

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