• Stadtleben
  • Berliner Kulturschaffende unterzeichnen „Erklärung der Vielen“

Aktionsbündnis

Berliner Kulturschaffende unterzeichnen „Erklärung der Vielen“

Mehr als 130 Berliner Kulturinstitutionen haben die „Erklärung der Vielen“ unterschrieben. Und verpflichten sich zu konkreten Maßnahmen gegen Angriffe auf die Kunstfreiheit

Pressekonferenz im Max-Liebermann-Haus. Foto: Xenia Balzereit

Vor einem Jahr erhielt der Friedrichstadt-Palast eine Bombendrohung von Rechtsradikalen und Intendant Bernd Schmidt musste 1.800 Gäste und 200 Mitarbeiter evakuieren. Damals wartete Schmidt vergeblich auf Solidaritätsbekundungen. Jetzt aber haben sich 130 Berliner Kulturinstitutionen auf Initiative des Vereins „die Vielen“ zum bislang größten Bündnis innerhalb der Kulturszene zusammengeschlossen und die „Berliner Erklärung der Vielen“ im Max-Liebermann-Haus vorgestellt. „Wir sind eine große Institution“, sagte Schmidt. „Wie muss sich so was erst für kleine Einrichtungen anfühlen?“ Oder für Theater, Konzerthäuser oder Museen außerhalb vom liberalen Berlin? „Wir sind hier eine Insel der Glückseligen“, sagt Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, in seiner Rede. „Aber je kleiner der Ort, desto größer wird die Bedrohung von rechts.“

Mit der Erklärung wehren sich die Unterzeichner*innen gegen Versuche von Rechten, die Kunstfreiheit einzuschränken, und zeigen sich solidarisch mit allen Kulturschaffenden, die sich rechtem Denken entgegenstellen. In Berlin und in ganz Deutschland, in der Stadt und auf dem Land. Wie zum Beispiel in Dresden, Hamburg und Düsseldorf oder im Land Thüringen, wo Kulturinstitutionen die selbe Erklärung unterschrieben haben. In der Erklärung verpflichten sich die Einrichtungen, künftig Demos, Aktionstage, Dialogforen und Mahnwachen gegen rechts mit zu organisieren und Projekte gegen rechts mit finanziellen Mitteln zu unterstützen. Bei der Vorstellung der Erklärung bekam Zimmermann Unterstützung von acht weiteren Vertretern der Berliner Kulturszene wie Annemie Vanackere vom HAU und Kathrin Röggla von der Akademie der Künste.

In einer Sache waren sich die Vertreter der Kultureinrichtungen einig: Angesichts des Rechtsrucks sei es unabdingbar, zusammenzuhalten. Klare Kante zu zeigen gegen die Versuche der Rechten, Spielpläne zu beeinflussen und Veranstaltungen zu stören. Und nicht einzuknicken angesichts des Drucks von rechts wie kürzlich die Intendantin der Bauhaus-Bühne in Dessau, die das Konzert der Punkband „Feine Sahne Fischfilet“ aus Sorge vor rechten Protesten absagte. Und auch noch vom sachsen-anhaltinischen Kulturminister Rainer Robra (CDU) darin unterstützt wurde. „Das kommt einem Bekenntnis des Staates gleich, dass er Kultureinrichtungen nicht mehr zu schützen und ihre Kunstfreiheit nicht länger zu garantieren vermag“, sagte Zimmermann.

Manche der Anwesenden richteten ihre Kritik aber auch an die Kulturinstitutionen selbst. Zum Beispiel Marc Grandmontagne vom Deutschen Bühnenverein. Der betonte zwar, dass man sich gegenseitig bestärken müsse und es rote Linien gebe, die nicht überschritten werden dürfen. Er rief aber auch zum Dialog mit den Menschen auf. Auch mit solchen, die den Rechtspopulisten auf den Leim gegangen seien. „Wir müssen uns fragen, in welcher Verbindung die Kultur zur Bevölkerung steht. Sind wir manchmal zu abgehoben? Haben wir uns zu unserem eigenen Mittelpunkt erklärt?“

Und Shermin Langhoff vom Gorki Theater fragte: „Was haben die Kulturinstitutionen bis jetzt konkret gegen rechts getan? Wie viele Bühnen haben sich zum Beispiel bereit erklärt, die NSU-Tribunale zu zeigen?“ Die Tribunale sind ein partizipatives Theaterstück des Aktionsbündnisses „NSU-Komplex auflösen“. Sie weisen darauf hin, dass eine „lückenlose Aufklärung“ des NSU-Komplexes noch lange nicht erfolgt ist und klagen die Täter an – auch jene in den Ämtern, Gerichten und bei der Polizei.

Auf jeden Fall beweist die Erklärung der Vielen, dass die Kulturschaffenden gegen Rassismus und Diskriminierung zusammenstehen: „Wenn die Rechten einen von uns angreifen, haben sie jetzt uns alle an der Backe“, sagt Zimmermann.

Mehr über Cookies erfahren