Stadtleben

Berlin: Stadt der Zeichner

Ausstellung_Comics-in-Berlin_-credit-Tim_DinterWer schon einmal eine Zeichnung von Henning Wagenbreth etwas länger betrachtet hat, der kennt das Gefühl der visuellen Überreizung. Dieses nervöse Flimmern vor den Augen.
So muss man sich auch die Welt der Berliner Zeichner vorstellen. Als buntes Durcheinander, als ein mit Querverweisen und Referenzen gespicktes Wimmeluniversum mit Straßen, Gassen, Irr- und Abwegen, die alle zu gänzlich neuen Bilderwelten führen. Zu Ataks neoexpressionistischen Punkgemälden, zu Aisha Franz’ skurrilen Strips, zu ­Anke Feuchtenbergers beklemmenden Schwarz-Weiß-Szenarien, zu Mawils Geschichten von den Tücken des Lebens oder zu Nettmann, dem naiven Anti-Superhelden.

Brachiale, provozierende, kunstvolle und abgründige Comics, Illustrationen und Graphic Novels durchströmen und prägen die Stadt. Das Phänomen ist gerade auf einem ersten Höhepunkt angekommen. Und mit Recht lässt sich behaupten: Berlin ist die Stadt der Zeichner!

Graphic_Peter_Auge_Lorenz_GendarmenmarktDie Wende als Katalysator

Den Beginn des heute spürbaren Aufschwungs markierte die Wende, die eine Explosion an zeichnerischer Qualität mit sich brachte. Nach dem Fall der Mauer betrat eine neue Welle von Leuten aus dem Ostteil die Bühne. Sie stießen auf die leicht verschlafene Comicszene West-Berlins, in der vor allem Seyfrieds „Haschrebellen“ den
Ton angaben, und lüfteten ordentlich durch, ­wovon dann die Zeichner aus West wie Ost gleichermaßen profitierten.
In den frühen Neunzigern erschienen die ersten Cartoons von Fil und OL
, die mit einer guten Prise Anarchie, präzisem Blick und absurdem Humor eine zeitgemäße Antwort auf die „Titanic“-nahen Satiriker der Neuen Frankfurter Schule abgaben. Fanzines, Verlage und Künstlergruppen wie die PGH Glühende Zukunft wurden gegründet, und ein Kollektiv um Peter „Auge“ Lorenz und Björn Trebeljahr eröffnete die Comicbibliothek Renate, die mittlerweile beeindruckende 15?000 Comicbände und Sekundärliteratur zum Verleih anbietet.

Pop Art und Clubkultur

In der Galerie Berlintokyo tummelten sich damals neben DJs, Musikern und schrillen Hedonisten auch Jim Avignon, Evelin Höhne und Lillian Mousli. Sie entwarfen einen grellen, gut gelaunten Underground-Mix aus Pop Art und Clubkultur, der sich auf Flyern, Plakaten, Plattencovern, Lein- und Kneipenwänden sowie in Heften und Büchern niederschlug.
„Die Neunziger haben die Comicsprache und die Zeichenstile radikalisiert und eine neue Ästhetik hervorgebracht“, sagt Jutta Harms von Reprodukt, einer der führenden Comicverlage im deutschsprachigen Raum, Standort Wedding, der ebenfalls in jener Ära entstand.

In den letzten zehn Jahren folgte auf das produktive, aber leicht chaotische Treiben der 90er eine Professionalisierung und ­Internationalisierung. Berlin ist längst ein Spot, der weltweit Kreativität anzieht. Ein Ort, an dem die Grenzen durchlässiger sind und neue Tendenzen schneller nach oben kommen. Heute entstehen hier Agenturen wie 2agenten, die sich um die Vermarktung von Illustratoren kümmern.
Vor allem aber nimmt die Anzahl der Veranstaltungen zu. Ein richtiges Comicfestival hat Berlin trotz einiger Anläufe zwar immer noch nicht, dafür aber eine Reihe an Messen, Festen und Märkten.
Das Pictoplasma Festival erforscht die Möglichkeiten des Character Designs und gleicht jedes Jahr mehr einem durchgeknallten Zoo für Helden, Monster und Maskottchen. Die Illustrative stellt die Illustratoren in den Mittelpunkt. Bei der charmant-alternativen Comicinvasion treffen sich die hiesigen Verlage und Labels mit Autoren und Fans. Am 24. und 25. August finden die zweiten Berlin Graphic Days im Kater Holzig statt.
Graphics_mawil_fahnenappellUnd auch bei den Märkten für handgemachtes Design wie dem Handmade Supermarket oder Holy Shit Shopping werden Zeichnungen angeboten.
Viele Galerien stellen ganz selbstverständlich Werke von Comiczeichnern und Illustratoren aus. Einige, wie die Galerien Neurotitan und Ida Illuster, haben sich auf das Gebiet sogar spezialisiert. Und die Comicläden Modern Graphics und Grober Unfug sind zu renommierten Umschlagplätzen für die Publikationen geworden.

Noch erstaunlicher ist die Situation bei den Verlagen. Sie wuchsen, gründeten sich neu oder zogen nach Berlin und öffneten ihre Programme für das Bild. Neben dem Platzhirschen Reprodukt und dem aufstrebenden Avant Verlag, die es schon immer wussten und in dem Bereich Pionierarbeit geleistet haben, beackern unter anderem Metrolit, der Gestalten Verlag und neuerdings auch Suhrkamp das Feld.
Suhrkamp, die literarische Heimat von Pop-Avantgardisten wie Rainald Goetz, Thomas Meinecke und Dietmar Dath, vermochte schon in der Vergangenheit frühzeitig kulturelle Verschiebungen zu erkennen. Dass der Verlag von Adorno, Beckett und Celan nun Ulli Lusts grafische Adaption von Marcel Beyers Roman „Flughunde“ veröffentlicht hat und Olivia Vieweg Mark Twains „Huck Finn“ zeichnen ließ, sagt jedoch viel über den Stellenwert der Illustration und der Graphic Novel aus.

Das Genre tritt aus der Nische. Dafür spricht auch das Programm des diesjährigen Internationalen Literaturfestivals Berlin (ilb), das neben einem Graphic Novel Day eine Ausstellung mit dem Titel „Comics aus Berlin. Bilder einer Stadt“ präsentiert.
„Man gilt heute nicht mehr als bildungsfern, wenn man ein Buch liest, in dem neben dem Text, in welcher Form auch immer, Bilder vorkommen“, stellt Jutta Harms befriedigt fest. Ein Trend, der in Berlin besonders stark ausgeprägt ist, im Prinzip aber weltweit gilt und auf mehreren Faktoren gründet. Der amerikanische Comic-Künstler und MacArthur Fellow Ben Katchor misst dabei dem Internet eine tragende Rolle bei: „Es hat unsere Sehgewohnheiten aufgebrochen und unsere Ästhetik reformiert.“
Hinzu kommen ein Generationswechsel in den Feuilletons, das Ende der strengen Trennung zwischen Hoch- und Popkultur sowie eine gewisse Ermüdung an der Allgegenwärtigkeit der Fotografie.

Der Verleger Peter Graf erforscht bei Metrolit den Grenzbereich zwischen Comic, Literatur und Illustration und hat in den letzten Monaten eine ganze Reihe an hoch spannenden Werken veröffentlicht, etwa der beiden Berliner Autorinnen Danielle de Picciotto („We Are Gypsies Now“) und Kitty Kahane („17. Juni – Die Geschichte von Armin und Eva“). Auch er sieht die Bedeutung der Illustration permanent zunehmen: „In den Magazinen wird für sie mehr Raum geschaffen, an Stellen, wo früher noch die Fotografie zur Bebilderung hinzugezogen worden wäre“.
Die großen Tageszeitungen und speziell deren Wochenendausgaben und Magazine, etwa die „Neue Zürcher Zeitung“, „Süddeutsche“, „Frankfurter Allgemeine“ und „Die Zeit“, tragen erheblich zu dem Aufschwung bei, weil sie die Fläche zur Verfügung stellen und die Arbeit honorieren.

Stichwort Geld. Bei allem Jubel ist das Überleben als Zeichner in Berlin kompliziert, und man muss ständig auf mehreren Hochzeiten tanzen. Fast jeder illustriert, macht Comics, arbeitet hin und wieder für Werbung, Medien oder die Galerie, manche haben eine Professur oder sind in verwandten Bereichen tätig – als Musiker, Drehbuchautor oder, wie Fil, als Bühnenentertainer. Internationale Karrieren sind selten. Der Illustrator Christoph Niemann hat es in New York geschafft und Titelseiten für den „New Yorker“, „Atlantic Monthly“ und das Magazin der „New York Times“ gestaltet. Ulli Lusts „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ ist eine der wenigen deutschen Graphic Novels, die in den USA erschienen sind – und die dort zu Recht bejubelt wird.
Der gebürtige Koblenzer Marko Djurdjevic, der nach längerem Kalifornien-Aufenthalt nach Berlin zog und hier sein Studio betreibt, hat bei Marvel Superheldencomics im großen Stil gezeichnet und mehr als 300 Cover für „Spider Man“, „Captain America“ sowie „Wolverine“ entworfen. Und Marie Sann gilt in der Manga-Welt als Star, allen voran dank ihrer zweibändigen „Krähen“-Saga. Doch das sind die Ausnahmen. „Wer sich als Illustrator begreift und davon leben möchte, muss flexibel sein und den Bogen zwischen freiem und angewandtem Arbeiten meistern können“, sagt Peter Graf. „Rein vom Comic leben in Deutschland vielleicht ein paar Dutzend Leute, in Berlin sind da Reinhard Kleist, Flix, ©TOM, Ulli Lust, Hansi Kiefersauer und Sascha Wüstefeld zu nennen“, ergänzt Jutta Harms.

Selbst wenn die Verlage Vorschüsse bezahlen, ernähren können sie den Autor einer Graphic Novel wohl kaum. Die Fakten sprechen für sich: Verkauft man 5?000 Bücher zu einem Ladenpreis von 20 Euro, ist das enorm viel. Zehn Prozent davon gehen an den Autoren, das sind 10?000 Euro für zwei bis drei Jahre Arbeit. Der Standortvorteil von Berlin ist, dass das Leben hier noch verhältnismäßig günstig ist. Aber das kann sich schneller ändern, als man denkt.

Porträts von Zeichnern und Zeichnerinnen

 

Text: Jacek Slaski
Graphiken: Tim Dinter, Peter „Auge“ Lorenz, Mawil

Graphic Novel Day
Beim Graphic Novel Day des Internationalen Literaturfestivals sprechen der österreichische Comicautor ­Nicolas Mahler, der Belgier Brecht Vandenbroucke und OL über die Kunst des Witzes. Den literarischen Comics widmen sich der Italiener Manuele Fior, dessen kunstvolle Bücher beim Avant Verlag erscheinen, sowie die Berliner Flix und Tim Dinter, und über die Möglich­keiten und Grenzen der Graphic Novels diskutiert Gabi Beltrбn aus Spanien mit der Schweizern Kati Rickenbach und der Berlinerin Ulli Lust. Am Abend geben die Zeichnerin Danielle de Picciotto und der Musiker Alexander Hacke eine auf der Graphic Diary „We Are Gypsies­ Now“ basierende Musikperformance.

Haus der Berliner Festspiele, Schaperstraße 24, Wilmersdorf, 8.9., 11–23 Uhr

Ausstellung: „Comics aus Berlin. Bilder einer Stadt“

Berlin als Inspirationsquelle für lokale und internationale Comiczeichner steht im Mittelpunkt der von Mona Koch und Jens Meinrenken kuratierten Ausstellung, die im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals zu sehen sein wird. Illustrationen, Comics und Graphic Novels zeichnen dabei die Entwicklung der Stadt nach. Von der stilistischen und thematischen Vielfalt zeugen die Beiträge von Anke Feuchtenberger, Atak, Fil, ­Reinhard Kleist, Mawil, Aisha Franz, Peter „Auge“ ­Lorenz und vielen mehr.

Haus der Berliner Festspiele, Schaperstraße 24, Wilmersdorf, 3.–15.9., tgl. 15–22 Uhr, Eintritt: 5Ђ

 

Interview mit Pascal Johanssen zur Illustrative 2013 im Direktorenhaus

 

Wichtige Adressen

Comicbibliothek Renate, Tucholskystraße 32, Mitte

Grober Unfug Torstraße 75, Mitte und Zossener Straße 33, Kreuzberg

Modern Graphics Oranienstraße 22, Kreuzberg

neurotitan shop & gallery im Haus Schwarzenberg, Rosenthaler Straße 39, Mitte

Ida Illuster www.idailluster.net 

 

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