Stadtleben

Berlin: Stadt der Frau

KONKURRENZ
Kristina Schröder
lächelt gut geschminkt vom Cover ihres neuen Buches, betont locker stemmt sie eine Hand in die Hüftpartie ihres dunklen Kostüms. Als kokette Business-Lady gibt die Ministerin für Frauen auf dem Titel die Parole aus: „Danke, emanzipiert sind wir selber!“ Trotzig führt sie damit einen Machtkampf gegen ihre Ministerkollegin Ursula von der Leyen weiter. Schröders Vorgängerin befürwortet als Arbeitsministerin bekanntlich entschieden die Einführung einer Frauenquote für die Spitzenpositionen in der Wirtschaft. Kristina Schröder setzt dagegen auf Selbstregulierung und konservativere Familienideen. Ihr Buch wird als PR-Intervention die Debatte beleben, die mit ihrer Uneinheitlichheit ein Spiegel der Auseinandersetzungen in der Gesellschaft ist.

GLEICHSTELLUNG PER QUOTE?
Aber die Fragen sind, näher betrachtet, gar nicht so abstrakt: Hilft eine Frauenquote, um die Chancen auf wirkliche Gleichstellung in Berlin zu verbessern? Stehen die annähernd 50 Prozent Frauen im öffentlichen Dienst nicht schon für einen einigermaßen ausbalancierten Arbeitsmarkt? Ist die Frauenquote nicht bloß ein Freifahrtschein für Powerfrauen, ein bürokratischer Murks, der ein paar Alibifiguren fördert? Was könnte sie quer durch alle Schichten, Berufsgruppen und Lebensentwürfe tatsächlich verbessern?

Skeptisch, zögerlich, illusionslos reagieren die meisten, die ich um ihre Meinung bitte. Würde man morgen eine Abstimmung unter allen Berliner Frauen durchführen, wäre vermutlich der Anteil der Unentschiedenen ziemlich groß. Aber Geschichten über die eigene Unsicherheit reißt die Frage an. Die alten Rollenbilder sind passй – oder noch lange nicht? „Wo kommen wir hin, wenn wir auf unser Geschlecht festgelegt werden?“, befürchtet eine Freundin. „Wir sollen gut ausgebildet sein, außerdem sexy, Mutter, Haushaltsmanagerin und jetzt auch Karrierefrau – was denn noch?“, stöhnt eine junge, alleinerziehende Anwältin aus meinem Bekanntenkreis über das „Anforderungsprofil“, das sie mit der Quotenfrage auf sich zukommen sieht. Und eine Studentin im Examen, die gerade Mutter geworden ist, meint: „Mein Kind ist nur einmal klein. Wenn ich es in die Betreuung gebe, verpasse ich eine wichtige emotionale Erfahrung.“

STARKE LOBBY
Die Frauenquote hat in Berlin eine starke Lobby.
Der Landesfrauenrat spricht sich dafür aus, auch die überparteiliche Fraueninitiative unter Politikerinnen aller Fraktionen des Bundestags steht mit Berliner Frauenverbänden wie dem Verband der berufstätigen Frauen BPW und zahlreichen anderen hinter dem Vorschlag einer politischen Regelung, die eine deutlichere Sprache spricht als das Gleichstellungsgesetz des Landes Berlin. Vor allem die Unternehmen der Privatwirtschaft sollen endlich mindestens ein Drittel ihrer Spitzenpositionen mit Frauen besetzen.
Catherine_von_Fuerstenberg-DussmannInstitutionen wie die Berliner Justiz, die BVG, die BSR, der Landesrechnungshof, der Rundfunk Berlin-Brandenburg RBB verweisen nicht ohne Stolz auf ihre weiblichen Vorstände, Präsidentinnen, Intendantinnen. Bei privaten Unternehmen stoße ich eher auf Reserviertheit. Ursula Vierkötter, seit 2009 die Chefin des KaDeWe, steht 70 Prozent weiblichem Verkaufspersonal vor. Ihre Pressestelle teilt bedauernd mit, dass sie sich derzeit nicht zu der Frage äußern möchte, ob sie eine Frauenquote für die Spitzenpositionen in ihrem Haus befürwortet. Ähnlich vorsichtig verweist Catherine von Fürstenberg-Dussmann, Gattin des Gründers der Dussmann-Gruppe und Vorsitzende des Stiftungsrates, dem neben ihr fünf Manager angehören, auf ihre knappe Zeit, die es ihr unmöglich macht, auf die Frage einzugehen. Wichtig ist ihr laut Antwort ihres Büros, dass die Dussmann-Gruppe ganz ohne Quote 46 Prozent ihrer regionalen Führungspositionen mit Frauen besetzt habe. Ihr Statement zur Frauenquote ist deutlich: Die sei eine „unzulässige Einmischung in die unternehmerische Freiheit“.

STAGNATION SEIT JAHREN
Ein angemessener Anteil von Frauen in Spitzenpositionen, was heißt das eigentlich? Der offene Brief von Journalistinnen, die Anfang März eine Öffnung der deutschen Medienunternehmen für Frauen forderten, hat den zerknirschten Zuspruch vieler Männer der Branche gefunden. Am 8. März wurde wie immer zum Frauentag für Gleichberechtigung und gegen sexistische Gewalt plädiert, am 23. März, dem Equal Pay Day, war wieder einmal die leidige Tatsache, dass Männer durchschnittlich 23 Prozent mehr verdienen, in allen Medien Thema. Aber seit Jahren ändert sich nichts daran. Und auch der Abstand zwischen den wenigen Frauen, die sich auf der Karriereleiter bis hinauf durch die berüchtigte „gläserne Decke“ durchsetzen, und denen, die irgendwann zurückstecken, wird immer größer.

Ein kalter März-Abend. Im weiß gedeckten Nebenraum eines unscheinbaren Schöneberger Hotels hat der BPW, der Verband berufstätiger Frauen, zu einem Gespräch zum Thema Karriere gebeten. Der BPW bietet auch Workshops, in denen Frauen ihr Verhandlungsgeschick trainieren, um eine bessere Bezahlung durchzusetzen. Doch heute ist eine Managerin eingeladen, die es geschafft hat. Sigrid_NikuttaSigrid Nikutta, seit 2010 mit zwei Kollegen im Vorstand der Berliner Verkehrsbetriebe BVG, erläutert den rund 30 Frauen unterschiedlichen Alters ihre Arbeitsgebiete.
Als die 43-jährige promovierte Psychologin im dunklen Hosenanzug eintritt, wird unmittelbar klar, dass sie direkt auf ihre Zuhörerinnen einzugehen versteht. Ihr Dissertationsthema „Mit 60 im Management – Vorstand oder altes Eisen?“ erntet anerkennendes Schmunzeln, dann schüttelt sie ihren zahlenstarken Vortrag über die BVG, ihre Technik und ihre Leistung leger aus dem Ärmel. Zuerst bewarb sie sich bei der Deutschen Bahn und nach einem Zwischenspiel bei deren polnischem Logistik-Zweig für den Vorstand bei der BVG. „Angenommen habe ich den Posten nur unter der Bedingung, dass man mir auch die Leitung der Technik überträgt“, betont Nikutta.

KLEINE ENTSCHEIDUNGEN HELFEN
Sie ist stolz darauf, den Anteil der Busfahrerinnen seit 2010 von sieben auf elf Prozent gesteigert zu haben
. Den Ausschlag dafür gab eine Änderung des Ausschreibungstextes, in dem zuvor ein technischer Beruf als Voraussetzung gefordert war. „Abschreckend für Mädchen, aber nicht notwendig, weil wir sie ja selbst ausbilden.“ Mit kleinen Entscheidungen wie dieser komme man in der Gleichstellungsfrage voran, meint die Managerin. Deshalb findet sie Frauenquoten gut, hat jedoch Verständnis dafür, dass Ausschreibungsverfahren in eingefleischten Männerdomänen dann aufwendiger und lästiger sind. Daher, meint sie, rührt die meiste Abwehr. Sie selbst hat Übung darin, dass Männer, die nie mit einer Chefin zusammenarbeiteten, zunächst unsicher reagieren. „Aber das gibt sich“, ist sie überzeugt.
Erst spät kommt die Rede auf das Thema, wie denn die vierfache Mutter die Kinderbetreuung organisiere. Nikutta erklärt geduldig, dass ihre größeren Kinder normale Kindergärten besuchten und die Kleinen bei ihrem Mann zu Hause versorgt würden. „Mein Mann macht seine Arbeit von zu Hause aus, und ich dringe darauf, dass ich im Durchschnitt gegen 18 Uhr das Büro verlasse. Das freut auch meinen Kollegen, der kleine Kinder hat.“

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