• Stadtleben
  • Von Bernburger Mosaik bis Bischofsmützen: Warum Berlins Gehwege so aussehen, wie sie aussehen 

Architektur

Von Bernburger Mosaik bis Bischofsmützen: Warum Berlins Gehwege so aussehen, wie sie aussehen 

Gehwege bekommen in Berlin meist nur dann Aufmerksamkeit, wenn es darum geht, wie dreckig die Straßen der Stadt sind. Dabei sind sie faszinierend – wenn man die Muster erkennt: Wir zeigen euch die Besonderheiten.

Die Steine an den Seiten dieses Berliner Gehwegs heißen aufgrund ihrer Form „Bischofsmützen“. Foto: Makar Artemev

Berliner Gehwege: Gepflastert sind sie erst seit 200 Jahren

Wir alle laufen täglich darüber, aber den wenigsten fällt das besondere Muster auf Berlins Gehwegen auf. Das Muster gliedert sich in drei Teile: Zunächst, direkt an den Häusern und Haustüren, ist der Bürgersteig im Kopfsteinpflasterstil angelegt, bestehend aus einem Mosaik aus kleinen, fast quadratischen Steinen. In der Mitte, dem eigentlichen Gehweg, sind die Pflastersteine größer. Zum Bordstein hin kehrt das Mosaikmuster dann wieder zurück. Diese einfache Struktur wurde vor etwa 200 Jahren in Berlin eingeführt und wird seitdem mit geringfügigen Änderungen beibehalten. 

Der mittlere Streifen der Berliner Gehwege entspricht in der Regel zwei Grundtypen. Bei älteren Straßen besteht dieser mittlere Streifen aus schweren Granitquadern. Bei Straßen, die nach 1900 angelegt wurden, sieht man ein standardisiertes Rautenmuster aus 35 mal 35 Zentimeter großen Platten aus Kunststeinmischung und Randsteinen, die zu einer Reihe von fünfeckigen Polygonen geformt sind. Diese sind aufgrund ihrer Form als „Bischofsmützen” bekannt. 

Die meisten der schweren Granitsteine, die mittig in den älteren Berliner Bürgersteigen verlegt sind, stammen aus Schlesien, aus der Nähe von Breslau. Sie wurden vermutlich Mitte des 19. Jahrhunderts auf Lastkähnen über die Spree und die Oder in die Stadt gebracht. Das Gestein ist mehr als 300 Millionen Jahre alt und entstand aus unterirdisch abgekühltem und erstarrtem Magma. Mit roten und schwarzen Verfärbungen durch Eisenablagerungen, Quarz und Feldspat übersät, sehen diese Platten auf der Oberseite aus wie glatte Steinkissen; darunter bleiben sie in ihrem zerklüfteten Urzustand. 

Das besondere Berliner Gehweg-Muster: kleine Pflastersteine an den Seiten, große Granitplatten in der Mitte. Foto: Frank Peter Jäger

Die kleineren Mosaiksteine an den Seiten waren ursprünglich nicht, wie heute, aus Granit, sondern aus Kalkstein, der in Bernburg an der Saale abgebaut wurde. Deshalb sind diese Steine auch als Bernburger Mosaik bekannt. Die kleinen Steine – jeder zwischen 4 und 6 Zentimeter groß – werden von Straßenarbeitern in Zweier- oder Dreierteams im Knien in den Sand gelegt. Diese Arbeit erfordert höchste Präzision: Der Abstand zwischen den Steinen darf nicht mehr als 6 Millimeter betragen. Ein erfahrener Arbeiter kann so an einem Tag zwischen acht und zehn Quadratmeter Pflasterfläche fertigstellen. Außerdem folgt das Mosaik einem speziellen Muster – ein äußerer Rand aus Steinen verläuft parallel zum Bordstein oder zu den Häusern, während die Steine in der Mitte in einem Winkel von 45 Grad verlegt sind. 

Mit der Pflasterung der Gehwege konnten die Menschen Berlin neu erleben

Die Bepflasterung der Berliner Gehwege wurde nicht etwa durch eine städtische Verordnung vorgeschrieben, sondern vielmehr von einer lokalen Weinstube angestoßen. Das Lokal „Lutter & Wegner“ am Gendarmenmarkt war 1825 der erste Ort in Berlin, der auf diese Weise Steine verlegte. Davor waren die Straßen entweder unbefestigt oder in unregelmäßigen Abständen mit spitzen Steinen übersät, sodass schon ein kurzer Spaziergang recht schmerzhaft sein konnte. Mit der Pflasterung der Bürgersteige begannen die Menschen, die Stadt neu zu erleben: Nun konnte die Mittelschicht auf den Straßen flanieren und die moderne Stadt genießen – die gepflasterten Gehwege brachten somit den Flaneur hervor. 

  • Dieser Artikel erschien zuerst auf The Berliner und basiert auf Frank Peter Jägers Buch über Berliner Stadtgestaltung „Berlin – Die Schönheit des Alltäglichen“, erschienen im Jovis Verlag

Lust auf noch mehr Berlin?

Alles ist im Wandel: Diese Dinge sind (fast) aus Berlin verschwunden. Kleine Touri-Tour gefällig? Wir haben im beliebtesten Reiseführer der 1920er-Jahre geblättert. Ein eleganter Streifzug durch die Stadt: Das sind die wichtigsten Villen in Berlin. Die Vielfalt der Erleichterung: Hier findet ihr besondere öffentliche Toiletten in Berlin. Die wohl schönsten öffentlichen Toiletten nennt man in Berlin Café Achteck – wir blicken auf ihre Geschichte. Neuer Wind im stillen Örtchen: Wozu ehemalige Toiletten in Berlin heutzutage genutzt werden. Alles zum Leben in Berlin gibt es in unserer Stadtleben-Rubrik. Weiteres aus Berlins Vergangenheit findet ihr in unserer Geschichts-Rubrik.

Tip Berlin - Support your local Stadtmagazin