• Stadtleben
  • Berliner Schulen in sozialen Brennpunkten – Teil 2

Stadtleben

Berliner Schulen in sozialen Brennpunkten – Teil 2

hector-petersen-schuleTatsächlich ist einiges passiert. Die Klassen wurden verkleinert. Es gibt jetzt statt 29 Schüler, wie zuvor in den Gesamt- und in den Realschulen, in den Sekundarschulen nur noch 25 Schüler pro Klasse. Überdies wurden alle 105 Berliner Sekundarschulen in Ganztagsschulen umgewandelt. Ein Katalog von sinnvollen begleitenden Maßnahmen wie etwa das praxisorientierte, duale Lernen wurde entwickelt. Ab dem Jahr 2015, wenn alle Maßnahmen greifen, wird das Land Berlin jährlich 23 Millionen Euro mehr für seine Schulen ausgeben. Das ist keine geringe Summe.

Für Geschwandtner geht es bei all den Reformen aber nicht nur um bessere Bedingungen für die Schüler, sondern auch für die Lehrer. Sie redet von Schulentwicklern, von Supervision und Coaching. Davon, dass Lehrer zu wenig für sich selber tun, dass sie noch zu wenig verstehen, wie sehr sich ihr Aufgabengebiet verändert hat, und dass sie – ebenso wie Psychologen, für die Supervision verpflichtend ist – seelische Unterstützung, einen professionellen Rahmen zum Aufbereiten und emotionalen Auftanken brauchen. „Wenn ich meinen Blick auf das Kind ändere, wenn ich als Lehrer als Erstes frage: Was braucht das Kind?“, sagt die Ex-Schuldirektorin, „dann muss ich auch wissen: Was brauche ich selbst?“

Die Dinge, die Geschwandtner vorstellt, klingen richtig und überzeugend. Nur, warum kommt so wenig von ihrer Aufbruchsstimmung in jenen Schulen an, die es am meisten betrifft, den Schulen in den sozialen Brennpunkten? Warum werden all die zusätzlichen Mittel und Maßnahmen dort nicht als Segen gefeiert? Warum ist Heike Essert so frustriert von ihrer Arbeit? Und warum wirkt Dietmar Pagel, der Direktor ihrer Schule, ein Mann mit einem klugen, feinen, gütigen Gesicht, so resigniert und müde, sobald es um Fragen zu den Arbeitsbedingungen geht? Die Hector-Peterson-Schule liegt am Tempelhofer Ufer, im ruhigen und eher unhippen Teil von Kreuzberg. Die Lehrer sind engagiert dort, sie lassen sich einiges einfallen, sie machen einen guten Job. Aber wenn man die Schule öfter besucht, häufiger mit den Beteiligten spricht, versteht man: Die Resignation hat nicht nur mit der sich schleichend verschlechternden sozialen Situation der Schüler oder mit fehlender Supervision zu tun, sondern mit Aushöhlung. Denn obwohl so viel über die Schulen in sozialen Brennpunkten gesprochen wird: Faktisch fühlen sich die Lehrer dieser Schulen vom Land Berlin schon seit Jahren im Stich gelassen.

Die große Sekundarschulreform ist dabei eine bittere Pille von vielen. Denn tatsächlich profitieren von der Reform nicht die Schulen in den schwachen, sondern vor allem die in den besseren Bezirken der Stadt. Dort haben die zu Sekundarschulen umgewandelten früheren Gesamtschulen jetzt statt 29 Schülern nur noch die besagten 25 – bei einer eher unproblematischen Schülerschaft. In den ehemaligen Hauptschulen dagegen, die vorwiegend in den ärmeren Bezirken angesiedelt sind, verhält es sich genau umgekehrt. Dort lag der Schlüssel früher bei 17 Schülern pro Klasse. Jetzt, als Sekundarschule, liegt er, bei weitgehend unveränderter Schülerschaft, bei 25. Sozial gerecht ist das nicht.

Man will es den Schulen nicht zu leicht machen, sie sollen um eine besser durchmischte Schülerschaft kämpfen – das ist der Plan dahinter. Denn sicher, ein homogenes sozial schwaches Umfeld hat eine fatale Wirkung auf die Schüler. In Charlottenburg und Wilmersdorf dürfte sich der von der Senatsverwaltung geforderte Mischungsprozess auch nicht allzu schwierig gestalten. Aber was ist mit Neukölln und Wedding, Marzahn und Hellersdorf, Kreuzberg und Moabit? Wie soll man da eine andere Mischung hinbekommen, wenn gar nicht genug entsprechende Schüler im Bezirk wohnen? Und die Eltern aus guten Gründen ihre Kinder in diesen Bezirken wenn möglich lieber auf das Gymnasium als auf eine Sekundarschule schicken? Einen Ausgleich für die deutlich schwierigere Situation gibt es für die betroffenen Schulen nicht.

Für Dietmar Pagel ist es nur ein Punkt auf einer langen Liste von Enttäuschungen. „Es wird viel geredet“, sagt er, „aber Anerkennung und Unterstützung für das Mehr, das an einer Schule wie unserer geleistet wird, gibt es nicht.“ Auch das zehrt aus. Dietmar Pagel möchte eigentlich nicht, dass seine Schule als Problemschule begriffen wird. „Hier sitzen die Facharbeiter von morgen, die Deutschland doch so dringend braucht“, sagt er. Sie könnten es zumindest sein, ja, wenn sie nur ausreichend gefördert würden – und wenn man seine Schüler als positives Potenzial begreifen würde, in das zu investieren sich lohnt.

Der Parteienstreit um die Bildung sei vorbei, titelte unlängst die Wochenzeitung „Die Zeit“. Über wichtige Reformen, wie etwa die Einführung des zweigliedrigen Schulsystems, hätte man sich inzwischen in fast allen Bundesländern einigen können. Jetzt müsse man sich der wichtigsten Herausforderung stellen: der besseren Förderung der Bildungsverlierer. Denn in wenigen Jahren seien in den Ballungszentren 50 bis 70 Prozent der Grundschüler Kinder von Zuwanderern, die vorwiegend schwächeren Sozialschichten angehören. Um hier einen längst aktiven fatalen Kreislauf zu durchbrechen, brauche es eine konzertierte Aktion in der Bildungspolitik, die die Kultusminister allein nicht stemmen könnten. Auch die Sozialminister, die Finanzminister und Regierungschefs, die Länder und die Kommunen ebenso wie der Bund seien gefordert. Es müsse etwa eine Sprachförderung, wie es erfolgreiche Einwanderungsländer wie zum Beispiel Kanada vormachen, von der Geburt bis zum Ende der Schulzeit geben.

Tatsächlich hat das Land Berlin aber gerade die Stunden für Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf von drei Stunden pro Kind auf 2,3 Stunden heruntergestuft. Zwar wurde der Stundenpool nicht reduziert. Aber die Zahl an Schülern, denen eine Lese-, Schreib- oder Rechenschwäche attestiert wird, wächst ständig. Und statt den Stundenpool zu erhöhen, werden die vorhandenen Stunden jetzt einfach auf mehr Köpfe verteilt.

zurück | 1 | 2 | 3 | vorwärts

Foto: Erik-Jan Ouwerkerk

Mehr über Cookies erfahren