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Stadtleben

Berliner Schulen in sozialen Brennpunkten

Heike Essert ist ratlos. „Früher war es besser“, seufzt sie. Die Deutschlehrerin der Kreuzberger Hector-Peterson-Schule sitzt in einem düsteren Klassenzimmer und zuckt mit den Schultern. Sie will so nicht denken. „Natürlich ist das verkehrt“, sagt sie. Aber früher war es an ihrer Schule tatsächlich besser. Damals, 1998, als sie 28-jährig gleich nach dem Referendariat hier begann. Nicht nur, weil der sogenannte „NdH“-Anteil, der Anteil an Schülern mit „nicht-deutscher Herkunftssprache“, noch nicht bei 97 Prozent, sondern „nur“ bei 80 Prozent lag.  

„Die Stimmung war anders“, sagt Heike Essert. Damals hat sie stärker an sich, an ihre Arbeit und auch noch an so etwas wie Multikulti geglaubt. Damals wäre es undenkbar gewesen, dass die Hälfte der Schüler sich dagegen sträubt, an einer Klassenfahrt teilzunehmen. Einfach, weil sie das vertraute Umfeld lieber nicht verlassen wollen. Aus einer Unsicherheit, einer diffusen Angst heraus, vermittelt von den Eltern, von denen 97 Prozent von staatlichen Zuwendungen leben. Der Notendurchschnitt war schon damals nicht toll, aber Heike Essert hatte noch nicht das Gefühl, an einer Schule zu unterrichten, die ein Sammelbecken für Schulversager ist. Für Schüler, die in der Grundschule nicht erfolgreich gelernt haben und denen nach sechs Jahren voller Misserfolge bereits alle Neugier, alle Anstrengungsbereitschaft verloren gegangen ist.

hector-petersen-schule„Wir kämpfen hier jeden Tag gegen den Unwillen, Angebote anzunehmen. Wenn man nicht jeden einzeln an die Hand nimmt und motiviert, passiert einfach nichts“, so Essert. Sie hat ein freundliches Gesicht und hennarot gefärbtes Haar. Eigentlich hat sie geglaubt, dass man als Lehrer mit der Zeit souveräner werde: „Aber tatsächlich ist es genau umgekehrt, man wird dünnhäutiger.“ Heike Essert arbeitet an einer Schule, die eigentlich ganz gut funktioniert. Jedenfalls, wenn man die Zustände ins Verhältnis setzt zu den fatalen sozialen Daten.

Am nächsten Morgen erscheinen immerhin die meisten Schüler pünktlich um halb neun Uhr. Es geht einigermaßen ruhig zu beim Morgenkreis, den sie hier täglich abhalten. Zügig werden die Tische nach hinten geschoben, wird ein Kreis gebildet und eine Blume in die Mitte gestellt. Alltägliches wird besprochen. Wie die Klassenfahrt, an der nach einigen Auseinandersetzungen nun doch fast alle teilnehmen werden. Heike Essert erzählt von der Lehrerdemonstration. Es wird namentlich aufgezählt, wer fehlt. Ein paar Nachzügler kommen, bevor der Unterricht beginnt. Seit einem Jahr gibt es diese Morgenrunde. Sie soll den Schülern helfen, besser in der Schule anzukommen. Es funkti­o­­­niert ganz gut, sagt Heike Essert.

Keine Frage, sie bemüht sich um ihre Schüler. Sie will sie erreichen, möchte, dass die Schüler sich gehört fühlen. Aber unterschwellig nagt trotzdem das Gefühl ständigen Versagens an der Deutschlehrerin. Denn ihrer eigentlichen Aufgabe – Wissen zu vermitteln und dafür zu sorgen, dass sie zumindest das Gros ihrer Schüler in ein Leben entlässt, dass diese gut alleine meistern können – kann sie gar nicht gerecht werden. Dass daran nicht sie, sondern die Umstände schuld sind, hilft nicht viel weiter.

Es ist ein ständiges, kräftezehrendes Arbeiten zwischen Engagement und Resignation. Wobei die Resignation nicht nur der schwierigen sozialen Lage der Schüler geschuldet ist, sondern ebenso den Arbeitsbedingungen. Denn die Schüler so fördern, wie sie es bräuchten, so Essert, das könne man beim derzeitigen Personalschlüssel nicht.

„Wenn Lehrer anfangen zu klagen, dann ist es eigentlich schon zu spät“, sagt ein paar Tage später am Telefon Sabine Geschwandtner. Und dass man noch so viele Stunden in eine Schule stecken könne, es bringe nur dann etwas, wenn es auch eine starke Lernidee gebe. Sabine Geschwandtner war zehn Jahre lang Direktorin an einer anderen Schule im sozialen Brennpunkt, der mit einigen Preisen ausgezeichneten Jean-Piaget-Schule in Marzahn-Hellersdorf. Wenn man mit ihr spricht, dann zeigt sich ein ganz anderes Bild von der Berliner Schullandschaft. Eines, in dem es um Optimismus geht, um Aufbruch, um gute Ideen, Tatkraft und Veränderung. Sabine Geschwandtner strahlt das selbst aus, diesen Optimismus und diese Tatkraft, sogar am Telefon. Sie gehört in der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung zu einer Arbeitsgruppe, die mit der Umsetzung der Schulstrukturreform befasst ist. Vor einem Jahr hat Berlin als eines der ersten Bundesländer überhaupt ein zweigliedriges Schulsystem eingeführt. Die Hauptschulen sind abgeschafft, aus den bisherigen Haupt-, Real- und Gesamtschulen sind 105 neue Sekundarschulen entstanden. Mehr soziale Gerechtigkeit, so hat Bildungssenator Jürgen Zöllner versprochen, werde es durch die Strukturreform geben und eine bessere soziale Durchmischung.

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Foto: Erik-Jan Ouwerkerk

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