Stadtleben

Berlin wird internationaler

Ein normaler Tag auf der Münzstraße, gut­gelaunte Brillen– und Bartträger tummeln sich in Läden und Cafйs. Nur bei American Apparel herrscht gerade Eiszeit an der Theke. Und schuld bin ich. Ich versuche also, nochmals zu resümieren, was mir die genervte Dame hinter dieser Theke gerade erklären wollte – es hatte irgendwas mit Rabatten bei T-Shirts gleicher Machart zu tun, also im weitesten Sinne: drei kaufen, zwei bezahlen. Oder zweieinhalb?

So genau hatte ich es eben nicht verstanden – daher ihr Unmut, den sie mit „But I’ve already told you!“ auch zum Ausdruck brachte. Und sie hatte ja Recht. Nicht nur, dass sie mit mir englisch wie mit einem Kleinkind sprechen musste, nein, jetzt meldete ich auch noch Sonderwünsche an. Ich wollte einen deutsch sprechenden Verkäufer – in einem Geschäft in Berlin-Mitte. Wir einigten uns mit Augenrollen ihrerseits darauf, dass sie eine skandinavische Kollegin holt. Diese sprach jetzt nicht wirklich deutsch, war aber sehr viel freundlicher und erklärte mir fröhlich, warum das bei American Apparel mit der deutschen Sprache auch nicht mehr notwendig ist: „We are so international here!“

Das stimmt. Jedenfalls in dem kleinen Berliner Kosmos, in dem ich mich privat und beruflich oft bewege, gibt es keinen Grund, daran zu zweifeln: In Mitte und Umgebung ist es leichter, Pastrami-Sandwiches Brooklyn-Style oder Flat-White-Coffee neuseeländischer Machart in der dazugehörigen Sprache zu erwerben als Käsebrötchen und Fassbrause in der deutschen. Speisekarten gibt es nicht nur beim Koreaner YamYam ausschließlich auf Englisch, Diskussionsrunden bei Festivals wie dem DMY sind es selbstverständlich auch. Und bei The Barn werden fürsorglich nicht nur Kleinkinder, sondern auch die deutsche Sprache von den Kaffeekunden ferngehalten.
Dass man internationalen Touristen und Besuchern entgegenkommt, ist dabei auch gar nicht das Problem. Im Gegenteil, dieser Servicegedanke ist zunächst vollkommen richtig. Jeder, der schon mal in Moskau versucht hat, ohne Russischkenntnisse etwas zu essen zu kaufen oder einen Fahrschein zu erwerben, wird sich freuen, dass Besucher Berlin wieder verlassen können, ohne stundenlang unterzuckert am Hackeschen Markt umhergeirrt zu sein. Dazu behalten Touristen die Stadt dank „Delis“ und „Bakeries“ vielleicht auch kulinarisch in guter Erinnerung, denn das Essen dort geht oft über Berliner Imbissstandard hinaus.

Zudem herrscht in diesen international geführten Shops und Restaurants ein zuvorkommender Umgangston, den man als Berliner ebenfalls nicht mehr missen möchte – ganz abgehen davon, dass es dort gut gelaunte Kellner gibt, die einen offensichtlich gerne bedienen wollen und nicht von, nach ihrer Miene zu urteilen, feindlichen Mächten dazu gezwungen wurden. Und sie kommen sogar freiwillig auf einen zu!
Dann allerdings kann es schwierig werden – denn wie antwortet man auf ein „Are you guys ready to order“? Mit einem beherzten „Yes!“, plus dem Gefühl, sich zum Klops zu machen, wenn man sein Pastagericht dann auf Englisch bestellt? Oder mit einem vorsichtigen „Äh, sprechen Sie Deutsch?“, was man ja eher bei Rentnern auf Malle verorten würde.
Zusätzliche Irritation kommt auf, wenn links und rechts von einem die Englisch-Offerte des Kellners begeistert angenommen wird, und eben noch berlinernde Menschen ohne mit der Wimper zu zucken „dripping coffee“ statt Filterkaffee bestellen. Wo man sich gerade erst an die „Flat Whites“ und „Frappucinos“ gewöhnt hatte!

Da muss doch die Gegenfrage erlaubt sein – könnten sich die Servicekräfte und Speisekartenschreiber in Berlin nicht auch an Fachtermini wie „trockener Rotwein“, ­„Mengenrabatt“ oder „Senf“ gewöhnen? Man möchte mit ihnen ja nicht über Thomas Mann diskutieren, aber es gibt auch unter Berliner Besuchern nicht wenige, die unangenehm lange in ihrem Kopf nach der Übersetzung von Senf kramen müssen.
Oder nach der von Apfelsaftschorle. In diesem Sinne: Apple Juice Spritz, anyone? 

Text: Iris Braun

Kultur und Freizeit in Berlin

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