• Stadtleben
  • Berliner Schulen in sozialen Brennpunkten – Teil 3

Stadtleben

Berliner Schulen in sozialen Brennpunkten – Teil 3

hector-petersen-schuleAuch durch Ursula von der Leyens Bildungspaket – beschränkt dadurch, dass die Bundesregierung nicht in die Länderhoheit eingreifen darf – ist keine Abhilfe in Sicht. Denn das groß angelegte Nachhilfepaket für bedürftige Schüler funktioniert nicht. Stattfinden soll diese Nachhilfe nach der Schule, also ab vier Uhr, wenn die Kinder müde sind, sich nicht mehr konzentrieren können und schlicht nicht mehr wollen. Das Konzept ist kontraproduktiv.

Dietmar Pagel hofft hier auf Überarbeitung. Wenn das Land Berlin erlauben würde, diese Gelder einzusetzen, um Stützungsmaßnahmen wie Nachhilfe oder andere sozialpädagogische Betreuung für den Unterricht einzukaufen, das wäre eine Chance. Sie könnten dann eine Nachhilfeorganisation oder einen sozialen Träger beauftragen, sodass zusätzlich Leute in den Unterricht kommen. Früher war die doppelte Besetzung von Lehrern in einer Schulstunde, die sogenannte „Doppelsteckung“, an der Hector-Peterson-Schule die Regel. Aber immer öfter muss das gestrichen werden. Wegen Krankheit und chronischer Lehrerunterbesetzung. Auch das ist so ein auszehrender Punkt und von der Verwaltung schlicht dumm gedacht.

Denn die Schulen in Berlin können die ihnen zustehenden Lehrerstellen nicht voll ausschöpfen. Kommen sie nur kurzfristig über die 100-Prozent-Marke, etwa weil Schüler die Schule vorzeitig verlassen, ist die Schulaufsicht angewiesen, ihnen Stunden, manchmal gar einen Lehrer abzuziehen. Die Jungen, Frischen, gerade erst Eingestellten natürlich. So ein Risiko will Dietmar Pagel, wollen auch die anderen Schuldirektoren nicht eingehen. Also fahren die meisten Schulen ihre Lehrerstellen freiwillig nicht über 98 Prozent. Das hat, gerade an den Sozialen-Brennpunkt-Schulen, wo immer in einer Situation von Überforderung gearbeitet wird, einen fatalen psycholgischen Effekt. Denn die Dauerbotschaft, vor allem, wenn dann noch mehrere Lehrer wegen Krankheit ausfallen, ist: Wir kriegen nicht einmal das, was uns zusteht.

Dietmar Pagel hatte gerade eine Stelle neu zu besetzen. Eigentlich sollten hier die besten Lehrer unterrichten, die mit großer sozialer Kompetenz, mit Zusatzqualifikationen. Aber von den 16 Lehrern, die Pagel angeschrieben hatte, antwortete überhaupt nur ein einziger. Die Arbeitsbedingungen an einer Schule wie der Hector-Peterson-Schule waren den anderen einfach zu kräftezehrend, zu perspektivlos, zu schlecht. Es ist auch das, was diejenigen Lehrer erzählen, die früher an Gymnasien unterrichtet haben: dass man der chronischen Unkonzentriertheit und Frustriertheit der Schüler nur mit einem eigenen enormen Kraftaufwand beikomme und man hier nach Schulschluss erschöpfter sei, als man es sonst kenne. Trotzdem gibt es an der Hector-Peterson-Schule viele Lehrer, die mit keinem Zehlendorfer Gymnasiallehrer tauschen möchten. Denn hier gibt es, wenn es gut geht, etwas anderes zurück. Zuneigung zum Beispiel, Dankbarkeit und das Gefühl, jemanden nicht nur zu einer Karriere, sondern zu einem besseren Leben verholfen zu haben. Nur die Bedingungen, unter denen sie hier arbeiten, die findet niemand gut.

Allein gelassen aber werden die Lehrer nicht nur von ihrer zuständigen Behörde, sie lassen sich auch gegenseitig allein. Das scheint auch im Gespräch mit Heike Essert durch. Oft bleibt bei ihr das Gefühl, dass es an ihr selbst liegt, wenn es mit den Schülern nicht gut klappt. Dass die anderen es besser machen. Eine fatale Situation.   

Teamfähigkeit, sagt die engagierte und praxiserfahrene Ex-Schuldirektorin Sabine Geschwandtner am Telefon, sei eine der wichtigsten Voraussetzungen, damit ein Lehrer, damit eine gesamte Schule heute gut arbeite. Aber teamfähig zu sein und teamfähig zu bleiben, zumal bei einem anstrengenden Job, das gibt es nicht umsonst. Es ist wie beim Sport, man muss daran arbeiten, und zwar regelmäßig. Wenn ein enttäuschter, resignierter Lehrer wieder neue Ziele hätte, dann käme auch der Elan wieder, sagt Sabine Geschwandtner dann noch. Sicher hat sie recht. Auch damit, dass es nicht nur um die Stunden geht, die man in eine Schule steckt. Aber andersherum gilt auch: Die Lehrer können das beste Team sein, aber wenn die Bedingungen nicht stimmen, wenn zwar ständig groß geredet wird, aber auch langfristig trotzdem zu wenig Hilfe kommt, dann hilft keine Teamfähigkeit, keine Supervision und nicht das tollste Engagement. Dann wird man, so sehr man sich dagegen auch stemmen mag, mit der Zeit einfach resigniert.

Text: Michaela Schlagenwerth

Foto: Erik-Jan Ouwerkerk

zurück | 1 | 2 | 3 |

Mehr über Cookies erfahren